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Titel
Horst Wessel. Tod und Verklärung eines Nationalsozialisten


Autor(en)
Siemens, Daniel
Erschienen
München 2009: Siedler Verlag
Umfang
351 S.
Preis
€ 19,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jörn Retterath, Institut für Zeitgeschichte München

Horst Wessel zählten die Nationalsozialisten neben Albert Leo Schlageter und den im November 1923 beim Marsch auf die Münchner Feldherrnhalle erschossenen Putschisten zu den wichtigsten Märtyrern der „Bewegung“. Unmittelbar nach seinem Tod im Februar 1930 wurde er von Joseph Goebbels zu einem Vorbild für die deutsche Jugend und das nationalsozialistische Deutschland aufgebaut. Bereits seine Beerdigung wurde zu einer Propagandaveranstaltung mit Filmaufnahmen im Auftrag der NSDAP. Ab 1933 trug das Gedenken an den erschossenen SA-Führer teilweise Züge einer religiösen Heiligenverehrung.

Mit dem Leben, dem Tod und dem Nachwirken Horst Wessels als nationalsozialistische Heldengestalt beschäftigt sich die Monographie von Daniel Siemens. In mitunter detektivischer Kleinarbeit trennt der Autor die Biographie von der Hagiographie Wessels. Zurückgreifen konnte der Bielefelder Historiker dabei auf eine umfangreiche Forschungsliteratur, auf zahlreiche während der NS-Zeit erschienene Schriften über Wessel und auf Dokumente in fast 40 Archiven (darunter auch eine im Alter von 21 Jahren verfasste Autobiographie Wessels). Damit gelingt es Daniel Siemens überzeugend das Leben und Sterben des jungen SA-Mannes zu rekonstruieren.

Der 1907 in Bielefeld geborene Horst Wessel entstammte einem protestantischen Pfarrhaus und wurde wohl durch die „völkisch-germanische“ Geisteshaltung seines Vaters geprägt. Nach dessen frühem Tod schloss sich Wessel der Jugendorganisation der Deutschnationalen Volkspartei, der Bismarckjugend, an. Außerdem trat er Mitte der 1920er-Jahre dem rechtsradikalen Wiking-Bund, einer geheimen Nachfolge-Einrichtung der Organisation Consul, bei. Jedoch genügte ihm die antidemokratische Grundhaltung des Bundes nicht – Wessel vermisste, so Siemens, „einen aufs Äußerste zielenden politischen Radikalismus“(S. 56). Im Dezember 1926 wurde Horst Wessel Mitglied der NSDAP. Zugleich schrieb er sich zum Studium der Rechtswissenschaften an der Berliner Universität ein und trat einer schlagenden Verbindung bei. Wessel nahm in Berlin an Straßenschlachten gegen Linke und Polizisten teil und fand hier, so Siemens, „sein ‚Fronterlebnis‘“(S. 72). Ab 1929 trat Wessel häufig als Parteiredner im Gau Groß-Berlin in Erscheinung und bekam die Führung eines SA-Sturms in Friedrichshain übertragen. Das später mit seinem Namen verbundene Kampflied „Die Fahne hoch!“ scheint Wessel wohl ebenfalls zu dieser Zeit verfasst zu haben. Wenige Wochen nach dem Unfalltod seines Bruders Werner, der bei ihm, so Siemens, eine „tiefe Lebenskrise“ (S. 98) auslöste, geschah am 14. Januar 1930 der Überfall auf Horst Wessel, an dessen Folgen er einen guten Monat später starb. Nach einem Streit mit seiner Vermieterin war die Situation eskaliert: Diese hatte in kommunistischen Kreisen über ihre Probleme geklagt, daraufhin zogen einige Männer zur Wohnung Wessels, um ihm eine „proletarische Abreibung“ zukommen zu lassen. Als der SA-Führer die Tür öffnete, traf ihn ein Schuss aus der Pistole des Tischlers Albrecht Höhler. Nach kommunistischer Version handelte es sich bei der Erschießung Wessels um eine Eifersuchtstat im Zuhälter-Milieu; die Nationalsozialisten hingegen sahen hinter der Ermordung politische Motive der Kommunisten.

Anhand der polizeilichen Ermittlungsakten kommt Siemens zu dem Schluss, dass die Tatmotive in einer Verquickung von persönlichen Ursachen und politischer Gegnerschaft zu suchen seien. Die Ermittlungen der Berliner Kriminalpolizei seien jedoch auffällig einseitig zu Ungunsten der Kommunisten geführt worden. In einem ersten Prozess wurden Höhler und weitere Angeklagte wegen gemeinschaftlichen Totschlags verurteilt; die Angeklagten hätten, so das Gericht, aus politischer Überzeugung gehandelt.

