Cover
Titel
Simon Wiesenthal. Die Biographie


Autor(en)
Segev, Tom
Erschienen
München 2010: Siedler Verlag
Umfang
574 S., 11 Abb.
Preis
€ 29,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Julia Wagner, Department of German, University College London

Viele Details aus Simon Wiesenthals bewegtem Leben (1908–2005) sind der Öffentlichkeit bereits durch Blockbuster wie „Recht, nicht Rache“ (1989) sowie Wiesenthals zahlreiche eigene Bücher und Artikel hinlänglich bekannt. Dennoch bleiben viele Lücken und Unklarheiten in Wiesenthals oft erzählter Biographie. Auch das Lebenswerk Wiesenthals wurde bisher sowohl in der Forschung als auch im öffentlichen Diskurs unterschiedlich bewertet. Während die einen ihn wegen seines Engagements für die Verfolgung von NS-Tätern als Helden feierten, sahen andere ihn als Störenfried oder zweifelten an der Wirksamkeit seiner Aktivitäten. Diesen Widersprüchen geht der israelische Journalist und Historiker Tom Segev in seiner Biographie Wiesenthals nach. Wiesenthal erscheint darin als eine schwer fassbare, vielschichtige Figur. Segev stellt ihn dar als einen „tragischen Helden, der sich stets in das Mysterium seiner Lebensgeschichte hüllte“ (S. 21f.). Behutsam nähert der Autor sich seinem Protagonisten und erkundet seine Geheimnisse – mit der Intention, Wiesenthal verstehen anstatt ihn überführen zu wollen. In seinem Buch gelingt Segev so ein faszinierendes und einfühlsames Portrait.

Nach dem Tod des berühmten „Nazijägers“ 2005 wurden dessen Büroräume in der Wiener Salztorgasse in ein Archiv umgewandelt. Auf den Regalen stapeln sich tausende Akten, die Wiesenthal über NS-Täter anlegte. Darunter sind beispielsweise zahlreiche Ordner, die Wiesenthals jahrzehntelange Fahndung nach dem KZ-Arzt Josef Mengele dokumentieren, sowie Akten über den ehemaligen Kommandanten von Sobibór und Treblinka Franz Stangl oder die ehemalige KZ-Aufseherin in Ravensbrück Hermine Brausteiner-Ryan, zu deren Verhaftung Wiesenthal maßgeblich beitrug. Daneben befindet sich dort ein Sammelsurium an Manuskripten, Briefen und Presseausschnitten. Jahrzehntelang führte Wiesenthal sorgfältig Buch über jede Information, verfolgte jedes Gerücht über den Aufenthaltsort der von ihm gesuchten Täter und korrespondierte mit Stellen und Einzelpersonen auf der ganzen Welt. Segev hat dieses Material nun erstmals systematisch ausgewertet. Zusammen mit den Ergebnissen umfangreicher Recherchen in 15 weiteren Archiven in Europa, Israel und den USA dient es ihm als Basis für die Rekonstruktion von Wiesenthals ereignisreichem Leben. Dieses begann 1908 in dem galizischen Städtchen Buczacz. Wiesenthals Stiefvater war ein wohlhabender Fabrikant, der es Wiesenthal ermöglichte, in Prag und anschließend in Lwów (Lemberg) Bauwesen zu studieren. In Lwów fand Wiesenthal Arbeit als Ingenieur und heiratete seine Jugendliebe Cyla Müller. Der Einmarsch der Roten Armee in Polen im September 1939 brachte Repressalien und den wirtschaftlichen Ruin für die jüdische Bevölkerung der Stadt mit sich, doch erst zu Beginn der deutschen Okkupation wurde der junge Ingenieur zu Zwangsarbeit verpflichtet und zur Umsiedlung ins Ghetto gezwungen. Es folgten vergebliche Fluchtversuche und eine Odyssee durch mehrere Konzentrationslager. Das Kriegsende erlebte Wiesenthal geschwächt und ausgemergelt im Lager Mauthausen, das von amerikanischen Truppen befreit wurde.

Sobald er wieder einigermaßen zu Kräften gekommen war, begann Wiesenthal zunächst für die amerikanische Besatzungsmacht ehemalige SS-Männer aufzuspüren. Etwas später gründete er ein eigenes Dokumentationszentrum in Linz, wo er Zeugenaussagen und Beweismittel über NS-Verbrechen zusammentrug und an Gerichte weiterleitete. Kurz nach dem Krieg traf er seine Frau wieder, die versteckt in Krakau überlebt hatte. Beide hatten zusammen über 80 Verwandte verloren. Zurück nach Polen wollte das Paar nicht, und auch Pläne für eine Emigration in die USA oder nach Palästina verwarf es bald wieder. Dennoch knüpfte Wiesenthal bereits kurz nach der Staatsgründung Verbindungen zu israelischen Stellen, denen er Informationen vermittelte und die seine Arbeit auch finanziell unterstützten. Nach anfänglichen Erfolgen erlahmte das öffentliche Interesse an der Verfolgung von NS-Tätern in den Nachfolgestaaten des „Dritten Reiches“ jedoch bald, und Wiesenthal sah sich schließlich gezwungen, seine Dokumentationsstelle aufzulösen.

