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Titel
Conrad Gessner (1516–1565). Universalgelehrter und Naturforscher der Renaissance


Autor(en)
Leu, Urs B.
Erschienen
Zürich 2016: NZZ Libro
Umfang
463 S.
Preis
CHF 48.00
Simona Boscani Leoni, Historisches Institut, Universität Bern

Im Jahr 2016 feierte man den 500. Geburtstag des Universalgelehrten, Naturforschers und Arztes Conrad Gessner, der bis heute als „Vater der Bibliographie, Verfasser des ersten gedruckten pharmakologischen Handbuchs der Schweiz, Begründer der Zoologie und Entdecker der botanischen Höhenstufen“ bekannt ist (S. 9). Der Anlass wurde in Zürich mit zahlreichen Veranstaltungen (Vortragsreihen, Ausstellungen und Tagungen) entsprechend gefeiert. Die vorliegende Gessner Biografie wie auch der Sammelband „Facetten eines Universums“ gehören zu den bedeutendsten wissenschaftlichen Veröffentlichungen, die mit diesem Jubiläum verbunden sind.[1]

Nach der fast zeitgenössischen, auf Latein verfassten Lebensbeschreibung des Humanisten und Theologen Josias Simler (1530–1576) und der 1824 von Pfarrer Johannes Hanhart auf Deutsch herausgegebenen Biografie[2] war eine neue und aktuelle Arbeit über Leben und Tätigkeit Conrad Gessners überfällig, besonders weil der Polyhistor, wie der Verfasser Urs B. Leu hervorhebt, fast in Vergessenheit geraten ist (S. 9). Der promovierte Historiker Urs B. Leu ist Leiter der Abteilung Alte Drucke der Zentralbibliothek Zürich und ein ausgewiesener Experte im Bereich der frühneuzeitlichen Buch-, Kirchen- und Wissenschaftsgeschichte. Seine Wahrnehmung von Conrad Gessner kommt in seinem Vorwort klar zum Ausdruck: Gessner sei „nicht nur eine interessante Persönlichkeit oder gewissermaßen der Leonardo da Vinci der damaligen Eidgenossenschaft, sondern […] auch Repräsentant einer Epochenschwelle, die man mit den Begriffen Humanismus, Renaissance und Reformation zu umschreiben versuchte und die man als Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit bezeichnet“ (S. 10). Es handelte sich um eine Zeit, die „dazu führte, dass Europa China und die islamische Welt überholte und den Westen zum Schrittmacher des naturwissenschaftlichen und technologischen Fortschritts werden liess“ (S. 10).

Die Grundlagen der Biografie bilden in erster Linie Gessners Briefe, welche Urs B. Leu in deutscher Übersetzung ausführlich wiedergibt, Widmungsvorreden und seine Veröffentlichungen. Die ersten acht Kapitel verfolgen chronologisch Gessners Lebensstationen, beginnend mit der Darstellung seiner Jugendjahre in Zürich, wo er in der Lateinschule sehr früh eine Begabung für Sprachen zeigte sowie seine Leidenschaft für die Botanik entwickelte, die durch seinen Großonkel Johannes Frick – der den Jungen bei sich zu Hause aufnahm – unterstützt wurde. In dieser Zeit war er Tischgänger oder Schüler von Oswald Myconius (1488–1552), Thomas Platter (1499–1582) und Theodor Bibliander (1506–1564). Wiederkehrende finanzielle Schwierigkeiten zwangen Gessner zu einer unermüdlichen Publikationstätigkeit. Seine Situation besserte sich erst mit seiner ersten Stelle als Professor für Griechisch an der neu gegründeten reformierten Akademie in Lausanne (1537). In dieser Zeit begannen seine Alpenreisen nach Savoyen, wo er regelmässig herbarisierte.

Nach seiner Zeit in Lausanne und einem Aufenthalt in Montpellier (wo er sich dem Medizinstudium und besonders der Anatomie widmete) konnte er nach Basel zurückkehren und das medizinische Studium wieder aufnehmen. Dort bestand er 1541 die Doktorprüfung, was ihn zu einem geeigneten Kandidaten für die neu gegründete Professur der Naturwissenschaften am Zürcher Collegium Carolinum machte.

Mit dem Kapitel „Professor für Naturwissenschaften“ verlagert Leu die Aufmerksamkeit auf Gessners Forschungs- und Veröffentlichungstätigkeit. In acht Kapiteln werden die wichtigsten Werke und die vielfältigen Interessengebiete des Gelehrten vorgestellt, etwa seine philologischen und bibliographischen Arbeiten, die seinem griechischen Wörterbuch (1537) folgten, wie der „Mithridates" (1555), in dem Gessner vergleichend die Entwicklung der verschiedenen Sprachen untersuchte und die These formulierte, dass alle Sprachen vom Hebräischen abstammten. In seiner Analyse spielen die alten Sprachen (nach Hebräisch auch Altgriechisch und Latein) eine prominente Rolle, wobei er, beispielsweise bei seiner Analyse des Schweizerdeutschen, auch eine gewisse Originalität zeigte. Europaweit berühmt wurde Gessner mit seiner „Bibliotheca universalis“ (1545). Dabei handelt es sich um eine Bibliographie sämtlicher bis dahin bekannten hebräischen, griechischen und lateinischen Werke.