Nach seinem Tod verklärten die Nationalsozialisten die Biographie Horst Wessels zu einer modernen Passionsgeschichte: Zur Legendenbildung trug der Schriftsteller Hanns Heinz Ewers mit einem Roman über den jungen SA-Führer bei. Die Wessel-Familie beteiligte sich durch eigene Publikationen am Kult um ihren verstorbenen Angehörigen, versilberte seinen Nachlass und stritt um das Urheberrecht am Horst-Wessel-Lied, das zur offiziellen NSDAP-Parteihymne geworden war. An Schulen und Universitäten wurde Wessel als Held der Jugend verklärt. Allein in Berlin wurden ihm mindestens sechs Erinnerungsorte errichtet, auch entstanden in vielen deutschen Städten bald Denkmäler für den NS-Märtyrer. Nahe Bielefeld wurde im Teutoburger Wald ein großer Gedenkstein errichtet und auf dem Süntel bei Hameln ein monumentales Denkmal. Der NS-Heldenverehrung versuchten Bertolt Brecht und Klaus Mann mit eigenen Schriften über Horst Wessel entgegenzuwirken. Doch vermochten, wie Siemens herausarbeitet, es auch sie nicht, sich „von der inneren Logik der Propagandatexte“ (S. 205) zu befreien.

Der NS-„Machtergreifung“ folgte die Rache an den (tatsächlich und angeblich) Beteiligten des Überfalls auf Horst Wessel. Höhler wurde aus dem Gefängnis geholt und von führenden Gestapo- und SA-Männern – unter ihnen Rudolf Diels, Richard Fiedler und August Wilhelm von Preußen – ermordet. In einem zweiten Prozess wurden 1934 drei bislang nicht verurteilte angebliche Tatbeteiligte wegen gemeinschaftlichen Mordes angeklagt und abgeurteilt – zwei von ihnen wurden hingerichtet. Von den insgesamt 16 angeblich am Überfall auf Wessel beteiligten Personen starben während der NS-Zeit mindestens acht eines unnatürlichen Todes.

Die Nachkriegsjustiz zeigte sich dagegen nachlässig bei den Ermittlungen gegen die Täter, die sich der Tötung von angeblichen Beteiligten am Wessel-Überfall schuldig gemacht hatten. Viele der mutmaßlichen NS-Täter konnten im Nachkriegsdeutschland weiter Karriere machen. Die Aufhebung der Unrechtsurteile aus dem zweiten Wessel-Prozess erfolgte erst 2009 auf Antrag des Autors Daniel Siemens.

Mit der akribischen Auswertung neuer Quellen geht Siemens teilweise weit über den bisherigen Forschungsstand hinaus. Dennoch merkt der Autor selbst an, dass angesichts der schwierigen Überlieferungslage einige letzte biographische Lücken weiter bestehen bleiben. Vor allem durch das Auffinden der bisher verloren geglaubten Prozessakten von 1930 gelingt es Siemens, ein Schlüsselkapitel im Nachwirken Horst Wessels zu rekonstruieren. Die chronologische Gliederung in die drei Überkapitel zu Leben, zur Verklärung als nationalsozialistische Heldengestalt und zur Nachwirkung seit 1945, ist überzeugend und wird auch in den Unterkapiteln meist durchgehalten. Mitunter stören jedoch einzelne chronologische Sprünge, die thematischen Zusammenhängen geschuldet sind.

In seiner Biographie bemüht sich Siemens immer wieder darum, die zeitgenössische Atmosphäre, etwa die Straßenkämpfe im Berlin der 1920er-Jahre, das evangelisch-nationalsozialistische Milieu der „Deutschen Christen“ während der NS-Zeit oder die Vergangenheitsaufarbeitung in Westdeutschland nach 1945, wieder aufleben zu lassen. Mitunter sind diese Exkurse jedoch etwas zu lang geraten und stehen in keinem direkten Bezug zur Person Wessels, so etwa eine Passage über die Bodelschwinghschen Anstalten und ihre Rolle bei der Aufnahme von Frauen von NS-Tätern. Der Autor der insgesamt spannend geschriebenen Biographie liefert zwar zahlreiche Anhaltspunkte und Interpretamente bei der Beantwortung der beiden Leitfragen nach den Gründen für die NS-Begeisterung Wessels und für die Überhöhung zum „Parteiheiligen“, jedoch wäre die synthetisierende Beantwortung dieser Fragen in einem abschließenden Kapitel wünschenswert gewesen.

Trotz dieser kleineren Kritikpunkte ist es Daniel Siemens gelungen, eine wegweisende Biographie über Horst Wessel und sein Nachleben vorzulegen – ein Werk, das mit seinen fundierten und quellengesättigten Urteilen zu überzeugen weiß und sich dabei nicht nur an das Fachpublikum, sondern auch an eine breite interessierte Öffentlichkeit richtet.

Zitation
Jörn Retterath: Rezension zu: Siemens, Daniel: Horst Wessel. Tod und Verklärung eines Nationalsozialisten. München 2009 , in: H-Soz-Kult, 05.05.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-14028>.
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05.05.2010
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