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Titel
Pontifex. Die Geschichte der Päpste von Petrus bis Franziskus


Autor(en)
Reinhardt, Volker
Erschienen
München 2017: C.H. Beck Verlag
Umfang
928 S.
Preis
€ 38,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Gerulf Hirt, Göttingen

„Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwinden. Ich werde dir die Schlüssel des himmlischen Reichs geben. Und alles, was du auf Erden binden wirst, wird auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, wird auch im Himmel gelöst sein.“ Diese eindrucksvolle Verheißung (Mt 16,18f.) und Inszenierung des Pontifex als ein Mittler zwischen Diesseits und Jenseits findet sich in der Kuppel des Petersdoms verewigt. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Päpsten (vor allem der Moderne) erfährt seit den letzten Jahren eine gewisse Konjunktur. Vor dem aktuellen Hintergrund der sogenannten Lutherdekade setzen sich inzwischen keineswegs nur genuin kirchengeschichtliche Arbeiten mit den Selbst- wie (insbesondere nicht-katholischen) Fremdwahrnehmungen der Stellvertreter Christi und personalisierten „Medien“ des Katholizismus auseinander.[1]

Mit seiner ebenso monumentalen wie detailreich und umsichtig argumentierenden Studie möchte der Historiker Volker Reinhardt nun „[...] ein ganzheitliches Profil der Päpste und ihrer Pontifikate bieten. Dazu gehört eine Bestandsaufnahme ihrer Tätigkeiten in den Hauptfeldern der Kirchenherrschaft, der moralisch-politischen Aufsicht über die christlichen Herrscher, der Machtausübung in Rom und dem übrigen Kirchenstaat, des Nepotismus sowie der Mediennutzung und Propaganda im weitesten Sinne.“ (S. 21) Dabei spielten familiäre Hintergründe, individuelle Persönlichkeiten, Interessen und Neigungen eine ebenso wesentliche Rolle für den Aufstieg und Fall unterschiedlicher Pontifices maximi wie macht-, orts-, situations- und zeitspezifische Konstellationen. Die dementsprechende Komplexität des Forschungsvorhabens wird nach einer konzisen Einleitung in vierzehn chronologisch angelegten Kapiteln überdeutlich. Dabei dienen insgesamt 109 geschickt platzierte Schwarz-Weiß-Abbildungen der illustrativen Verdeutlichung von Kernaspekten oder aber der Eröffnung von bemerkenswerten Seitenblicken. Abgerundet wird die ebenso flüssig wie stets gut verständlich verfasste Studie von einem umfangreichen Anhang mit Karten, einer Liste der Päpste und Gegenpäpste, Literaturhinweisen, einer Bibliographie zum Forschungsstand der Papstgeschichte, dem Bildnachweis und einem praktischen Personenregister.

Volker Reinhardt versteht die Geschichte der Päpste als die Geschichte eines Kampfes „[...] um den Glauben, die Gewissen, die Seelen und damit um die Macht in ihrer höchsten und reinsten Potenz.“ (S. 22) Diesem Diktum und dem Anspruch, sich den Pontifices aus dem Geiste ihrer jeweiligen Epoche anzunähern, folgen konsequenterweise auch die inhaltlichen Kapitel. Ausgehend von einer reflektierten Darstellung der Ursprünge des Papsttums erfährt der Leser, dass der langwierige und wechselhafte Prozess der Begründung des Papstamtes in der Mitte des fünften Jahrhunderts weitgehend abgeschlossen war, anschließend aber noch weiter ausgeprägt wurde. Seither basierte der Machtanspruch der Päpste auf einem institutionellen Fundament, das über Jahrhunderte hinweg verschiedene Erweiterungen erfuhr und gleichsam Erschütterungen ausgesetzt blieb: Im fünften und sechsten Jahrhundert bildete sich die moralische Hoheit des Pontifex über die weltlichen Herrscher inklusive des Rechts heraus, diese bei Verfehlungen ihres Amtes zu entheben. Seit dem achten Jahrhundert kam der päpstliche Machtanspruch über ein eigenes Territorium im mittelitalienischen Gebiet hinzu. Im zehnten Jahrhundert degenerierte das oftmals mit Minderjährigen besetzte Papstamt zwischenzeitlich zu einem machtpolitischen Instrument römischer Adelsfamilien. Ein Jahrhundert später erlangte der Pontifex die alleinige Rechts- und Rechtsprechungsverfügungshoheit über seine Kirche. Für den spannungsgeladenen Zeitraum vom 13. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wird überdeutlich, dass mit den jeweiligen Päpsten stets auch ein Familienverband und als solcher eine Interessengruppe mit eigenen Machtansprüchen aufstieg oder aber fiel. Ein diesbezüglich ebenso eindrückliches wie erschreckendes Beispiel stellt der Pontifikat Alexanders VI. (1492–1503), des wohl bekanntesten und berüchtigtsten Borgia-Papstes, dar. Erst seit dem 19. Jahrhundert trat der mit einer solchen Amtsführung verbundene und auch unter anderen Päpsten weit verbreitete Nepotismus zunehmend zurück.

