K. Weber: Deutsche Kaufleute im Atlantikhandel 1680-1830

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Titel
Deutsche Kaufleute im Atlantikhandel 1680-1830. Unternehmen und Familien in Hamburg, Cádiz und Bordeaux


Autor(en)
Weber, Klaus
Erschienen
München 2004: C.H. Beck Verlag
Umfang
403 S., 5 Abb., 23 Tab.
Preis
€ 59,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Matthias Manke, Landeshauptarchiv Schwerin

Im Zentrum der Untersuchung stehen die deutschen Kaufmannskolonien in Bordeaux und Cádiz zwischen dem späten 17. und dem frühen 19. Jahrhundert. Gemeinsam war beiden Häfen ihre führende Rolle im Kolonialhandel des jeweiligen Mutterlandes, das seine ‘merkantilistische Hand’ schützend über die Kaufleute der eigenen Nation hielt. Dem gegenüber unterschieden sich die beiden Städte deutlich hinsichtlich des zahlenmäßigen Verhältnisses von einheimischen zu ausländischen Handelsfirmen: In Bordeaux standen 353 französische 97 ausländischen Häusern gegenüber (1777), in Cádiz 285 spanische 244 ausländischen (1771) (S. 164). In der französischen Hafenstadt betätigten sich um 1740 etwa 25 bzw. um 1777 etwa 60 deutsche Kaufmannshäuser (S. 174) und insgesamt 225 deutsche Kaufleute, in der spanischen Hafenstadt waren dagegen zwischen 1764 und 1791 gleichzeitig zwölf bis 22 deutsche Kaufleute präsent (S. 113) und über den gesamten Untersuchungszeitraum hinweg 239.

Bei diesen relativ kleinen Grundgesamtheiten tut Klaus Weber gut daran, immer wieder den Vergleich mit den einheimischen Handelshäusern bzw. denen anderer ausländischer Kolonien zu suchen – sei es hinsichtlich der Rechtsstellung, der Unternehmensstrategien, der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, der Netzwerkbildung oder der sozialen Merkmale der Kaufleute. So gelingt es dem Autor, für einen Zeitraum von 150 Jahren die Determinanten von Konstanz und Wandel heraus zu arbeiten. Beispielsweise dominierten Hanseaten die deutsche Kolonie in Bordeaux, während sich in Cádiz zahlreiche Kaufleute aus den binnenländischen Gewerberegionen niederließen (S. 173) – gemeinsam war ihnen allen neben der aus sehr gewinnbringender Geschäftstätigkeit resultierenden großen wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, dass sie mit einiger Beständigkeit auf eigentlich geschäftsfördernde Naturalisationen weitestgehend verzichteten. Auf einige, in ihrer Zahl von vornherein oft begrenzte, geschäftlich zumeist sehr erfolgreiche Jahre folgte die Rückkehr in das Herkunftsland, wobei im Unterschied zur kaum erfolgten sozialen Integration der Deutschen in Cadiz (S. 118ff.) immerhin ein knappes Viertel der Deutschen in Bordeaux während ihres Aufenthaltes dort heiratete und drei Viertel davon eine Braut aus dem Gastland wählten (S. 176).

Als weiterer Untersuchungsgegenstand kommen die in Hamburg ansässigen französischen und spanischen Handelshäuser als „ein wichtiges Komplement zum Verständnis der internationalen Verflechtungen und der Arbeitsteilung im atlantischen Wirtschaftsraum“ (S. 15) hinzu. Diese beiden ausländischen Kaufmannskolonien in Hamburg glichen sich hinsichtlich der geringen Zahl ihrer Mitglieder, unterschieden sich jedoch in Hinblick auf den Zeitraum ihrer Präsenz in der Elbestadt: Am Ende des 18. Jahrhunderts war die ‘französische Ära’ weitgehend beendet und eine – deutlich kürzere – spanische begann (S. 256). Die Bedeutung der französischen Kaufleute resultierte aus ihrer fast dominanten Stellung im hamburgischen Zuckerimport, die in der Revolutionszeit wegbrach und nicht zuletzt durch die Verlagerung der karibischen Zuckerproduktion nach Kuba mit spanischen bzw. spanisch-karibischen Lieferungen kompensiert wurde. Klaus Weber kann allerdings lediglich zwei im Silberhandel tätige spanische Handelshäuser namhaft machen, was die oben avisierte Rolle dieses Kapitels ein wenig in Frage stellt. Breiten Raum, aber kein eigenes Kapitel erhalten hingegen die vom Niederrhein, aus Westfalen, Böhmen und anderen deutschen Gewerberegionen stammenden Handelsleute, die mit den Atlantikhäfen handelten und sich oder ihre Familienmitglieder zuweilen dort fest etablierten. Sie stehen einerseits für die frühe Integration deutscher Händler in den atlantischen Wirtschaftsraum und fungieren andererseits gleichsam als Katalysator für die Entwicklung der Manufakturen bzw. Proto-Industrien in den Herkunftsregionen. Mit der Einbeziehung dieser für den dauerhaften wirtschaftlichen Erfolg der deutschen Kaufmannskolonien bedeutsamen Gruppe der Händler aus dem Binnenland spannt die Arbeit einen wesentlich weiteren Bogen, als es der Begriff ‘Atlantikhandel’ zunächst vermuten lässt.

