G. Hirt u.a.: Als die Zigarette giftig wurde

Cover
Titel
Als die Zigarette giftig wurde. Ein Risiko-Produkt im Widerstreit


Autor(en)
Hirt, Gerulf; Alten, Christoph; Knopf, Stefan; Schindelbeck, Dirk; Schürmann, Sandra
Erschienen
Kromsdorf / Weimar 2017: Jonas Verlag für Kunst und Literatur
Umfang
192 S., 75 Abb.
Preis
€ 25,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Henning Tümmers, Institut für Ethik und Geschichte der Medizin, Eberhard Karls Universität Tübingen

Die Antwort des 70-jährigen Udo Lindenberg war kurios. Gefragt nach seinem Vitalitätsrezept, behauptete der Panikrocker 2016 den positiven Einfluss von Rauchwaren: „Tabak […] ist ja ganz grün, so wie Gemüse, wie Salat und wird erst später durch die Sonneneinwirkung ein bisschen braun. Ich trinke Smoothies und rauche Zigarren. Ich lebe sehr gesund.“[1] Viele sehen das längst anders: Zunehmend als Gesundheitsgefahr kommuniziert, sprachen in den letzten Jahrzehnten öffentliche Institutionen wie Universitäten und die Deutsche Bahn, aber auch Privatunternehmen wie Fluggesellschaften und Kinos Rauchverbote aus. Wer heute außerhalb der eigenen Wohnung rauchen möchte, darf dies oftmals nur in ausgewiesenen Bereichen tun; und selbst das Rauchen in der Wohnung kann zum juristischen Streitfall werden, sofern sich andere Mieter dadurch stark beeinträchtigt fühlen.

Der BMBF-Forschungsverbund „Die Kulturen der Zigarette und die Kulturen des Politischen. Zur Sprache der Produkte im 20. und 21. Jahrhundert“ (PolitCIGs) unter der Leitung von Rainer Gries und Stefan Rahner spürt diesem Imagewandel nach.[2] Der vorliegende Band stellt die dritte von insgesamt vier geplanten Buchveröffentlichungen dar[3], die das Ziel verfolgen, die politische Kulturgeschichte der Zigarette in Deutschland und Österreich zu analysieren. Die Publikation zeichnet den Weg hin zu einem „Risiko-Produkt“ in den 1960er-Jahren nach, wobei die Zigarette dem Autorenteam als „empfindlicher Seismograph wesentlicher gesellschaftlicher wie politischer Entwicklungen“ (S. 7) dient. Die Quellen entstammen überwiegend der tabakhistorischen Sammlung der Reemtsma Cigarettenfabriken im Museum der Arbeit in Hamburg.

Das kurze erste Kapitel entwickelt die Leitfragen der Studie: Wie entstand „das kulturell wie politisch zementierte Image der Zigarette als ein gesundheitsgefährdendes Risiko-Produkt und welche Akteure waren daran beteiligt? Inwiefern stand ihre materielle wie immaterielle Sprache in einer Wechselbeziehung mit diesem Aushandlungsprozess? Welche ‚hidden politics‘ schimmern dabei hervor?“ (S. 12) Wenngleich sich dem Leser einige dieser Begriffe nicht auf Anhieb erschließen dürften (die Formulierung „materielle wie immaterielle Sprache“ mag dem BMBF-Förderschwerpunkt „Die Sprache der Objekte“ geschuldet sein), wird deutlich, dass der Band der Annahme folgt, die Wahrnehmung der Zigarette als schädliches Suchtmittel stelle das Ergebnis eines Aushandlungsprozesses dar. Eine weitere Prämisse lautet, dass sich gesellschaftliche und politische Ordnungsvorstellungen gerade in Alltagsdingen manifestieren.

