R. Behrwald u.a. (Hrsg.): Rom in der Spätantike

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Titel
Rom in der Spätantike. Historische Erinnerung im städtischen Raum


Hrsg. v.
Behrwald, Ralf; Witschel, Christian
Erschienen
Stuttgart 2012: Franz Steiner Verlag
Umfang
409 S.
Preis
€ 64,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Hansjoachim Andres, Institut für Altertumswissenschaften, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Räume und Wahrnehmung von Räumen sind in den letzten Jahren verstärkt in den Fokus der Geschichtswissenschaft gerückt. So widmet sich auch der vorliegende Band, hervorgegangen aus einem interdisziplinären Kolloquium des Seminars für Alte Geschichte und Epigraphik der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg vom 7. bis 8. Juli 2006, der fächerübergreifenden Untersuchung der Stadt Rom in der Spätantike als Wahrnehmungsraum historischer Ereignisse und Ort vielschichtigen historischen Erinnerns. Bedingt durch die Dauer der Redaktion des Bandes entspricht der Forschungsstand der versammelten 15 Arbeiten etwa den Jahren 2008/2009.

In ihrer Einführung widmen sich die Herausgeber den Konzepten des kulturellen Gedächtnisses und der Erinnerungsorte aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Aleida und Jan Assmann, Pierre Nora) sowie der Kritik an diesen, um sich sodann den Erinnerungsräumen und Erinnerungsformen im spätantiken Rom zuzuwenden. Die Wurzeln des veränderten „Erlebnis von Urbanität“ (S. 19) werden in drei Komplexen gesehen: der Entstehung neuer Kaiserresidenzen mit daraus folgender veränderter administrativer und politischer Stellung der Stadt und des Senatorenstandes, der Christianisierung des Reiches und der Stadt sowie der Veränderung von sozialen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Der Betrachtung des stadtrömischen senatorischen Milieus und der senatorischen Veränderungen im spätantiken Stadtbild kommt dahingehend eine besondere Bedeutung zu. Die folgenden Aufsätze gliedern sich in drei Komplexe: säkulare Erinnerungsorte im spätantiken Rom, christliche Erinnerungsorte und historische Erinnerung in den spätantiken Inschriften Roms.

Sebastian Schmidt-Hofner untersucht in seinem Beitrag die Sinnstiftung in der Kommunikation zwischen Kaiser, Senat und Volk anlässlich spätantiker Kaiserbesuche in Rom. Ausgehend von der Schilderung des Rombesuches Constantius’ II. im Jahr 357 durch Ammianus Marcellinus wird das Spannungsfeld zwischen der ins Sakrale erhobenen Majestät spätantiker Kaiser und der bei einem Besuch der Stadt gebotenen civilitas aufgezeigt. Unter Zuhilfenahme der Beobachtung, dass das Trajansforum regelmäßiger Höhepunkt kaiserlicher Aufenthalte war, und unter Verweis auf die Bedeutung des Kaisers Trajan in der Spätantike wird gezeigt, dass sich ein spätantiker Kaiser mit der Zurschaustellung trajanischer civilitas an einem trajanischen Ort der positiven Eigenschaften dieses optimus princeps versichern, in die Tradition der „guten Kaiser“ stellen und Verbundenheit mit der stadtrömischen Elite und ihren Idealen (besonders in Krisenzeiten) demonstrieren konnte.

Richard Lims Aufsatz geht den sakralen Aspekten des Circus nach. Denkt man an die Überlieferung antiquarischer Zeugnisse zur Sakralität des Circus in Tertullians Texten, so ist zu beachten, dass ihm am Erweis der paganen Natur der Spiele gelegen war, um gegen diese vorzugehen, was aber nicht dem Konsens seiner Zeit entsprochen hat, erfreute sich doch die Institution besonders kaiserlicher Förderung. Durch Abtrennung von den sakralen Wurzeln wurden die öffentlichen Schauspiele, die als Medium der gesellschaftlichen Verständigung benötigt wurden, von kaiserlicher Seite in die neue Kategorie des Säkularen versetzt und somit in einem christianisierten Reich bedenkenlos. Dies ist aber nur ein Aspekt: In der Spätantike war es – abhängig von der eigenen Aussageabsicht – möglich, den Circus verschieden zu interpretieren: als altes paganes Heiligtum, als altrömische Institution und als Abbild des Kosmos mit astrologischen Konnotationen. Somit wurde er im Vergleich zur vorherigen Zeit nicht ausschließlich desakralisiert oder resakralisiert, sondern gegenüber einer Vielzahl von Optionen geöffnet.