Schwerer als diese durch den Inhalt vollkommene aufgewogene Beanstandung der Titelwahl wiegt jedoch die – oft ohne Zweifel recht geschickte – Entwicklung ‘großer Linien’ aus kleinen Fakten. Mit anderen Worten: Aus Einzelbeispielen werden m.E. etwas voreilig Trends konstruiert, für die mehr Belege durchaus wünschenswert gewesen wären. Die Ausführungen beispielsweise zum „wohl erstaunlichste[n] Beispiel für die Generationen währende Präsenz einer deutschen Kaufmannsfamilie in Cádiz“ (S. 124), der aus dem Osnabrücker Raum stammenden Kaufmannsfamilie Ellermann, beginnen damit, dass 1720 eines der sieben Kinder der frühesten bekannten Generation – Johann Arnold – in Cádiz aktenkundig wurde und ihm später weitere Geschwister folgten. Der Erstgenannte wandte sich in den 1730er-Jahren nach Hamburg, machte sich dort für eine zu Lasten der traditionellen Konvoischifffahrt gehende Subventionierung bewaffneter Handelsfregatten stark und handelte intensiv mit Cádiz bzw. Teneriffa: „Mit seinen Lieferungen von Leinen verschiedenster Qualität hatte Ellermann seinen Anteil“ an „den 1753 in Hamburg für Spanien deklarierten Leinen im Wert von 460.000 Mark banco,“ von „denen knapp die Hälfte nach Cádiz und ein Drittel direkt nach Santa Cruz de Tenerife“ ging (S. 126). J.A. Ellermanns Bruder Georg Heinrich und später sein Sohn Johann Heinrich gingen ebenfalls nach Cádiz, letzterer ist dort bis Ende des 18. Jahrhunderts mit verschiedenen Teilhabern nachweisbar und die Familie stellte von 1837 bis 1864 den hamburgischen Konsul in Spanien. Das Fazit, „die Ellermanns sind somit mehr als 140 Jahre in dem andalusischen Hafen ansässig gewesen“ (S. 127), hinterlässt vor allem die Frage, wie bzw. womit sich die Familienfirma so lange erfolgreich halten konnte – der (im Detail nicht belegte) Anteil am Hamburger Leinenhandel des Jahres 1753 allein wird es wohl eben so wenig gewesen sein wie die nicht mit Beispielen (die Erwähnung einer Geschäftsbeziehung zu einem großen Iserlohner Handelshaus ausgenommen) unterlegte Aussage, dass „Firmen wie die der Ellermann zunächst vor allem mit den Produkten ihrer Herkunftsregion, in diesem Fall westfälischen Leinen [handelten]“ und so den Einstieg in den Großhandel auch mit anderen Manufakturwaren vollzogen ... (S. 127)