Das zweite Kapitel widmet sich dem wachsenden Risikodiskurs um die Zigarette seit den 1960er-Jahren und den Reaktionen von Gesundheitspolitik, Industrie und Verbrauchern. Für einen Wahrnehmungswandel verantwortlich waren vor allem der amerikanische „Terry-Report“, der 1964 ein erhöhtes Lungenkrebsrisiko für Tabakkonsumenten postulierte, und „Spiegel“-Reportagen. Demnach schienen besonders Anhänger der beliebten, mit einem hohen Nikotingehalt versehenen Tabakmischung „American Blend“ gefährdet zu sein. Parallel dazu setzten zum Schutz von Rauchern und „Passivrauchern“ staatliche Regulierungsmaßnahmen im Bereich der Werbung sowie Verwissenschaftlichungsprozesse ein: Auf der einen Seite erforschten Mediziner die Folgen des Zigarettenrauchens, allen voran die Mitarbeiter des 1964 gegründeten Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg. Auf der anderen Seite initiierte die Zigarettenindustrie eigene Studien, die auf die Entwicklung unschädlicherer Produkte zielten. Um das Image der Zigarette aufzupolieren, antworteten Hersteller auf die Warnungen vor Gesundheitsschäden mit einer „Gegenpropaganda“ (S. 32), die Ergebnisse des Terry-Reports anzweifelte, beziehungsweise sie erklärten, Raucher könnten mithilfe der angegebenen Nikotinwerte ihr Gesundheitsrisiko selbst steuern. Die Konsumenten jedoch zeigten sich von Gefahrenhinweisen, die man seit den 1980er-Jahren zunächst eher klein auf Verpackungen druckte, wenig beeindruckt. Wie die Ausführungen zur „Verbrauchsentwicklung“ zeigen, bewirkte vor allem eine Erhöhung der Tabaksteuer 1982 einen spürbaren Rückgang der Verkaufszahlen. Gleichwohl brachen gesundheitspolitische Interventionsversuche nicht ab. Laut dem Autorenteam war die Wirkung bis in die 1990er-Jahre allerdings nur begrenzt: Eine erfolgreiche Lobbyarbeit der Zigarettenindustrie und wirtschaftliche Einnahmen in Milliardenhöhe seien hierfür der Grund gewesen.

Das dritte Kapitel untersucht die „Sprache der Zigarette“ – ihre Inszenierungen, ihre „Ansprachen“ an den Verbraucher und ihre als persuasive Strategien verstandenen „Anmutungen“ (S. 13). Es beginnt mit der Geschichte der Filterzigarette, die seit den 1950er-Jahren den westdeutschen Markt dominierte, unter Männern nichtsdestotrotz als „kastrierte“ Ware beziehungsweise als „weiblich“ galt. Ihre Einführung wurde von Produzentenhinweisen begleitet, die eine Schadstoffaufnahme als unbedenklicher und das Produkt als „sicher“ und „rein“ kommunizierten (S. 80ff.). Zugleich betonte die Industrie die Wertigkeit der Tabake und die traditionelle Herstellung. Der Boom der Filterzigarette, bei der „gewohnte mit neuen Anmutungen“ (S. 87) verschmolzen, habe mit Modernisierungs- und Liberalisierungsprozessen in der Bundesrepublik korrespondiert. Wenige Jahre später setzte die Entwicklung von „Leichtzigaretten“ ein, die einen „kontrollierten bis unbeschwerten“ Genuss versprachen (S. 109). Die Industrie reagierte damit auf Verbraucher, die sich eine schadstoffärmere Zigarette wünschten. Es folgten diverse Innovationen, die Raucher allerdings nicht überzeugten: Hersteller aromatisierten ihre Produkte, um Geschmacksarmut zu kaschieren. „Super Kingsize-Formate“ und ein ansprechendes Verpackungsdesign sollten Leichtzigaretten als „elegant“ erscheinen lassen, besonders „schlanke“ Stängel ein bestimmtes Körperideal spiegeln. Parallel zur Neuen Frauenbewegung wurden überdies leichtere „Damenzigaretten“ beworben. Sie galten als gesellschaftliches Distinktionsinstrument für jene Frauen, die sich nicht als „Feministinnen“ verstanden, denn diese rauchten meist stärkere Sorten. Männer wussten mit solchen Leichtzigaretten nichts anzufangen: Sie konsumierten lieber eine kräftige Ware, die die Werbung als „natürlich“ und geschmacksintensiv hinstellte. Die führenden Marken produzierten daraufhin „Full Flavors“, wobei die Variante ohne Filter im Widerspruch zu einem wachsenden Gesundheitsbewusstsein in der Bundesrepublik gestanden habe. Derartige Zigaretten seien besonders für „rebellische“ Raucher attraktiv gewesen, die sich gegen die „Illusionswerbung“ (S. 118) leichterer Waren und gegen gesellschaftlichen Konformismus gestellt hätten. Ihretwegen konnten nun auch Firmen aus Frankreich und den USA in Westdeutschland Fuß fassen. Das Kapitel verdeutlicht, dass sich, bedingt durch eine zunehmende Kritik am Rauchen und gesellschaftliche Wandlungsprozesse, seit den 1960er-Jahren zahlreiche Innovationen am Markt vollzogen. Diese versuchten zum einen, mit neuen Produkten auf eine sich ausdifferenzierende Zielgruppe zu reagieren. Zum anderen forschten Hersteller nach veränderten Produktionstechniken, um Rauchentwicklung und Schadstoffe zu reduzieren.

