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Titel
Reisen in die Vergangenheit?. Westdeutsche Fahrten nach Polen 1970–1990


Autor(en)
Felsch, Corinna
Erschienen
Berlin 2015: de Gruyter
Umfang
X, 397 S.
Preis
€ 59,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stefan Guth, Institut für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde, Eberhard Karls Universität Tübingen

Über den deutsch-polnischen Umgang mit einer im doppelten Wortsinne zwischen beiden Ländern geteilten Geschichte und Erinnerung ist in den letzten Jahren viel Aufschlussreiches geschrieben worden. Zumeist hat sich der Blick dabei auf Geschichtsbilder gerichtet, die staatliche und parteipolitische Akteure sowie Berufshistoriker in nationalistischer oder völkerverständigender Absicht beiderseits der Grenze entwarfen und pflegten.[1] In ihrer von Eckart Conze betreuten Marburger Dissertation hat sich Corinna Felsch zum Ziel gesetzt, diesen auf die politischen und kulturellen Eliten gerichteten Fokus um eine Perspektive zu ergänzen, die in die gesellschaftliche Breite zielt und danach fragt, wie „ordinary Germans“ ihr Verständnis der deutsch-polnischen Vergangenheit in der unmittelbaren Auseinandersetzung mit dem Nachbarland artikulierten und bisweilen auch modifizierten (S. 4). Die englischsprachige Benennung ihrer Zielgruppe entlehnt sie dabei einem Artikel Alon Confinos, der danach fragt, wie touristische Praktiken in der frühen Bundesrepublik die beginnende Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus widerspiegelten.[2]

Als Studienobjekt dienen Felsch die Fahrten von Westdeutschen in die Volksrepublik Polen während der 1970er- und 1980er-Jahre. Anders als die Vorstellung des Eisernen Vorhangs es vermuten ließe, handelte es sich dabei keineswegs um ein marginales Phänomen. Erleichtert durch den Warschauer Vertrag zwischen der Bundesrepublik und der Volksrepublik von 1970 und gefördert von einer polnischen Regierung, die auf Deviseneinkünfte erpicht war, erreichte der zwischenstaatliche Reiseverkehr rasch ein beachtliches Volumen: Hatte die Zahl der westdeutschen Polenreisenden 1965 noch bei knapp 27.000 gelegen, so überschritt sie nach 1973 Jahr für Jahr die Marke von 200.000, bisweilen auch 300.000 Personen. Nur unter dem Eindruck des polnischen Kriegsrechts kam es in den frühen 1980er-Jahren zu einem kurzfristigen Einbruch (S. 22).

Ein Großteil der Reisenden suchte in Polen nicht so sehr die Erholung oder das Geschäft als vielmehr die Auseinandersetzung mit einer als unverarbeitet empfundenen Vergangenheit – allerdings unter sehr verschiedenen Vorzeichen. Für die Reisegruppen der kirchennahen, 1958 gegründeten „Aktion Sühnezeichen“ stand die Bewältigung deutscher Schuld im Vordergrund, oftmals durch Freiwilligenarbeit in den Gedenkstätten früherer Konzentrationslager. Dagegen verstanden sich die sogenannten Heimatreisenden, deren Besuche in aller Regel dem früheren Wohnort jenseits von Oder und Neiße galten, unter Berufung auf die Erfahrungen von Flucht und Vertreibung zumeist als Opfer der Geschichte. Es gehört zu den Stärken der vorliegenden Arbeit, dass sie beide Gruppen gleichermaßen berücksichtigt und darüber hinaus auch eine dritte, bislang kaum beachtete Gruppe einbezieht: diejenige der Studienreisenden, die sich oftmals aus Schülern und Studenten, nicht selten auch aus historisch und landeskundlich interessierten Individualreisenden zusammensetzten.

Ihr Quellenkorpus von einigen hundert Reiseberichten hat die Autorin in mehreren teilweise nichtöffentlichen Archiven zusammengetragen. Die Texte eint der Umstand, dass sie von den Reisenden selbst im Anschluss an ihre Polenfahrten verfasst wurden; sehr heterogen ist das Korpus hingegen im Hinblick auf Umfang, Inhalt und Zweckbestimmung der Berichte. Seine Grenzen findet der Erkenntnishorizont der Arbeit darin, dass sich Felsch auf Quellenzeugnisse westdeutscher Provenienz beschränkt. Nach eigenem Bekunden ist es ihr nicht gelungen, in polnischen Archiven die Berichte von Reisebegleitern, empfangenden Institutionen, Gastgebern oder geheimdienstlichen Überwachungsorganen ausfindig zu machen (S. 15f.). Das Erkenntnispotential einer wechselseitigen Perspektivik, das oft den Reiz beziehungsgeschichtlicher Arbeiten ausmacht, kann die vorliegende Studie deshalb nicht ausschöpfen. Ebenso verzichtet die Autorin auf die Möglichkeit einer vergleichenden Parallelgeschichte, die sich durch den Einbezug ostdeutscher Polenreisen ergeben hätte (S. 10–13).

