Y. Modéran: Les Vandales et l’Empire romain

Cover
Titel
Les Vandales et l’Empire romain. Édité par Michel-Yves Perrin


Autor(en)
Modéran, Yves
Hrsg. v.
Perrin, Michel-Yves
Erschienen
Arles 2014: Éditions Errance
Umfang
302 S.
Preis
€ 35,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Roland Steinacher, Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald

Yves Modéran ist am 1. Juli 2010 überraschend in Paris verstorben. Diese Vandalengeschichte ist deshalb Fragment geblieben. Modéran lehrte viele Jahre als Professor für Alte Geschichte an der Universität Caen und war ein international bekannter und geachteter Gelehrter. Wer seine Arbeit kennt, weiß um die hohe Qualität, Gründlichkeit und Schärfe seiner Analysen und Thesen. Michel-Yves Perrin hat das unvollendete Manuskript zum Druck vorbereitet, wie er in der Einleitung „Avertissement au Lecteur“ (S. 10–13) ausführt, die eine kurze wissenschaftliche Biographie Modérans und Bemerkungen zur Entstehung des Buches bietet.

Viele erwarteten nicht mehr und nicht weniger als eine neue Vandalengeschichte aus der Feder Modérans, die jene von Christian Courtois (1912–1956) aus dem Jahr 1955 ersetzen und übertreffen würde.[1] Nun liegen von geplanten zwölf Kapiteln lediglich sieben vor (vgl. das geplante Inhaltsverzeichnis auf S. 13). Die Erzählung bricht nach der verheerenden Niederlage der römischen Flotte in der Seeschlacht am Cap Bon 468 ab. Es fehlt somit der zweite Teil des vandalischen Jahrhunderts nach dem Tod Geiserichs bis 533 und die Geschichte der ersten Jahre der byzantinischen Herrschaft in den afrikanischen Provinzen, in denen es noch zu Aufständen verbliebener Vandalen und Kriegen mit maurischen Verbänden kam.

Die vorliegenden sieben Kapitel gehören aber zum Besten und Qualitätsvollsten, was in den letzten Jahren zu den Vandalen und ihrem Platz in der römischen Geschichte geschrieben wurde. Teil 1 behandelt die vandalische Geschichte vor dem Übergang nach Afrika („Les Vandales avant l’Afrique“). Eine Analyse des ethnographischen und historiographischen Materials zeichnet die Entstehung eines Verbands an der Peripherie des Römerreichs, nicht ohne bisher schlicht unbeachtetes Material zu besprechen. Hervorgehoben sei etwa die Nennung von Vanduli südlich der Marcomanni auf der Tabula Peutingeriana (S. 15–41). Der Chronologie der Ereignisse folgend setzt sich der Autor dann mit der Vorgeschichte der Rheininvasion von 406 auseinander. Es folgen die Jahre in Gallien, in denen Vandalen, Sueben und Alanen sich stetig zwischen offenem Krieg und Bündnissen wechselnd an den Kämpfen zwischen dem Usurpator Constantin III. und der Reichsregierung beteiligten, um schließlich nach Spanien zu gelangen. Die Geschichte des ersten Viertels des 5. Jahrhunderts und die Rolle der barbarischen Verbände auf Reichsboden gehören zu den kompliziertesten Bereichen der Geschichte der Spätantike. Modérans detaillierte und ausführliche Diskussion sollte Beachtung finden (S. 43–91).

Die Eroberung der afrikanischen Provinzen zwischen 429 und 439 (S. 93–130) und die Verträge zwischen der Reichsregierung und den Vandalen von 435 und 442 werden im Folgenden analysiert, gefolgt von Modérans Überlegungen zu den möglichen Grenzen des vandalischen Herrschaftsbereichs seit 442 (S. 131–154). Schließlich problematisiert Modéran in Kapitel 5 (S. 155–179) die sogenannten sortes Vandalorum. Kapitel 7 (S. 181–200) trägt den Titel „Les Vandales et les autres“ und fragt nach den Gründen für die Erfolge der vandalischen Schiffe im Mittelmeerraum, den Angriff auf Rom 455 und die katastrophale Niederlage der römischen Flotte am Cap Bon 468. Das Fragment einer Vandalengeschichte wird durch eine Besprechnung der rostra Vandalica abgeschlossen (S. 201–205).