Robert Coates-Stephens widmet sich den Auswirkungen der ursprünglichen Aurelianischen Mauer sowohl auf das vorhandene Stadtbild als auch auf die Psyche der Bewohner Roms. Ersteres wurde mit der Errichtung der Befestigungsanlagen an den betreffenden Stellen zerstört und zerschnitten und erhielt so einen neuen Charakter. Die neue Geschlossenheit der Stadt veränderte die verschiedenen Arten von Strömen, welche in die Stadt gelangten und sie verließen, von Kommunikations- bis hin zu Warenströmen.

Die Arbeit Carlos Machados beschäftigt sich mit dem Ende der römischen domus im Kontext der spätantiken Stadt. Aristokratische Häuser waren stets auch Orte einer bestimmten Erinnerungskultur, die sich der großen Vergangenheit der bedeutenden römischen Geschlechter annahm. Über Jahrhunderte blieben bestimmte Anwesen mit den Namen ihrer zumeist spätrepublikanischen Bauherrn und Eigentümer verbunden. Der Niedergang der domus ist nicht allein barbarischen Invasionen, sondern einem breiteren Ursachenspektrum zuzuschreiben und eng mit dem Niedergang der sie bewohnenden sozialen Schicht verbunden. Zudem erörtert Machado den Übergang privater Anwesen in Kircheneigentum und die damit einhergehende Veränderung in der Erinnerungskultur.

Valérie Fauvinet-Ranson befasst sich mit der heidnischen Stadtlandschaft Roms in Cassiodors Variae. Es fällt auf, dass die christliche Topographie der Stadt bei diesem zweifellos christlichen Autor weitgehend fehlt. Dies ist mit der Einordnung in eine von mehreren Beschreibungstraditionen zu erklären, die sich durch andere Quellen zu Stadtbild und mirabilia fassen lässt. Mit der Wahl einer heidnischen Konvention aus den Zeiten der größten Kaiser Roms verfolgt Cassiodor das Ziel, Theoderich als deren angemessenen Nachfolger darzustellen und zugleich katholisch-arianische und römisch-gotische Spannungen durch Beschwörung dieser glorreichen, aber gewissermaßen neutralen heidnischen Vergangenheit auszublenden. Zudem ist zu bedenken, dass Cassiodor Kirchen wohl nicht im eigentlichen Sinne als loca publica betrachtete.

Franz Alto Bauers Aufsatz beschäftigt sich mit der konstantinischen Petersbasilika als Ort kollektiver Erinnerung in der Spätantike. Mit dem Wunsch nach Bestattung in der Nähe des ersten Apostels gewinnt die Basilika an Bedeutung, die päpstlicherseits zur Steigerung der eigenen geistlichen und weltlichen Position weiter bestärkt wurde. Zentrale Aspekte seien dabei die Papstgräber in der Basilika, die Ausschmückung der Kirche und die Neudefinition des Gebäudes als Ort der päpstlichen Liturgie gewesen. Auch die Zunahme des Pilgerwesens und herrscherlicher Geschenke kommt zur Sprache. Die Basilika wurde zum sichtbaren Äquivalent des heiligen Petrus.

Beat Brenk unternimmt in seinem Beitrag an ausgewählten Beispielen eine Deutung der topographischen Situation römischer Kirchen im städtischen Kontext. An den Kirchen SS. Cosmae et Damiani, S. Vitale, SS. Ioannis et Pauli und S. Pauli extra muros wird jeweils eine bestimmte Aussageabsicht in Anbetracht des Umfelds des jeweiligen Baus rekonstruiert.