Das vierte und letzte Kapitel resümiert, dass sich die Zigarette seit Beginn des Risikodiskurses immer wieder neu erfinden musste. Sie sei deshalb ein „Spiegelbild dynamischer Gesellschaften“ (S. 181). Obgleich Raucher, für die Zigaretten ein Identitäts- und Distinktionsmerkmal darstellten, um die Gefahren ihres Tuns wussten, evozierte dieses Wissen nicht automatisch ein entsprechendes Gesundheitsverhalten. Verdrängungsmechanismen, Sucht und Genussstreben waren stärker. Neben diesen Ergebnissen endet der Band mit der Frage, wie sich das Produkt Zigarette angesichts der steigenden Beliebtheit von „E-Zigaretten“ in Zukunft entwickeln wird: Welche Folgen ergeben sich für das Rauchen als eine soziale Praxis, wenn fortan beispielsweise die Bitte nach Feuer der Vergangenheit angehört – und damit die Möglichkeit, miteinander unkompliziert ins Gespräch zu kommen?

Der Forschungsverbund „PolitCIGs“ hat einen ansprechend illustrierten dritten Band vorgelegt. Er präsentiert die Zigarette als ein soziales Distinktionsinstrument und führt vor Augen, wie sehr sich seit den 1960er-Jahren Gesundheitsbedenken in die Produktsprache einschrieben und die Industrie zu Handlungen veranlassten. Leider geht der „rote Faden“ der Darstellung – die westdeutsche Risikodiskussion über die Zigarette – zuweilen in etwas langatmigen produkt-, produktions- und firmengeschichtlichen Ausführungen verloren. Stattdessen wären stärkere Bezüge zu rezenten Forschungen über „Risiko“ und „Prävention“ wünschenswert gewesen, aber auch ein Blick „hinter die Kulissen“ der Gesundheitsbehörden: Wie hat man sich die dortigen Risiko-Nutzen-Abwägungen vorzustellen? Zudem fehlen Periodisierungsvorschläge für eine Geschichte des Rauchens in Westdeutschland, die den Wandel von Risikoeinschätzungen diskutieren würden. So zeigt der „Tabakatlas 2015“ (aber auch der Band selbst), dass der Anteil der Raucher, besonders in den jüngeren Altersgruppen, seit Jahrzehnten rückläufig ist.[4] Obgleich einzelne Konsumenten im Band zu Wort kommen, erfährt der Leser nur wenig über die alltägliche Praxis des Rauchens beziehungsweise über individuelle Gesundheitsstrategien. Schließlich drängt sich die Frage nach den Rauchgewohnheiten bestimmter Gruppen auf: Die sogenannten Selbstdreher werden in der Publikation zwar gestreift, ihr Handeln wird jedoch allein mit finanziellen Motiven erklärt. Und noch ein weiterer Seitenblick und eine entsprechende Einordnung wären interessant gewesen: Dies betrifft die sogenannten Aficionados wie Udo Lindenberg, die mit ihrem rund einstündigen (ebenfalls schädlichen) Zigarrenpaffen nicht nur allen Beschleunigungsprozessen unserer Gegenwart zu trotzen scheinen, sondern deren Rauchwaren zudem in der Öffentlichkeit kaum beworben werden. Insgesamt aber hat der Band sein Ziel auf jeden Fall erreicht, „neue Impulse für künftige Forschungen auszusenden“ (S. 14).

Anmerkungen:
[1] Noblego gratuliert: Udo Lindenberg – Aficionado und Kult-Rocker, 17.05.2016, http://www.noblego.de/blog/noblego-gratuliert-udo-lindenberg-wird-70/ (21.04.2017).
[2] Siehe http://www.politcigs.uni-jena.de/ (21.04.2017).
[3] Dirk Schindelbeck / Christoph Alten / Gerulf Hirt / Stefan Knopf / Sandra Schürmann, Zigaretten-Fronten. Die politischen Kulturen des Rauchens in der Zeit des Ersten Weltkriegs, Marburg 2014; rezensiert von Frank Jacob, in: H-Soz-Kult, 29.09.2015, http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23868 (21.04.2017); Sandra Schürmann / Christoph Alten / Gerulf Hirt / Stefan Knopf / Evelyn Möcking / Dirk Schindelbeck / Merle Strunk, Die Welt in einer Zigarettenschachtel. Transnationale Horizonte eines deutschen Produkts, Kromsdorf/Weimar 2017. In Vorbereitung ist: Stefan Knopf, Rauchen im Sozialismus. DDR-Alltag im blauen Dunst, Kromsdorf/Weimar 2017.
[4] Deutsches Krebsforschungszentrum (Hrsg.), Tabakatlas 2015, Heidelberg 2015, https://www.dkfz.de/de/tabakkontrolle/download/Publikationen/sonstVeroeffentlichungen/Tabakatlas-2015-final-web-dp-small.pdf (21.04.2017).

Zitation
Henning Tümmers: Rezension zu: Hirt, Gerulf; Alten, Christoph; Knopf, Stefan; Schindelbeck, Dirk; Schürmann, Sandra: Als die Zigarette giftig wurde. Ein Risiko-Produkt im Widerstreit. Kromsdorf / Weimar 2017 , in: H-Soz-Kult, 05.05.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27257>.