S. Schalm: Überleben durch Arbeit?

Cover
Titel
Überleben durch Arbeit?. Außenkommandos und Außenlager des KZ Dachau 1933-1945


Autor(en)
Schalm, Sabine
Erschienen
Berlin 2009: Metropol Verlag
Umfang
368 S.
Preis
€ 21,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ulrich Fritz, KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

Im Gegensatz zu anderen Aspekten des nationalsozialistischen Verfolgungssystems hat die Geschichtswissenschaft das bei Kriegsende ausgedehnte Netz von KZ-Außenlagern lange Zeit vernachlässigt. Mittlerweile liegt mit der Reihe „Der Ort des Terrors“ die erste Gesamtdarstellung der nationalsozialistischen Konzentrationslager vor, die auch die Masse der heterogenen Außenlager vorstellt. Im amerikanischen Pendant, der „Encyclopedia of Camps and Ghettos“ des United States Holocaust Memorial Museum, sind kurze Überblicksaufsätze zu den Außenlagernetzen der einzelnen Hauptlager enthalten.[1] Tiefergehende Analysen der Außenlager, mit denen das KZ-System mitten in die Kriegsgesellschaft transferiert wurde, fehlen jedoch bis heute weitgehend.[2]

Sabine Schalm hat bereits für den zweiten Band von „Der Ort des Terrors“ zahlreiche Beiträge zu den Dachauer Außenlagern verfasst. Ihre Monographie „Überleben durch Arbeit?“, eine überarbeitete Doktorarbeit bei Wolfgang Benz an der Technischen Universität Berlin, unternimmt eine strukturelle Analyse der Außenkommandos und Außenlager des am längsten bestehenden Konzentrationslagers. Dabei „versteht sich diese Arbeit nicht als eine positionslose Rekonstruktion der Vergangenheit, sondern sowohl als kritische Wissensvermittlung wie auch als ein Instrumentarium für all jene, die sich mit der ‚willentlichen Unwissenheit‘ [die Primo Levi mit Blick auf die deutsche Bevölkerung konstatierte, U.F.] nicht zufriedengeben wollen“ (S. 12).

Sabine Schalm stützt sich auf eine Vielzahl von Quellen. Wichtig sind ihr vor allem Berichte ehemaliger Häftlinge und Zeitzeugen. Eine zweite Basis bilden Justizakten, zum einen die Unterlagen der Dachauer Prozesse ab 1946, zum anderen die 137 Vorermittlungsverfahren, welche die Zentrale Stelle in Ludwigsburg seit den 1960er-Jahren zu Dachauer Außenlagern führte. Firmenakten sind für Dachau hingegen kaum überliefert oder aber nicht zugänglich. Die Datenbank der KZ-Gedenkstätte Dachau ermöglichte eine quantitative Auswertung der Häftlingsschicksale.

Ein Übersichtskapitel fasst die Geschichte des KZ-Systems, des Arbeitseinsatzes von Häftlingen sowie des KZ Dachau prägnant zusammen (Kapitel 2). Dem Umfang und der Heterogenität des KZ-Komplexes Dachau setzt Sabine Schalm eine ausgefeilte Gliederung in vier Teile (Kapitel 3 bis 6) entgegen: Im ersten Teil untersucht sie die räumliche und zeitliche Ausdehnung des KZ-Komplexes Dachau, also Daten zur Eröffnung und Schließung von Außenlagern, zur chronologischen und topographischen Verteilung sowie zu Häftlingszahlen. Der zweite Teil widmet sich den „Machtstrukturen und Handlungsoptionen der führenden Akteure“ (S. 24), worunter Schalm neben dem Lagerpersonal und den Arbeitgebern auch die Funktionshäftlinge und die zivile Umwelt der Lager fasst. Im dritten Teil wird die Häftlingszwangsgesellschaft untersucht, neben einzelnen Häftlingsgruppen stehen systematische Fragen etwa nach der Zuweisungspraxis für bestimmte Gruppen im Fokus. Der vierte Teil erörtert die Existenzbedingungen der Häftlinge. Jeder Teil der Untersuchung ist in klare Unterpunkte gegliedert und wird von einem Resümee beschlossen, eine gesamte Schlussbetrachtung fehlt ebenso wenig.