Die Arbeiten Walter Goffarts, Jean Durliats, Michael Kulikowskis, Javier Arces und vieler anderer werden auf den 300 Seiten dieser Vandalengeschichte ausführlich diskutiert. Modéran war kritisch und scharf und oft nicht einverstanden mit den Schlussfolgerungen der zeitgenössischen Forschung. Die Anmerkungen (S. 205–287) zeigen eine detaillierte Auseinandersetzung mit den Quellen und verweisen auf verschiedenste Forschungsdebatten. Was ich an Modérans Texten immer geschätzt habe, gilt auch für dieses Buch: Man kann dem französischen Gelehrten beim Denken zuhören.

Zwei Fragenkomplexe seien kurz angesprochen: erstens die vandalische Eroberung bzw. die Beziehungen der neuen Herren zur römischen Militärführung in den afrikanischen Provinzen und zweitens die Versorgung der vandalischen Armee in den Jahrzehnten danach. Das Verständnis der Ereignisse der Jahre um 429, hier geschildert auf S. 95–100, ist seit der Antike umstritten. Hat der Militärgouverneur Afrikas, Bonifatius, mit den Vandalen gemeinsame Sache gemacht oder handelte es sich um eine Invasion der Barbaren? Modéran interpretiert Einträge in der Chronik Prospers, Textstellen in einem Augustinus-Brief sowie eine Passage bei Possidius dahingehend, dass Bonifatius sich nach Spanien wandte und dort Kontakt mit den Vandalen aufnahm. Mit vandalischen Kontingenten konnte sich der comes Africae zunächst auf dem afrikanischen Kriegsschauplatz gegen seine Gegner aus Italien behaupten. Geiserich jedoch verfolgte eigene Ziele, und mit den bereits in Afrika anwesenden Vandalen war es einfach, die Kontrolle zu übernehmen. Hintergrund der Schwäche der römischen Truppen waren Kämpfe, die bereits 15 Jahre zuvor stattgefunden hatten (S. 101–114).[2]

Für die Versorgung der vandalischen Armee in den afrikanischen Provinzen bestehen zur Zeit – vereinfacht gesagt – zwei Erklärungen: Jean Durliat schlug schon 1988 vor, den Begriff sors/sortes als „assiette fiscale attribuée aux Vandales“ zu deuten, einen Anteil der eingehobenen Steuern, der zur Versorgung der Armee bestimmt war.[3] Walter Goffart schloss sich dieser Interpretation teilweise an und bezog, nach anfänglichem Zögern, schließlich seine für Gallien entwickelten Erklärungen auch auf Afrika. 2009 trafen Modéran und Goffart bei einer Abschlussdiskussion in Rom aufeinander und formulierten später auch schriftlich ihre gegensätzlichen Ansichten.[4] Das Kapitel „L’établissement territorial des Vandales“ (S. 155–179) enthält eine letzte Stellungnahme zu diesen komplexen Debatten. Modéran plädiert für tatsächliche Landzuweisungen an vandalische Soldaten, die somit privates Eigentum erworben hätten.[5]