Volker Reinhardt arbeitet eindrucksvoll und kenntnisreich heraus, dass jedoch ein zu einseitiger Blick auf skandalträchtige Pontifikate wie jene einiger Borgia- oder della Rovere-Päpste gleichwohl die Perspektive verzerren kann: Im Zeitraum zwischen 1400 und 1800 gingen nämlich häufig gerade solche Pontifices siegreich aus dem Konklave hervor, deren zu erwartende Amtszeit aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters als absehbar erschien, die eben nicht durch besonders extreme Eigenschaften hervorstachen und somit als eine Art Kompromisskandidat galten – eine Annahme, die sich bisweilen als Trugschluss herausstellte. Doch von der Kontinuität des Amtes über die Jahrhunderte hinweg betrachtet erscheint generell bemerkenswert, dass offenbar gerade die eher durchschnittlichen, unauffälligeren Päpste die durchsetzungsstärksten waren. Freilich spielten die Persönlichkeit, die individuellen Neigungen, das Vorhandensein oder der Mangel eines Charismas im Weberschen Sinne, die Kommunikationsfähigkeit, das diplomatische wie (macht-)politische Geschick (innerhalb wie außerhalb der Kirche) eine entscheidende Rolle für den Einfluss des jeweiligen Pontifex.

Über die akribische, nüchtern-analytische Betrachtung der Päpste erfährt der Leser zugleich stets Wissenswertes über die kirchen-, kultur-, politik- und sozialgeschichtlichen Kontexte der jeweiligen Zeit: Hinsichtlich der Bedeutungen für und der Rückwirkungen auf das Papstamt bleiben einschneidende Ereignisse wie etwa die Konzile von Konstanz, Basel oder Trient ebenso wenig unreflektiert wie die Plünderung Roms und des Kirchenstaats (Sacco di Roma) im Mai 1527 während des Pontifikats von Clemens VII. (1523–1534) durch deutsche Landsknechte sowie italienische und spanische Söldner. Gleiches gilt für die umsichtige Einbettung der jeweiligen Papstgeschichte in so komplexe Prozesse wie die protestantischen „Reformationen“ des 16. Jahrhunderts (hier insbesondere im Hinblick auf den von 1513 bis 1521 amtierenden Medici-Papst Leo X.), frühneuzeitliche „Hexen- und Ketzerverfolgungen“, den Mahlstrom des „Dreißigjährigen Krieges“, katholische „Gegenreformationen“, die bis in das 18. Jahrhundert hinein reichten, oder die Förderung des Antijudaismus mitten im Zeitalter der Aufklärung unter Pius VI. (1775–1799). Auch die Einflüsse christlicher Ordensgemeinschaften bleiben nicht unberücksichtigt – sei es, wenn ein Ordensmitglied (häufiger Franziskaner) zum Pontifex ernannt wurde, oder aber im Hinblick auf die Verfolgung (Templer-Orden) bzw. die besondere Verbindung bestimmter Kommunitäten mit dem Papsttum. Letzteres galt lange Zeit vor allem für die Societas Jesu, die Paul III. (1534–1549) im Jahre 1540 gegründet hatte.

Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, mit einem deutlichen Schwerpunkt auf die Vormoderne, entsteht somit ein eindrucksvolles Panorama der Päpste, das sich aus Asketen und Hedonisten, Bewahrern und Reformern, Friedensstiftern und Kriegsherren, Menschenfreunden und Tyrannen zusammensetzt. Gleichwohl fällt ein inhaltliches Ungleichgewicht zuungunsten der Pontifices der letzten zweihundert Jahre auf, obwohl diesbezüglich gerade in jüngster Zeit bedeutende Forschungen erschienen sind.[2] Selbstverständlich wird das unter dem Pontifikat von Pius IX. (1846–1878) und vom Ersten Vatikanischen Konzil beglaubigte Unfehlbarkeitsdogma ebenso thematisiert wie die umstrittenen Pontifikate von Benedikt XV. (1914–1922), Pius XI. (1922–1939) und Pius XII. (1939–1958) zur Zeit des italienischen Faschismus bzw. des Nationalsozialismus. Auch der Initiator des Zweiten Vatikanischen Konzils, Johannes XXIII. (1958–1963), und sein Nachfolger, der eigentliche „Konzilspapst“ Paul VI. (1963–1978), werden quellenkritisch im Kontext der Durchsetzung des modernen Massen- und Medienzeitalters eingeordnet. Gleiches gilt für Johannes Paul I. (August bis September 1978), Johannes Paul II. (1978–2005) und Benedikt XVI. (2005–2013), doch geschieht dies weitaus weniger ausführlich als im Falle der Päpste der Vormoderne.

Ein übergeordnetes, prägnantes Fazit hätte die spannenden Ergebnisse der Studie noch einmal bündeln sowie (gerne herausfordernde) Thesen und anregende Fragen zu den Wandlungen und Kontinuitäten des Papstamtes aufstellen können: Beispielsweise erfährt der Leser, dass Benedikt XVI. nicht der erste Papst in der Geschichte war, der von seinem Amt zurücktrat. Schon Coelestin V. (Juli bis Dezember 1294) vollzog diesen Schritt, wobei mehr als fraglich ist, ob es sich angesichts kurialer Korruption und chaotischer Zustände dabei wirklich um eine freie Willensentscheidung handelte. Generell scheint der Rücktritt des Ratzinger-Papstes mit keinem der Amtsaufgaben vormoderner Pontifices vergleichbar, da ersterer nachweislich aus völlig freien Stücken handelte. Für die Päpste der Moderne, und insbesondere für den Pontifikat von Franziskus, stellt sich überdies die spannende Frage nach einem (schleichenden) Wandel des Pontifex vom Herrscher mit Universalitätsanspruch hin zum möglicherweise überkonfessionellen oder sogar überchristlichen Seelsorger bzw. hin zu einer moralischen Instanz in zunehmend unübersichtlichen Zeiten. Schließlich wäre ein konkretes Aufzeigen von Forschungspotentialen ebenso hochwillkommen gewesen wie die Ausweisung genauer Quellenangaben in Fuß- oder Endnoten – letztere hätte der forschungsinteressierte Leser dankbar aufgenommen. Die genannten Kritikpunkte schmälern jedoch in keinster Weise die durchweg exzellente und beeindruckende Qualität der Studie, der zu wünschen ist, dass sie zukünftig zum Standardwerk einer Geschichte der Päpste avanciert.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Verena Schneider, Tagungsbericht: Der Protestantismus und die Päpste im 20. und 21. Jahrhundert, 10.11.2016 Wittenberg, in: H-Soz-Kult, 03.02.2017, http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6957 (20.07.2017); Konferenzankündigung: Popes on the Rise! Mobilization, Media, and Political Power of the Modern Papacy, 22.03.2017–26.03.2017 Rom, in: H-Soz-Kult, 12.08.2016, http://www.hsozkult.de/event/id/termine-31682 (20.07.2017).
[2] Jörg Ernesti, Benedikt XV., Papst zwischen den Fronten, Freiburg im Breisgau 2016; ders., Paul VI., Die Biographie, Freiburg im Breisgau 2015.

Zitation
Gerulf Hirt: Rezension zu: Reinhardt, Volker: Pontifex. Die Geschichte der Päpste von Petrus bis Franziskus. München 2017 , in: H-Soz-Kult, 09.08.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27806>.
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09.08.2017
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