Der Begriff „Außenlager“ wird in der KZ-Forschung gemeinhin als Unterbringung von Häftlingen außerhalb des Hauptlagers zum Zweck des Zwangsarbeitseinsatzes definiert. Dies genügt Sabine Schalm nicht. Mit Verweis auf die Heterogenität des Untersuchungsgegenstands (im Außenkommando Valepp war ein Gefangener auf einer Alm eingesetzt, im größten Außenlager Kaufering I mussten über 5.000 Häftlinge arbeiten) unterscheidet sie konsequent zwischen Außenkommandos und Außenlagern. Außenkommandos waren bis 1938 die einzige Organisationsform von Zwangsarbeit außerhalb des Hauptlagers Dachau. Sie zeichneten sich durch geringe Größe (meist unter 250 Häftlinge) und ebenso geringe Organisation aus. Die Außenlager hingegen waren stets größer und verfügten über eine eigene Verwaltungsstruktur ähnlich den Kommandanturstäben im Hauptlager. Sie wurden gesondert bewacht und häufig zu größeren Komplexen zusammengefasst, etwa dem Außenlagerkomplex Allach bei München oder in Friedrichshafen am Bodensee.

Sabine Schalm nimmt für ihr strukturierendes Vorgehen sowie für die durchgängige Unterscheidung von Außenkommandos und Außenlagern erklärtermaßen sprachliche und inhaltliche Redundanzen in Kauf. Mit welchem Gewinn belohnt sie ihre Leserschaft? Zunächst ist festzuhalten, dass die ausgeprägte Gliederung der Arbeit dem zielsicheren Leser eine zeitsparende Orientierung verschafft. Wer etwa kompakte Informationen über die Existenzbedingungen der Häftlinge sucht, findet diese über das Inhaltsverzeichnis schnell. Allerdings sind nicht alle Gliederungspunkte gleichermaßen überzeugend.

Während es Sabine Schalm im ersten Kapitel bei der chronologischen Betrachtung der Außenlager gelingt, die Situation in Dachau in die größeren Entwicklungslinien des KZ-Systems einzubetten, bringt die Frage nach der geographischen Ausdehnung keinen Erkenntnisgewinn. Hier werden lediglich die innerhalb bestimmter Radien um Dachau liegenden Außenkommandos und -lager vorgestellt, ohne dass eine Korrelation zu Entstehungszeit oder -kontext sichtbar wird. Aufschlussreicher ist wiederum die Belegungszahl: Nicht wenige der sehr kleinen Außenkommandos waren sogenannte „Gefälligkeitskommandos“, die häufig auf Intervention Heinrich Himmlers errichtet wurden. Die größeren Außenlager, die allesamt ab 1943 entstanden, dienten der Luftrüstung und Bauprojekten der Organisation Todt. Das kurze Kapitel über Lagertopographien zeigt exemplarisch die Stärke der Arbeit: Sabine Schalm gelingt es auf zehn Seiten, die heterogenen Unterbringungsformen für Häftlinge außerhalb des Hauptlagers nicht nur zu benennen, sondern sie als einen Teil der Gesamtgeschichte von Außenlagern und -kommandos des KZ Dachau zu beschreiben.

Im folgenden Kapitel „Machtstrukturen und Handlungsoptionen“ überzeugen vor allem die Abschnitte zu Lagerpersonal und Funktionshäftlingen. Im Fall der privatwirtschaftlichen Arbeitgeber, speziell der Rüstungsindustrie, verweist Schalm zu Recht auf die dünne Quellenlage. Allerdings hätte sie das nicht hindern müssen, weiter gehende Fragen zu stellen: Welche Rolle – sowohl quantitativ als auch qualitativ – spielte etwa der Einsatz von KZ-Häftlingen für die Firmen Messerschmitt oder BMW? War er zahlenmäßig bedeutend? Sollte er die restliche Belegschaft einschüchtern?

Die Analyse der „Häftlingsgesellschaft“ (Kapitel 5) spiegelt deutlich die Quellenlage. Die über 25.000 sowjetischen Häftlinge in Dachau werden auf einer knappen Seite abgehandelt, die 480 Zeugen Jehovas auf sieben Seiten. Sie waren eine der Gruppen mit der längsten Verfolgungsgeschichte in Dachau und spielten eine wichtige Rolle bei der Besetzung der kleinen Außenkommandos. Neben den Nationalitäten und Häftlingskategorien widmet Sabine Schalm Frauen, Jugendlichen und Kindern eigene Kapitel.