Die byzantinische Eroberung des Jahres 533 und die folgenden langen Kriege in Afrika waren für Modéran eine deutlich stärkere Zäsur als die Vandalenzeit. Er stellte zur Diskussion, ob eine römisch-berberisch-afrikanische Kultur möglich gewesen wäre und wie sich diese in ein europäisches Frühmittelalter integriert hätte.[6] Yves Modéran war einer der führenden Köpfe in der Erforschung des spätantiken und frühmittelalterlichen Nordafrikas. Durch seine gründliche Quellenanalyse hat er Standards gesetzt. Seine Auseinandersetzung mit oft vernachlässigten maurischen Verbänden gemeinsam mit den Vandalen und deren Einbettung in die römische Geschichte eröffneten viele intellektuelle Möglichkeiten. Das hier zu besprechende Buch mag Fragment geblieben sein, gemeinsam mit Modérans Aufsätzen und seiner Geschichte der Mauren vom 4. bis zum 7. Jahrhundert[7] wird es aber noch lange eine wichtige Grundlage bleiben.

Anmerkungen:
[1] Christian Courtois, Les Vandales et l’Afrique, Paris 1955. Vgl. mit teilweise anderen Urteilen die Rezension zu Modérans Buch von David Álvarez Jiménez in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 10 (15.10.2015), URL: http://www.sehepunkte.de/2015/10/27095.html (24.04.2017).
[2] Augustin. epist. 220; Possid. vita Aug. 28,12; Prosper chron. 1294 (s.a. 427). Die Überlegungen zum Zustand der römischen Armee in Afrika sind im zu besprechenden Buch weiter entwickelt als bei Yves Modéran, L’effondrement militaire de l’Afrique romaine face aux Vandales (429–431), in: Jorge López Quiroga / Artemio M. Martínez Tejera / Jorge Morín de Pablos (Hrsg.), Gallia e Hispania en el contexto de la presencia ‚germanica‘ (ss. V–VII), Oxford 2006, S. 61–77. Ich selbst habe die Frage der Beziehungen des Bonifatius zu den Vandalen ähnlich interpretiert und stimme Modéran zu: Die Vandalen. Aufstieg und Fall eines Barbarenreichs, Stuttgart 2016, S. 88–90.
[3] Jean Durliat, Le salaire de la paix sociale dans les royaumes barbares Ve–VIe siècles, in: Herwig Wolfram / Andreas Schwarcz (Hrsg.), Anerkennung und Integration. Zu den wirtschaftlichen Grundlagen der Völkerwanderungszeit 400–600, Wien 1988, S. 21–72, hier S. 45.
[4] Walter A. Goffart, The Technique of Barbarian Settlement in the Fifth Century. A Personal, Streamlined Account with Ten Additional Comments, in: Journal of Late Antiquity 3 (2010), S. 65–98; contra: Yves Modéran, Confiscations, expropriations et redistributions foncières dans l’Afrique vandale, in: Pierfrancesco Porena / Yann Rivière (Hrsg.), Expropriations et confiscations dans les royaumes barbares: une approche régionale, Roma 2012, S. 129–156.
[5] Das Kapitel erweitert, vertieft und differenziert Yves Modéran, L’établissement territorial des Vandales en Afrique, in: Antiquité Tardive 10 (2002), S. 87–122. Steinacher, Vandalen, S. 151–165 macht einen dritten Vorschlag, nämlich die sortes als landwirtschaftliche Gebiete zu sehen, deren Produktionskraft einen zugeteilten Militärverband versorgte. Dem König verpflichtete Große hätten damit eine Truppe zu versorgen und zu bewaffnen. Lebensmittellager, Werkstätten, Waffenfabriken und Gestüte gehörten zu einem solchen Komplex.
[6] Yves Modéran, Les Maures et l’Afrique romaine (IVe – VIIe siècle), Rome 2003, S. 817: Die „veritable rupture“ für die Geschichte der afrikanischen Provinzen war 533.
[7] Modéran, Maures.

Zitation
Roland Steinacher: Rezension zu: Modéran, Yves: Perrin, Michel-Yves (Hrsg.): Les Vandales et l’Empire romain. Édité par Michel-Yves Perrin. Arles 2014 , in: H-Soz-Kult, 29.05.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23344>.
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29.05.2017
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