An ihre Protagonisten richtet Felsch die Frage, inwiefern sie ihre Fahrt ins Nachbarland unter dem Eindruck historischen Vorwissens oder eigenen Erlebens jeweils als „Reise in die Vergangenheit“ verstanden und in welche Vergangenheit sie dabei zu reisen glaubten – „in die polnische, die deutsch-polnische oder die deutsche Vergangenheit?“ (S. 1). Darüber hinaus möchte sie in Erfahrung bringen, ob es während des Aufenthalts in der Volksrepublik zur Auseinandersetzung mit polnischen Geschichtsbildern kam und welches Konflikt- oder Verständigungspotential daraus erwuchs. Im Verlauf der Arbeit stellt sich allerdings heraus, dass die zweite Frage zumeist ins Leere läuft, da widerstreitende Geschichtsbilder aus gegenseitiger Rücksichtnahme oder aus Mangel an historischem Vorwissen entweder gar nicht zur Sprache kamen oder – seltener – eine inhaltliche Auseinandersetzung angesichts unbeweglicher Positionen rasch im Sande verlief.

Die Frage, in welche Vergangenheit sich die Polenreisenden begaben, gestattet hingegen durchaus Rückschlüsse auf die jeweiligen Beweggründe. Das gilt insbesondere für die Reisenden der Aktion Sühnezeichen, deren Freiwilligeneinsätze in die polnischen Gedenkstätten der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik führten. Damit hatten sie einen auch im übertragenen Sinne klar umrissenen historischen Ort zum Ziel – „die deutsche Schuldgeschichte von 1939 bis 1945“ (S. 151). Politisch meist links stehend, übernahmen viele dieser Besucher die Geschichtsnarrative des offiziellen Polen weitgehend ungeprüft, ließen dabei aber oft nur begrenztes Interesse an genuin polnischer Geschichte erkennen. Auch der polnischen Gegenwart widmeten sie in der Regel wenig Aufmerksamkeit – ein Umstand, der ihre polnischen Partner und Gastgeber nicht selten brüskierte.

Die Heimatreisenden hingegen suchten auf ihren Fahrten eine „verlorene“ deutsche Vergangenheit und wurden vielleicht gerade deshalb am schärfsten mit dem Eindruck einer polnischen Gegenwart konfrontiert. Vor der Kontrastfolie eigener oder überlieferter Erinnerungen überwog der Eindruck tiefgreifenden Wandels – die Erkenntnis, dass in die ehemals deutschen Orte längst neues, polnisches Leben eingekehrt war. Nicht selten brachte der Wunsch, den alten Hof oder das frühere Haus nochmals zu sehen, die Heimatreisenden in Kontakt mit den neuen polnischen Bewohnern, die sie vielfach gastfreundlich empfingen. Der Umstand, dass es sich dabei mehrheitlich um Umsiedler aus ostpolnischen, nach dem Krieg an die Sowjetunion gefallenen Gebieten handelte, ermöglichte bisweilen gar eine unerwartete Verständigung auf ein ähnliches Geschichtsbild, das sich aus der geteilten Erfahrung des Heimatverlusts speiste, in seiner Konzentration auf das gemeinsame Feindbild Sowjetunion und unter Ausblendung der deutschen Besatzungsherrschaft aber ausgesprochen selektiv funktionierte.

Bei den Studienreisenden überwog nach Felschs Einschätzung das Interesse an der polnischen Gegenwart und an gedeihlichen Beziehungen zum Nachbarland. Zwar bezogen viele Reisegruppen die Beschäftigung mit der historisch belasteten Beziehungsgeschichte im Wissen um ihre Bedeutung für die Völkerverständigung durchaus in ihre Reisevorbereitungen ein; oft führte auch der Aufenthalt in Polen die Gegenwart der Vergangenheit nochmals eindrücklich vor Augen. Dennoch – oder gerade deshalb – galt die deutsch-polnische Vergangenheit den Reisenden, so Felschs Befund, in der Regel als Hürde auf dem Pfad der deutsch-polnischen Verständigung und mithin letztlich als „etwas zu Überwindendes“ (S. 357).

