T. Jungkind: Risikokultur und Störfallverhalten der chemischen Industrie

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Titel
Risikokultur und Störfallverhalten der chemischen Industrie. Gesellschaftliche Einflüsse auf das unternehmerische Handeln von Bayer und Henkel seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts


Autor(en)
Jungkind, Thilo
Erschienen
Stuttgart 2013: Franz Steiner Verlag
Umfang
332 S., 12 schw.-w. Abb.
Preis
€ 56,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Markus Raasch, Historisches Seminar, Johannes-Gutenberg-Universität Mainz

Es mutet durchaus erstaunlich an, dass Thilo Jungkind mit seiner in Konstanz entstandenen Dissertation wissenschaftliches Neuland betritt. Gleichwohl hat die Unternehmensgeschichte die Zusammenhänge zwischen Risikomanagement und gesellschaftlichem Wertewandel bisher weitgehend unbeachtet gelassen. Die Frage, inwiefern der unternehmerische Umgang mit Risikotechnologien und aus ihnen resultierenden Störfällen als kulturell konstruiert betrachtet werden muss, hat trotz eminenter Gegenwartsrelevanz keine fundierte wissenschaftliche Operationalisierung erfahren. Thilo Jungkind stellt sich dieser Herausforderung und nimmt dazu mit Bayer und Henkel zwei Traditionsunternehmen der einschlägigen chemischen Industrie ins Blickfeld. „Konstruktionsobjektivität“ (Rüsen) sollen ein wahrnehmungsabhängiger Risikobegriff und vor allem eine kulturalistisch erweiterte Synthese der neoinstitutionalistischen Organisationstheorie und der Neuen Institutionenökonomik Northscher Prägung liefern. Jungkind versteht ein Unternehmen folglich als zeit- und gesellschaftsabhängige Zuschreibungsgemeinschaft, mithin ein offenes, im fortschreitenden Wandel begriffenes System, dessen Akteure in stetigem Austausch mit dem organisationalen Feld seiner sozialen Umwelt um Legitimität und damit Gewinnrationalität ringen.

Jungkind konturiert mit einem innovativen theoretischen Konzept eine klassische Sichtweise auf die bundesrepublikanische Geschichte: Die 1950er- und 1960er-Jahre bedeuteten im Wesentlichen ein Verharren in überkommenen Handlungsmustern. Die Umweltbelastung nahm sich enorm aus, Geruchsimmissionen und Gewässerverschmutzung stellten ein unablässiges, den Unternehmen wohl bewusstes Problem dar. Institutionelle Rahmenbedingungen änderten sich freilich wenig und zudem weitgehend gemäß unternehmerischem Kalkül. Umweltschutz galt zuvörderst als innerunternehmerische Angelegenheit, indes trotz erster Maßnahmen nicht als signifikanter Bestandteil betrieblicher Sozialisation. Beschwerden von Anwohnern waren nicht selten, diese waren jedoch im Regelfall durch einen devoten Ton gekennzeichnet und konnten ohne größere Mühen von den Unternehmen kalmiert werden. Störfälle figurierten allgemein als unvermeidliche Kollateralschäden. Möglich war der chemischen Industrie eine solch beträchtliche Akkumulation von „symbolischem Kapital“ (Bourdieu), weil inner- und außerbetriebliche Sinnwelten im Primat von Wohlstandsstreben und Fortschrittsglauben kongruierten und die Idee einer schützenwerten Mensch-Umwelt-Beziehung keine gesellschaftliche Breitenwirkung erreichen konnte.