In seiner „Historia animalium“ befinden sich zum ersten Mal Beschreibungen und Abbildungen von exotischen Tieren, die bis dato in Europa noch unbekannt waren. Dieses Werk, wie auch seine botanischen Arbeiten, zeigen uns das Bild eines Naturforschers, der selbst experimentierte, neue Informationen durch Korrespondenz oder eigene Beobachtungen durch Exkursionen in die Alpen sammelte und seine Entdeckungen mit dem Wissen der Klassiker stets verglich und prüfte. In seiner „Descriptio montis Fracti“ (1555) findet sich erstmals eine klare Wahrnehmung einer Beziehung zwischen Pflanzengattungen und Geographie. Gessners lebenslange Beschäftigung als Botaniker ist durch eine unermüdliche Suche nach neuen (lokalen, europäischen wie auch aussereuropäischen) Pflanzenarten gekennzeichnet, wie auch – wie Urs B. Leu aufzeigt – durch die Analyse der Verwandtschaft und der Geschlechtlichkeit der Pflanzen. Dieses Interesse an Details spiegelt sich in der hohen Qualität der zahlreichen Abbildungen wider, die seine Werke, insbesondere die „Historia animalium“ und die „Historia plantarum“, so wertvoll machen.

Gleichzeitig wurde Gessner nicht nur als Naturforscher und Philologe bekannt, sondern auch als Mediziner, wie sein „Thesaurus Euonymi Philiatri“ (1552) zeigt, das zu einem der erfolgreichsten medizinischen Rezeptbücher seiner Zeit wurde und in verschiedenen Übersetzungen erschien. In seinen letzten Jahren lässt sich auch ein Interesse an Geologie und Mineralogie feststellen, das in seinem Werk „De omni rerum fossilium genere“ (1565) Ausdruck fand.

Das Buch von Urs B. Leu ermöglicht den Lesern einen umfangreichen Einblick in Gessners Werkstatt, die sich von seiner durch die Loci-Methode geprägten Wissenssammlung, die auch methodologisch in seinen Werken wiederzufinden ist, über seine Lehrtätigkeit bis zu seiner Korrespondenz und seinen Forschungsreisen erstreckt. Leus Buch bietet Erkenntnisse zur Korrespondenz als Mittel der Informationsbeschaffung in der Vormoderne sowie zu Praktiken der Visualisierung in einer Zeit des Umbruchs zwischen „altem“ tradierten Wissen und neuen Einflüssen, die gleichzeitig durch die Wiederentdeckung von antiken Texten und die europäische Expansion geprägt war.

Mit seiner umfassenden Darstellung der vielfältigen Interessen und Tätigkeiten des Zürcher Gelehrten Conrad Gessner ist Urs B. Leu eine ansprechende Biografie gelungen. An manchen Stellen mögen Wissenshistoriker/innen eine tiefergehende Diskussion der wissenschaftlichen Debatten der Epoche vermissen. Wie in der eingangs zitierten Würdigung Gessners schimmert hin und wieder das Bedürfnis durch, die Leistungen des frühneuzeitlichen Akteurs aus der Sicht der modernen Wissenschaften zu würdigen und an ihnen zu messen. Von diesen Punkten abgesehen leistet das Buch einen sehr wichtigen Beitrag zur (Wieder-)Entdeckung eines bedeutenden Schweizer Gelehrten der europäischen Renaissance und lädt dazu ein, die Figur Conrad Gessners zu entdecken.

Die Biografie enthält ein Supplement zu Gessners Privatbibliothek [3], eine Tabelle zu Gessners Briefwechsel und ein Personenverzeichnis.

Anmerkungen:
[1] Urs B. Leu, Mylène Ruoss (Hrsg.), Facetten eines Universums. Conrad Gessner 1516–2016, Zürich 2016. Auch die Zeitschrift „Gesnerus. Swiss Journal of the History of medicine and Sciences“ hat Gessner ihren Band 73 (2016) gewidmet. Ein weiterer Tagungsband unter der Leitung von Urs B. Leu ist in Vorbereitung.
[2] Josias Simler, Vita clarissimi philosophi et medici excellentissimi Conradi Gesneri, Zürich 1566; Johannes Hanhart, Conrad Gessner. Ein Beytrag zur Geschichte des wissenschaftlichen Strebens und der Glaubensverbesserung im 16ten Jahrhundert, Winterthur 1824.
[3] Urs B. Leu u. a., Conrad Gessner's Private Library, Leiden 2008.

Zitation
Simona Boscani Leoni: Rezension zu: Leu, Urs B.: Conrad Gessner (1516–1565). Universalgelehrter und Naturforscher der Renaissance. Zürich 2016 , in: H-Soz-Kult, 13.04.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26081>.
Redaktion
Veröffentlicht am
13.04.2017
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit infoclio.ch (Redaktionelle Betreuung: Eliane Kurmann und Philippe Rogger). http://www.infoclio.ch/
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