Überhaupt die Quellenarbeit. Vielleicht ist der Blick des rezensierenden Archivars etwas zu kritisch, aber zuweilen entstand der Eindruck, als sei die Arbeit in ihren größeren Teilen mehr aus der – in hohem Maße internationalen – Literatur als aus den archivalischen Quellen geschrieben: Mehrere exemplarische Aussagen zur deutschen Kaufmannskolonie in Bordeaux beispielsweise basieren auf Erkenntnissen der Arbeit von Wolfgang Henninger zu Johann Jakob von Bethmann [1] bzw. zu wenig auf eigener Primärquellenauswertung. Während hinsichtlich der quantitativen Auswertung serieller Massenquellen (Steuerregister) wohl kaum Defizite feststellbar sein werden, scheinen sich die in ihrer Bedeutung explizit hervorgehobenen Notariatsakten (S. 31ff.) romanischer Tradition nicht so stark wie erwartet widerzuspiegeln. In Hinsicht auf letztere mag allerdings, wie gesagt, der Schein trügen. Hinsichtlich der Betonung der kaufmännischen Netzwerke (S. 17f., 300) bleibt die Arbeit jedoch, wofür das o.g. Beispiel der Familie Ellermann auch steht, zu sehr an der Oberfläche und damit einiges schuldig, muss es – im Vergleich zur möglichen Intensität bei der Konzentration auf ein Handelshaus [2] – aufgrund ihrer relativen Breite vielleicht auch bleiben. Ungeachtet dieser Breite seien Zweifel an dem beanspruchten „Überblick über alle [deutschen – MM] Handelshäuser und eine genaue Beschreibung ihrer geschäftlichen Aktivitäten“ (S. 15) in Cádiz bzw. Bordeaux angemeldet – den aus Rostock stammenden und vor 1793 dahin aus Bordeaux zurück kehrenden Peter Wilhelm Christoph Burchard (1768-1825) [3] beispielsweise hat Weber in seinen Quellen nicht finden können; eine Beschreibung der Geschäfte von 464 Handelsfirmen in angemessenem Rahmen erscheint ohnehin unrealistisch.

Ungeachtet der vorstehenden Kritik hat Weber eine doch stringent gearbeitete und sehr gut zu lesende Untersuchung vorgelegt, mutige Interpretationen mögen ihren Teil zu beigetragen haben. Der zu konstatierende Erkenntnisgewinn über deutsche Kaufmannskolonien im Ausland betrifft vor allem deren geschäftliche Anbindung an das gewerbliche ‘Hinterland’, ihren trotz unterschiedlicher lokaler Gegebenheiten lang andauernden geschäftlichen Erfolg in den Atlantikhäfen und die für Einzelfälle nachgewiesene Diversifizierung ihrer ökonomischen Basis mit dem parallel zum Handelsgeschäft vollzogenen Einstieg in den prestigeträchtigen agrarischen Großgrundbesitz. Solche Erkenntnisgewinne resultieren einerseits aus der Einbeziehung der internationalen Forschungsliteratur und andererseits aus der vergleichenden Perspektive, zumal an die zwei (bzw. drei) Untersuchungsorte Cádiz und Bordeaux (sowie mit den genannten Einschränkungen Hamburg) ein relativ gleichförmiges Analyse-Instrumentarium angelegt wurde. Klaus Weber gibt mit seiner zu Recht ausgezeichneten Studie (Preis der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte) einen ansehnlichen Interpretationsrahmen vor, der sowohl für Cádiz als auch für Bordeaux durch weitere (Einzel-)Fallstudien à la Henninger oder Vogt zu füllen sein wird. Vervollständigt wird die Arbeit, das sei abschließend an dieser Stelle erwähnt, durch eine Einleitung zum deutschen Handel im atlantischen Wirtschaftsraum, ein Kapitel über familiäre und geschäftliche Netzwerke (s.o.) sowie Quellen- und Literaturverzeichnis, Personenregister und einen Anhang mit – im Übrigen auch bereits in die einzelnen Kapitel integrierten – Tabellen, Karten, Genealogien und Quellenwiedergaben.

Anmerkungen:
[1] Henninger, Wolfgang, Johann Jakob von Bethmann 1717-1792. Kaufmann, Reeder und kaiserlicher Konsul in Bordeaux (Dortmunder historische Studien 4) , 2 Bde. Bochum 1993.
[2] Als Beispiel siehe Vogt, Annette Christine, Ein Hamburger Beitrag zur Entwicklung des Welthandels im 19. Jahrhundert. Die Kaufmannsreederei Wappäus im internationalen Handel Venezuelas und der dänischen sowie niederländischen Antillen (Beiträge zur Unternehmensgeschichte,17), Stuttgart 2003 bzw. meine Rezension unter http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2004-2-090.
[3] Dunckelmann, F.H. (Hg.), Nachrichten von der Familie Burchard. Auf Veranlassung des Bürgermeisters Peter Johann Friedrich Burchard und des Schiffsbaumeisters Ernst Burchard zu Rostock, Rostock 1910, S. 39.

Zitation
Matthias Manke: Rezension zu: Weber, Klaus: Deutsche Kaufleute im Atlantikhandel 1680-1830. Unternehmen und Familien in Hamburg, Cádiz und Bordeaux. München 2004 , in: H-Soz-Kult, 02.09.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-4557>.
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Veröffentlicht am
02.09.2004
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