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Titel
Hitlers Charisma. Die Erfindung eines deutschen Messias


Autor(en)
Herbst, Ludolf
Erschienen
Frankfurt am Main 2010: S. Fischer
Umfang
336 S.
Preis
€ 22,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Claus Kröger, Fakultät für Geschichtswissenschaft, Universität Bielefeld

Den Nationalsozialismus als charismatische Herrschaft zu interpretieren, ist kein Konzept mehr, das man unter Innovationsverdacht stellen müsste. Vielmehr reichen solche Versuche bis in die 1940er-Jahre zurück. Heute wird man in etlichen Einführungen zum Nationalsozialismus unter dem Stichwort „Charismatische Herrschaft“ fündig. Eine Erfolgsgeschichte also? Mitnichten, folgt man Ludolf Herbst. Er schrieb bereits vor einigen Jahren, dass „die Anwendung von Webers Idealtyp charismatischer Herrschaft auf den Nationalsozialismus eine lange, wenig erfolgreiche Tradition bei Historikern“ habe.[1] Mit einer solchen Kritik steht Herbst nicht allein: Der Historiker drehe die „weberianische Gebetsmühle“ und entdecke eine „neue paradigmatische Superwaffe: Charisma“, so ironisch hat das etwa Richard Evans formuliert.[2] Für Armin Nolzen gilt, dass sowohl Webers Konzept der bürokratisch-legalen als auch dasjenige der charismatischen Herrschaft „poorly fitted to apply to the Third Reich“ seien.[3] So weit geht Herbst aber nicht. Für ihn liegt das Problem vor allem in der Rezeption der Weberschen Typologie, weniger in der Herrschaftssoziologie selber.

Gleich zu Beginn schreibt Herbst in aller Deutlichkeit: „Es ist die zentrale These dieses Buches, daß Hitler gemeinsam mit einem kleinen Kreis von Gefolgsleuten die Legende des charismatischen Führers erfand, um die messianischen Erwartungen der Menschen im Deutschland der krisengeschüttelten Zwischenkriegszeit für die NSDAP nutzbar zu machen. Die Legende des charismatischen ‚Führers’ war daher ein Coup, der als Mythos des Anfangs in die Propaganda des sogenannten Dritten Reiches paßte, in Hitlers Reden immer wieder aufgegriffen und auf diese Weise popularisiert wurde“ (S. 14). Auf den ersten Blick mag eine solche Behauptung alles andere als gewagt anmuten. Doch damit ist eine Kampfansage an wichtige Teile der bisherigen Forschung verbunden. Während etwa Hans-Ulrich Wehler und Ian Kershaw in enger Anlehnung an Weber betonen, charismatische Herrschaft sei eine soziale Beziehung, getragen vom Glauben der Beherrschten und damit letztlich ein Produkt gesellschaftlicher Erwartungen, verweist Herbst darauf, dass sich aus solchen, durchaus plausiblen Vorannahmen kein operationalisierbares Forschungsprogramm ableiten lasse: Ob die Mehrzahl der Anhänger und Wähler der NSDAP, später dann eine Mehrheit der reichsdeutschen Bevölkerung Hitler wirklich „außeralltägliche“ Qualitäten zugeschrieben habe und ein darauf fußender Glaube der wesentliche Legitimitätsgrund der nationalsozialistischen Herrschaft gewesen sei, ist, wie Herbst betont, aus den vorhandenen Quellen – im wesentlichen Bekenntnisschrifttum, SD- und SoPaDe-Berichte sowie Wahlergebnisse – nach wissenschaftlichen Kriterien nicht zu ermitteln. Die Zustimmung zu Hitler bzw. zum Nationalsozialismus könne auch taktisch motiviert und durch rationales Kalkül bedingt gewesen sein. Fokussiere man in der Analyse zu sehr auf einen vermeintlichen Glauben der Deutschen an den charismatischen „Führer“ Adolf Hitler, gerate man zudem in eine bedenkliche Nähe zur nationalsozialistischen Selbstdarstellung.