Besonders gelungen ist Schalms Darstellung der „Existenzbedingungen“ (Kapitel 6). Hier werden alle wesentlichen Aspekte wie Verpflegung, Hygiene, Arbeit, Strafen und Misshandlungen oder Flucht verhandelt, häufig mit längeren, plastischen Zitaten aus Erinnerungsberichten und Zeugenaussagen. Schalm bündelt diese Aspekte vor dem kapitelüblichen „Resümee“ in zwei Abschnitten zum kollektiven und individuellen Überleben und ordnet damit die heterogenen Phänomene in die gesamte Lagergeschichte ein.

Enttäuschend fällt die zu kurze Schlussbetrachtung aus. Sie beschränkt sich im Wesentlichen darauf, die vorgenommene Begriffsunterscheidung zwischen Außenkommandos und Außenlagern als sinnvolle Untersuchungskategorie zu bestätigen – deren Mehrwert hat sich dem Rezensenten nicht vollends erschlossen. Ungenutzt bleibt die Chance, hier nach der Sicht der Dachauer Kommandantur auf das expandierende Außenlagernetz zu fragen. Waren Außenlager und -kommandos potentielle Karrierestationen? Wurden missliebige oder unfähige Funktionsträger dorthin abgeschoben? Mit welchen Folgen für die Häftlinge? Die Schlussbetrachtung wäre vielleicht auch der Ort gewesen, den Titel der Arbeit zu erläutern, der etwas willkürlich bleibt.

Dass Außenlager-Forschung bis heute historische Grundlagenforschung ist, belegt abschließend der ausführliche Tabellenteil der Studie. Er führt unter anderem Orte auf, die in der Literatur bisher irrtümlich als Außenkommandos und Außenlager Dachaus geführt wurden. Aufwändig recherchiert und für den interessierten Leser äußerst nützlich ist die ausklappbare Karte des Dachauer Lager-Kosmos.

Sabine Schalm hat eine kompakte Studie zum Außenlagersystem des am längsten bestehenden Konzentrationslagers vorgelegt. Trotz inhaltlicher und sprachlicher Redundanzen – und gelegentlicher stilistischer Schieflagen – ist das Buch gut lesbar. Schalm bleibt jederzeit nah an ihrem Untersuchungsgegenstand und konzentriert sich auf die Perspektive der Häftlinge. Das verhindert in einigen Fällen tiefer gehende Analysen der Außenlager als Massenphänomen des KZ-Systems; wer Ansätze hierzu sucht, sei auf Marc Buggelns bereits erwähnte, beinahe doppelt so dicke Studie verwiesen. Im Gegenzug gelingt es der Autorin durch die Fokussierung und klare Gliederung der Arbeit, die höchst unterschiedlichen Erscheinungsformen von Außenkommandos und Außenlagern darzustellen und in die Geschichte des KZ Dachau einzuordnen. Wer die eingangs genannten Vorbedingungen der Außenlager-Forschung kennt, wird ihre Leistung besonders zu würdigen wissen.

Anmerkungen:
[1] Wolfgang Benz / Barbara Distel (Hrsg.), Der Ort des Terrors, 9 Bände, München 2003-2010. Geoffrey P. Megargee (Hrsg.), The United States Holocaust Memorial Museum Encyclopedia of Camps and Ghettos, 1933-1945. Volume I: Early Camps, Youth Camps, Concentration Camps and Subcamps under the SS-Business Administration Main Office (WVHA), 2 Parts, Bloomington 2009.
[2] Marc Buggelns Arbeit über die Außenlager des KZ Neuengamme war die erste neuere systematische Untersuchung eines KZ-Komplexes. Marc Buggeln, Arbeit & Gewalt. Das Außenlagersystem des KZ Neuengamme, Göttingen 2009. Weitere Arbeiten entstehen derzeit an der TU Berlin bei Wolfgang Benz: Andrea Rudorff widmet sich den Außenlagern des KZ Groß-Rosen, der Verfasser denen des KZ Flossenbürg. Die erste Gesamtdarstellung der Außenlager eines KZ-Hauptlagers lieferte Hans Brenner, Zur Rolle der Außenkommandos des KZ Flossenbürg im System der staatsmonopolistischen Rüstungswirtschaft des faschistischen deutschen Imperialismus und im antifaschistischen Widerstandskampf 1942-1945, 2 Bde., Diss. phil. Dresden 1982.

Zitation
Ulrich Fritz: Rezension zu: Schalm, Sabine: Überleben durch Arbeit?. Außenkommandos und Außenlager des KZ Dachau 1933-1945. Berlin 2009 , in: H-Soz-Kult, 14.07.2010, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-14674>.
Redaktion
Veröffentlicht am
14.07.2010
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Epoche
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Publikation
Sprache Publikation