Die beginnenden 1970er-Jahre markierten dann eine „Zeitenwende“[1]: Es lässt sich ein rascher institutioneller Wandel konstatieren. Neue Gesetze wurden erlassen, ältere rigider angewendet, die Freiräume der chemischen Industrie im Sinne des Verursacherprinzips massiv eingeschränkt. Protest wurde sowohl im lokalen wie im überregionalen Kontext immer lautstärker artikuliert. Technikkritik und Fortschrittsskepsis erlebten eine Hausse und forcierten die Implementierung des Umweltschutzes im kollektiven Bewusstsein. Die chemische Industrie musste einen massiven Verlust an Diskursmacht erleiden und lief Gefahr, vom materielle Sicherheit versprechenden Wohltäter zum umweltzerstörenden Unheilsbringer zu degenerieren. Sie lernte allerdings – anfangs etwas widerwillig, aber doch erstaunlich schnell – und justierte ihre Risikopolitik entsprechend den veränderten außerbetrieblichen Sinnwelten mit zunehmender Offensivität neu. Spätestens seit Mitte der 1970er-Jahre beschwiegen die Verantwortlichen das von ihren Betrieben ausgehende Risiko nicht länger, sondern unternahmen im Sinne des Umweltschutzes große Anstrengungen, Missstände zu beheben, Organisationsstrukturen anzupassen, Mitarbeiter zu schulen und ein offenes wie öffentlichkeitswirksames Kommunikationsmanagement zu professionalisieren.

Oberstes Credo bildete das letzthin markteffiziente Bemühen, die Konformität „innerbetrieblicher Überzeugungen mit den im Äußern operationalisierten Sinnmustern [wieder] als glaubhaft darzustellen“ (S. 245). Entsprechend gestaltete sich das Verhalten auch nach dem Dioxin-Unglück im lombardischen Seveso vom 10. Juli 1976, das chemiekritische Haltungen noch einmal dramatisch radikalisierte und apokalyptischem Denken zur Blüte verhalf. Die letzten innerunternehmerischen Widerstände verschwanden und die Unternehmen scheuten keine Mühen, um den Begehrlichkeiten des organisationalen Feldes – etwa bei der Einstellung bestimmter Produktionsverfahren oder in Sachen Dialogbereitschaft mit (gemäßigten) Protestlern – nachzukommen. Gleichwohl blieb der Kampf der chemischen Industrie um Legitimation ihrer Risikokultur bis Ende der 1980er-Jahre nur bedingt von Erfolg gekrönt. Als zu dominierend erwies sich das Krisennarrativ.

Die Stärke von Jungkinds Buch liegt in der stringenten und klaren Argumentation, die sich zudem stets auf der Höhe aktueller Forschungsdebatten bewegt. Ferner sind die beiden Unternehmen aufgrund struktureller Ähnlichkeiten in Marktbedeutung, Größe und Standortverbundenheit, aber auch mit Blick auf die unterschiedlichen Produktportfolios geschickt gewählt. Denn so vermag Jungkind die frappierende Reichweite der seit den 1970er-Jahren um sich greifenden Veränderungen im Risikomanagement deutlich zu machen, die klassische „Chemieriesen“ ebenso betraf wie weitaus weniger risikoanfällige Konsumgüterfirmen. Besonders gelungen sind die Passagen, in denen er seinen kulturalistischen Ansatz methodisch konsequent umsetzt und die sprachlichen Codes der unternehmerischen Sinnstiftungsbemühungen dekonstruiert. So kann Jungkind beispielsweise an einem heftigen Explosionsunglück im Leverkusener Bayer-Werk aufzeigen, wie stark die betriebliche Narration der 1950er- und 1960er-Jahre von Kriegs- und Heldenmetaphorik sowie der Vorstellung einer hermetischen Leidens- und Risikogemeinschaft durchzogen ist (S. 131). Gerne hätte man mehr über unternehmenssprachliche Entwicklungen (etwa die semantischen Verschiebungen des Begriffes „Nachbarschaft“) beziehungsweise den Wandel konkreter unternehmenskultureller Reproduktionsformen erfahren. Denn dieser – so indiziert es etwa das betriebliche Festwesen der Firma Bayer[2] – erzählt ja auch einiges über den veränderten risikokulturellen Umgang. Ausdrücklich zu loben ist die ansprechende Aufmachung des Buches, wobei sich im Text eine beachtliche Zahl an formalen Fehlern finden lässt.