Dabei kann Herbst für seinen eigenen Ansatz keineswegs mit neuen Quellenfunden aufwarten, vielmehr unterzieht er vor allem die vorliegende Literatur einer kritischen Re-Lektüre. Im ersten Abschnitt „’Charisma’ bei Max Weber“ rekonstruiert er Webers Herrschaftssoziologie, nimmt bisherige Versuche, den Nationalsozialismus mit Hilfe der Weberschen Typologie zu analysieren, in den Blick und wendet sich schließlich dem Problem der „Veralltäglichung“ des Charismas sowie der wichtigen Frage zu, wie Webers Konzept für die Untersuchung zu operationalisieren sei. Denn bislang sei das bei Weber zentrale Problem der Veralltäglichung des Charismas sträflich vernachlässigt sowie der Idealtypus der charismatischen Herrschaft allein betrachtet worden. Herbsts Devise hingegen ist: Wer in Anlehnung an Max Weber von Charisma und charismatischer Herrschaft sprechen will, darf von Webers Herrschaftssoziologie im Ganzen nicht schweigen. Sehr zu Recht hebt Herbst hervor, dass Weber davon ausging, reale Herrschaftsgebilde seien Mischformen aus traditionalen, legalen und charismatischen Elementen. Der zu rein heuristischen Zwecken konzipierte Idealtyp kann nicht als Beschreibungsbegriff für vergangene Wirklichkeit benutzt werden.

In konzeptioneller Hinsicht schlägt Herbst vor, für die Analyse von Hitlers Herrschaft Arthur Schweitzers Formel des „synergetischen Charismas“ zu nutzen: „Synergetisches Charisma liegt […] vor, wenn charismatische und nichtcharismatische Elemente so miteinander agieren, daß das charismatische Element gestärkt wird“ (S. 42). So wird die gesamte Herrschaftstypologie berücksichtigt und zugleich „eine Hypothese für die Dynamik der Veralltäglichung“ (S. 57) formuliert.

Im zweiten, mit „Hitlers Charisma“ betitelten Abschnitt analysiert Herbst Hitlers Aufstieg von 1919 bis zu Hindenburgs Tod im Jahre 1934. Am Anfang stand die Reichswehr, hier wurde Hitlers Redetalent entdeckt und gefördert. Als Hitler Ende 1919 der Deutschen Arbeiter-Partei, der Vorläuferorganisation der NSDAP, beitrat, erhielt er die Gelegenheit, sein rhetorisches Talent vor wachsendem Publikum zu beweisen und sukzessive Anhänger zu mobilisieren. Aus diesen Anhängern formte sich eine Gefolgschaft. Herbst zufolge lassen sich hier drei verschiedene Personenkreise ausmachen. Eine Gruppe von Mentoren und Ratgebern, mehrheitlich ältere Männer und Frauen, ein Kreis von Gleichaltrigen oder Jüngeren, die „Jünger“ im eigentlichen Sinne, schließlich der weitgezogene Kreis der „Unterstützer- und Sympathisantenszene“ (S. 137). In der Entourage Hitlers vollzog sich dann eine entscheidende Weichenstellung – der Führer-Mythos wurde geschaffen. Die zentrale Figur in diesem Zusammenhang war der Schriftsteller und völkische Publizist Dietrich Eckart, der von August 1921 bis März 1923 als Chefredakteur des „Völkischen Beobachters“ amtierte. Seit Ende 1922/Anfang 1923 war der „Völkische Beobachter“ dasjenige Medium, das Hitler zum charismatischen Führer der NSDAP wie auch zum „Messias“ des deutschen Volkes insgesamt stilisierte. Dieser Herrschaftsanspruch blieb indes selbst unter den Nationalsozialisten noch lange umstritten und setzte sich erst allmählich im zersplitterten völkischen Lager als kleinster gemeinsamer Nenner durch. Der Hitler-Anhänger sei zudem in zweierlei Gestalt zu finden gewesen: „Neben dem an Hitler wirklich glaubenden Parteigenossen gab es den Typus des funktionalen Bekenners“ (S. 269). Letzterer propagierte das charismatische Führerbild aus Gründen der Parteiräson.