Steffen Diefenbach untersucht für das späte 4. Jahrhundert, „inwieweit die Orte der stadtrömischen Heiligenmemoria räumliche Kristallisationspunkte unterschiedlicher kollektiver Identitäten bildeten, welche durch Bezugnahme auf diese Erinnerungsräume vermittelt wurden“ (S. 194). Bezugspunkt ist dabei, hauptsächlich bedingt durch die Quellenlage, Bischof Damasus. Absicht seiner Epigramme ist es, den allgemeinen caput-mundi-Aspekt Roms auf die kirchliche Organisation und den „christlichen Diskursraum“ (S. 234) auszuweiten.

Mit Damasus’ Wiederbelebung des römischen Märtyrergedenkens beschäftigt sich Marianne Sághy. Durch die monumentale Sichtbarmachung der Helden des Glaubens und die Veröffentlichung des historischen Gedächtnisses der Kirche versuchte Damasus, seine Macht zu festigen und Einigkeit in den gespaltenen Gemeinden Roms zu schaffen. Durch Prozessionen und Pilgerzüge zu den Gräbern wurden deren außerhalb der Stadt befindliche Orte in den urbanen Raum integriert.

Ralf Behrwalds Aufsatz behandelt passiones römischer Märtyrer hinsichtlich der Verlässlichkeit der in ihnen enthaltenen topographischen Angaben und der Auswahl und Funktion der genannten Orte in den Texten. Die Zuverlässigkeit des topographischen Materials ist in der Regel gering, auch ging die Aussageabsicht der Autoren hinsichtlich der Verortung des Erzählten nicht über die Schaffung eines Hintergrundes und eine Beglaubigung des Berichts hinaus. Mit Ausnahme des Kapitols sind einzelne pagane Tempel in den passiones nicht von größerer Bedeutung und oft auswechselbare Begriffe. Großbauten regten als palatia die Fantasie der in den späteren und bescheideneren urbanen Verhältnissen lebenden Autoren an.

Die Beiträge Silvia Orlandis, John Weisweilers, Philippe Bruggissers und Christian Witschels füllen die epigraphische Sektion des Bandes: Während sich Orlandi mit der Erwähnung der Vergangenheit in spätantiken römischen Inschriften befasst, beschäftigt sich Weisweiler mit den epigraphisch überlieferten Kaiserbriefen an den Basen römischer Ehrenstatuen, mit denen die Aufstellung der Monumente genehmigt wurde. An der 337 aufgestellten Statue des L. Aradius Valerius Proculus ist die Anbringung einer solchen oratio (CIL VI 40776) das erste Mal zu fassen. Der Ursprung dieses Brauches ist wohl in der während der Spätantike räumlich wie symbolisch zunehmenden Entfernung der Kaiser von Rom zu sehen, wodurch Kaisernähe für die römische Aristokratie eine neue Dimension gewann. Bruggisser untersucht den Terminus sacrosanctus in der Spätantike unter besonderer Berücksichtigung der Umstände, unter denen dieser an bestimmte Räume angeheftet wird. Witschel schließlich befasst sich unter Bezugnahme auf älteres Material mit stadtrömischen Inschriften des 4. und 5. Jahrhunderts hinsichtlich ihrer Rolle bei der Schaffung von Erinnerungslandschaften. Ausgehend von der Feststellung, dass in der fraglichen Epoche in Rom traditionelle römische Inschriften neben den neuen christlichen Inschriften existierten, wird der Sitz im Leben der beiden Genera nicht zuletzt in topographischer Hinsicht untersucht und eine Suche nach Querverbindungen unternommen.

Der interdisziplinäre Band bietet eine Fülle interessanter Untersuchungsansätze, die einzelne Aspekte des spätantiken Rom in neuem Licht erscheinen lassen und von denen jeder auf seine Weise dem Thema der historischen Erinnerung im städtischen Raum verpflichtet ist. Damit liegt der wünschenswerte Fall vor, dass verschiedene Teilbereiche der Altertumswissenschaften in der Untersuchung eines Themas nutzbringend zusammenarbeiten und sich gegenseitig ergänzen.

Zitation
Hansjoachim Andres: Rezension zu: Behrwald, Ralf; Witschel, Christian (Hrsg.): Rom in der Spätantike. Historische Erinnerung im städtischen Raum. Stuttgart 2012 , in: H-Soz-Kult, 06.06.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-19611>.