Problematisch mutet das von Jungkind mit stupender Akribie ausgearbeitete theoretisch-methodische Setting der Studie an. Dies bezieht sich nicht auf eine ‚konservative‘ Perspektive, die prinzipiell den Mehrwert von knapp 30 Seiten theoretischer Ausführungen bezweifelt, sich an einer mitunter arg verquasten Sprache stört und inhaltlich zahlreiche – vornehmlich der Befriedigung unterschiedlicher theoretischer Schulen geschuldete – Wiederholungen zu beklagen hat. Vielmehr sind die Blickverengungen zu bedenken, die der theoretische Ansatz zeitigt: Angesichts der Prämisse der Arbeit überrascht deren Ergebnis wenig („konnte ich folglich […] die von mir konzeptionell in den Mittelpunkt gestellten Annahmen kulturrationaler Akteure und Strategien aufzeigen“; S. 301). Vor allem ergibt sich ein zweifelhafter Blick auf risikokulturelle (Dis-)Kontinuitäten. Es ist beispielsweise gewagt, mit Blick auf die 1950er-und 1960er-Jahre von Pfadabhängigkeit in Sachen Risikokultur und Störfallmanagement zu sprechen (zum Beispiel S. 65), wenn entsprechende Studien für die Zeit vor 1945 nicht vorliegen. Die Schwierigkeiten, die etwa Bayer schon in den ersten zwei Nachkriegsdekaden mit Konzessionierungen und im Zusammenspiel mit der Stadt Leverkusen hatte, werden gering geschätzt; Anzeichen, dass auch nach Seveso substantielle innerbetriebliche Widerstände gegen die Neuausrichtung der Risikokultur bestanden, bleiben unbeachtet. Jungkind lobt zum Beispiel das transparente und umsichtige Verhalten von Bayer nach einem Störfall im Dormagener Werk vom November 1979 und akzentuiert die in einem reißerischen Science-Fiction-Roman gipfelnde Hysterie der Öffentlichkeit (S. 284ff.). Er verschweigt jedoch nicht nur die von der Bundesregierung bestätigten Lücken in den unternehmerischen Krisenplänen[3], sondern auch, dass Bayer gegen den Roman eine einstweilige Verfügung und die Schwärzung bestimmter Textstellen erwirkte.

Solche Unschärfen haben freilich auch mit einer anderen Problematik der Studie zu tun: Der Quellenauswahl. Jungkind verzichtet auf die Untersuchung staatlicher, kirchlicher und privater Quellen und stützt sich auf die zweifelsohne reichhaltigen Materialien der Unternehmensarchive, zu denen auch umfangreiche, aber zwangsweise selektive Zeitungssammlungen gehören. Überdies führte er lediglich ein Zeitzeugengespräch. Dies hat zur Folge, dass er etwa das Verhalten von Bayer nach dem Dormagener Störfall mit Presseerklärungen des Unternehmens und dessen Abschlussbericht fundieren muss (S. 284f.). Die Akteure des organisationalen Feldes bleiben stellenweise diffus und gerade für eine kulturalistisch argumentierende Arbeit hätte das im Foucaultschen Sinne höchst interessante Spannungsverhältnis von Sag- und Unsagbarem noch genauer ausgeleuchtet werden können.

Im Ganzen liefert Thilo Jungkind eine wichtige Monografie, welche die Möglichkeiten einer kulturwissenschaftlich sensiblen Unternehmensgeschichte eindrucksvoll vor Augen führt und in ihren Stärken wie ihren Schwächen zu entsprechenden weiteren Studien anregt.

Anmerkungen:
[1] Klaus Hildebrandt, Die totalitäre Erfahrung, München 1987, S. 445.
[2] Markus Raasch, „Heilige Zeit“. Deutsche Gesellschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts im Spiegel von Betriebsfesten, in: Waltraud Schreiber / Carola Gruner (Hrsg.), Raum und Zeit. Orientierung durch die Geschichte, Neuried 2009, S. 297–336, hier S. 327ff.
[3] „Doppelte Giftmenge verbrannt“, in: Neuß-Grevenbroicher Zeitung, 13. Dezember 1979; „Minister: Wiederholung ausschließen“, in: Rheinischer Anzeiger, 10. Januar 1980.

Zitation
Markus Raasch: Rezension zu: Jungkind, Thilo: Risikokultur und Störfallverhalten der chemischen Industrie. Gesellschaftliche Einflüsse auf das unternehmerische Handeln von Bayer und Henkel seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Stuttgart 2013 , in: H-Soz-Kult, 09.01.2014, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-20449>.
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09.01.2014
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