Innerhalb der NSDAP löste dieses Arrangement einen „Modernisierungsschub in Richtung auf eine bürokratisch-strukturierte Massenpartei“ (S. 161) aus. Der gescheiterte Hitler-Ludendorff-Putsch vom November 1923 bedeutete letztlich nur einen zeitweisen Rückschlag, verstärkte aber die Tendenz, „den Führer aus dem Bild des Führers entstehen zu lassen“ (S. 179). Im Laufe der 1920er-Jahre gelang es, scheinbar Gegensätzliches erfolgreich zu kombinieren und Synergieeffekte zwischen Bürokratie und Charisma zu generieren. Die NSDAP inszenierte sich einerseits als charismatische Führerpartei, bedurfte aber dazu andererseits einer wachsenden bürokratischen Maschinerie – ablesbar auch an der Fülle der nationalsozialistischen berufsständischen Gliederungen, die, beginnend mit dem „Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund“, seit 1925 geschaffen wurden, um das Wählerpotential möglichst vollständig zu erschließen. So führt Herbst denn auch die Erfolge der Nationalsozialisten in den Wahlkämpfen der Jahre 1930 und 1932 nicht auf ein vermeintliches Charisma Hitlers zurück, sondern auf die schlagkräftige Organisationsstruktur der NSDAP. Die Machtübernahme 1933 ermöglichte dann nicht nur den unbegrenzten Zugriff auf Rundfunk und Film und damit auf ganz neue Möglichkeiten, Hitler als Charismatiker zu inszenieren. Zugleich betrieben die Nationalsozialisten nun eine Politik der Akkumulierung von Amtscharisma.

Das Buch endet abrupt, und es mutet irritierend an, dass die Untersuchung nicht bis 1945 fortgeführt wird, sondern bereits 1934 endet. Herbsts Argument, so entgehe man der Gefahr, „den Manipulationskünsten der nationalsozialistischen Herrschaft aufzusitzen“ (S. 14), vermag nicht wirklich zu überzeugen. Dessen ungeachtet gelingt es ihm in faszinierender Weise, mit Hilfe einer überzeugenden Operationalisierung der Weberschen Herrschaftstypologie einem vermeintlich hinreichend erforschten Sujet neue Facetten abzugewinnen. In Herbsts Perspektive erweist sich Hitler zwar nicht als in mancherlei Hinsicht schwacher, aber als ein recht gewöhnlicher Parteiführer und Diktator, dessen Außeralltäglichkeit sich als Inszenierung mit fraglicher Bindekraft entpuppt. So ist zugleich die Frage nach den Ursachen der Stabilität der nationalsozialistischen Herrschaft neu gestellt.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Ludolf Herbst: Rezension zu: Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 4: Vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten 1914-1949. München 2003, in: H-Soz-u-Kult, 23.10.2003, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2003-4-046> (21.12.2010).
[2] Richard J. Evans, Bürgerliche Gesellschaft und charismatische Herrschaft, in: Die Zeit vom 13.10.1995.
[3] Armin Nolzen, Charismatic Legitimation and Bureaucratic Rule: The NSDAP in the Third Reich, 1933-1945, in: German History 23,4 (2005), S. 494-518, Zitat S. 514.

Zitation
Claus Kröger: Rezension zu: Herbst, Ludolf: Hitlers Charisma. Die Erfindung eines deutschen Messias. Frankfurt am Main 2010 , in: H-Soz-Kult, 14.01.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-15004>.
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14.01.2011
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