Wiesenthal war einer der ersten, die sich für Adolf Eichmann interessierten, und seine Mitwirkung an der Suche katapultierte ihn nach Eichmanns Entführung 1960 schlagartig ins Licht der Öffentlichkeit. Diese plötzliche Bekanntheit ermöglichte es Wiesenthal, seine Suche nach NS-Tätern fortzuführen. Er gründete ein neues Dokumentationszentrum in Wien, von wo aus er bis ins hohe Alter Material über NS-Verbrecher sammelte und zur Verhaftung Hunderter NS-Täter beitrug. Seinem Lebensthema, der Suche nach Gerechtigkeit, verschrieb er sich mit Leib und Seele und verfolgte es trotz vieler Anfeindungen und eines Anschlags auf sein Leben. Aufgrund seines unermüdlichen Engagements, seiner Bücher und der Mitwirkung an mehreren Filmen wurde er zu einer prominenten Persönlichkeit und war als moralische Autorität weltweit anerkannt. Sein Dokumentationszentrum entwickelte sich zu einer international respektierten Institution. Zu Wiesenthals Bekanntheit trugen, wie Segev darlegt, nicht zuletzt auch seine öffentlich geführten Dispute mit Institutionen wie dem World Jewish Council und die bittere Auseinandersetzung mit dem österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky bei.

Beim Zusammensetzen von Wiesenthals Lebensgeschichte stößt der Autor auf viele Ungereimtheiten. Oftmals stellt er Wiesenthals Darstellung seinen eigenen, aus den Archivmaterialien gewonnenen Erkenntnissen gegenüber. Aus diesem Vergleich geht Wiesenthal als ein unzuverlässiger Erzähler hervor, der Ereignisse gern dramatisierte, seine eigene Rolle übertrieb und seine Geschichten sogar um frei erfundene Episoden anreicherte. Oft existieren daher sogar recht unterschiedliche Versionen derselben Ereignisse in den verschiedenen Publikationen und Interviews Wiesenthals. Ein interessantes Beispiel hierfür stellen Wiesenthals Beschreibungen der Verhaftung und Deportation seiner Mutter dar. Hier vermutet Segev, dass Wiesenthals Schuldgefühle über sein eigenes Unvermögen, die Mutter zu retten, nach und nach zu einer fortschreitenden Verzerrung dieser Episode führten. Vor allem in der Beschreibung der „Jagd“ nach NS-Tätern nahm sich Wiesenthal dichterische Freiheiten. Dennoch unterstellt Segev seiner Hauptfigur auch hier nicht bewusste Täuschung, sondern sieht Wiesenthal vielmehr als einen mit überbordender Phantasie ausgestatteten Erzähler, bisweilen in die Irre geleitet von Eitelkeit und getrieben von Schuldgefühlen. Segev zufolge entwickelte sich Wiesenthal mit der Zeit zum geschickten Medienmanipulator, der nicht davor zurückscheute, absichtlich vor laufender Kamera in Tränen auszubrechen, um einem Thema die nötige Emotionalität zu verleihen. Doch trotz vieler Abweichungen von der Wahrheit und trickreicher Präsentation ging es Wiesenthal laut Segev letztendlich immer darum, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren und für Gerechtigkeit zu kämpfen.

Segevs mitreißend geschriebenes Buch situiert Wiesenthals Biographie in großen geschichtlichen und politischen Zusammenhängen. Erst dadurch macht Segev die Singularität dieser Figur erkennbar. Sein besonderes Interesse gilt dabei Wiesenthals Beziehung zu Israel, die gewissermaßen den roten Faden des Buchs darstellt. Segev weist nicht nur Wiesenthals Kooperation mit den israelischen Geheimdiensten nach, sondern zeigt auch auf, dass die israelische Öffentlichkeit einen wichtigen Referenzpunkt für Wiesenthal bildete. In dieser Kontextualisierung liegt der wirkliche Neuigkeitswert dieser Biographie.

Insgesamt ergibt sich aus Segevs Buch das Bild eines aufrechten, aber einsamen und streitbaren Mannes, der zum standhaften Verfechter seines Ziels wurde. Trotz vieler Fehlbarkeiten und Irrwege lag er, so argumentiert Segev, mit seinen grundlegenden Überzeugungen richtig und leistete so einen wichtigen Beitrag zur „Vergangenheitsbewältigung“. Damit unterscheidet sich Segevs Beurteilung grundlegend von derjenigen anderer Autoren wie Guy Walters[1], die Wiesenthals Widersprüchlichkeit zum Anlass nehmen, seine historische Bedeutung zu negieren. Segev würdigt nicht nur Wiesenthals Engagement für die Verfolgung von NS-Verbrechern, sondern vor allem seine Rolle in der Erinnerungskultur. Obwohl ihm in der Öffentlichkeit vielfach Gegenwind entgegenschlug, setzte sich Wiesenthal unermüdlich für die Erinnerung an den Genozid an den Juden ein. Insofern sagt die Biographie nicht nur viel über den Protagonisten aus, sondern dokumentiert zugleich gesellschaftliche Verhältnisse, Kommunikationsbedingungen und Abwehrmechanismen der Nachkriegszeit.

Anmerkung:
[1] Guy Walters, Hunting Evil. The Nazi War Criminals Who Escaped and the Hunt to Bring them to Justice, London 2009.

Zitation
Julia Wagner: Rezension zu: Segev, Tom: Simon Wiesenthal. Die Biographie. München 2010 , in: H-Soz-Kult, 25.01.2011, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-14853>.