In der Summe gelingt Felsch eine aufschlussreiche, gut lesbare Analyse, die freilich einen etwas schematischen Eindruck hinterlässt. Geschuldet ist dies zum einen der starren und kleinteiligen Gliederung, die bisweilen zu Wiederholungen führt und manche Zusammenhänge eher verschleiert als erhellt. Zum anderen springt die spartanische Ausstattung des methodischen Werkzeugkastens ins Auge. „Situationen der Krise“ beim Aufeinanderprall deutscher und polnischer Erinnerungskulturen lassen sich, wie Felsch in ihrem Fazit auch selbst einräumt (S. 362), kaum dingfest machen, sodass der bei Jörg Baberowski entlehnte Ansatz weitgehend fruchtlos bleibt. Dagegen vermisst man Anleihen bei der Erinnerungsforschung oder der Emotionsgeschichte, welche die Arbeit fraglos bereichert hätten.[3]

Schließlich deutet Felsch einen wichtigen Ertrag ihrer Studie bereits in der Frageform des Titels an, gibt ihm letztlich aber wenig Raum. Angesprochen ist die von der Autorin wiederholt thematisierte Beobachtung, dass die Vergangenheit, bei aller Präsenz im Weichbild der besuchten Städte und Landschaften sowie im historischen Erinnern und Wissen der Reisenden, im Verlauf vieler Polenfahrten doch hinter die Wahrnehmung einer Gegenwart zurücktrat, die sich schillernder zeigte, als es die von vielen Reisenden verinnerlichten Stereotypen über „den Ostblock“ oder „den Sozialismus“ hätten erwarten lassen, und die darüber hinaus im Untersuchungszeitraum durch tiefgreifende Umbrüche gekennzeichnet war. Hinzu kam, dass sich polnische Gesprächspartner oft nach Kräften bemühten, das Gegenwartsinteresse ihrer deutschen Besucher zu wecken, sahen sie in der Fixierung auf den deutschen Anteil an der polnischen Vergangenheit – und sei es auch in Gestalt der deutschen ‚Schuldgeschichte‘ – doch die verhängnisvolle Fortsetzung einer in Polen oft beklagten deutschen Tendenz, den östlichen Nachbarn letztlich „per non est“ zu behandeln. Profaner, aber nicht weniger wirkungsvoll war der Umstand, dass insbesondere jüngere Polen oft mehr Interesse am Austausch über gemeinsame Freizeitinteressen und Fragen des Alltags an den Tag legten als am schwierigen Thema der geteilten Geschichte. So bleibt der Eindruck, dass viele Polenfahrten zwar als Reisen in die Vergangenheit begannen – letztlich aber doch in der Gegenwart endeten.

Anmerkungen:
[1] Siehe etwa Hans Henning Hahn / Robert Traba (Hrsg.), Deutsch-polnische Erinnerungsorte, 5 Bde., Paderborn 2011–2015; Jan Piskorski / Jörg Hackmann / Rudolf Jaworski (Hrsg.), „Deutsche Ostforschung“ und „polnische Westforschung“ im Spannungsfeld von Wissenschaft und Politik. Disziplinen im Vergleich, Osnabrück 2002; Thomas Strobel, Transnationale Wissenschafts- und Verhandlungskultur. Die gemeinsame Deutsch-Polnische Schulbuchkommission 1972–1990, Göttingen 2015; Stefan Guth, Geschichte als Politik. Der deutsch-polnische Historikerdialog im 20. Jahrhundert, München 2015.
[2] Alon Confino, Traveling as a Culture of Remembrance: Traces of National Socialism in West Germany, 1945–1960, in: History and Memory 2 (2000), Heft 2, S. 92–121.
[3] Ähnlich auch die Kritik in der Rezension von Susanne Greiter, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 3, http://www.sehepunkte.de/2016/03/27700.html (19.05.2017).

Zitation
Stefan Guth: Rezension zu: Felsch, Corinna: Reisen in die Vergangenheit?. Westdeutsche Fahrten nach Polen 1970–1990. Berlin 2015 , in: H-Soz-Kult, 13.06.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24699>.