J. E. Stadler u.a.: Vollständiges Heiligen-Lexikon

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Titel
Vollständiges Heiligen-Lexikon.


Autor(en)
Stadler, Johann E.; F. J. Heim, J. N. Ginal
Erschienen
Umfang
1 CD-ROM
Preis
€ 90,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Eric Steinhauer, Universitätsbibliothek, Technische Universität Ilmenau

In der Digitalen Bibliothek ist das „Vollständige Heiligen-Lexikon“ von Stadler, Helm und Ginal als CD-ROM erschienen. Damit wird ein hagiografisches Standardwerk des 19. Jahrhunderts für die Gegenwart erschlossen und wieder leicht zugänglich. Nur wenige werden das zwischen 1858 und 1882 in fünf Bänden erschienene Werk in der Handbibliothek haben. Auch in neueren Bibliotheken ist es oft nicht zu finden. Die CD-Rom bietet neben einem Neusatz des gesamten Textes ein gescanntes Faksimile des in Frakturschrift gesetzten Originals. Damit ist auch in Zweifelsfällen die Konsultation der gedruckten Ausgabe entbehrlich.

Ein Reprint zu besprechen ist immer heikel. Es kann sicher nicht darum gehen, den ursprünglichen Text an heutigen Maßstäben zu messen und zu bewerten. Vielmehr geht es darum, nach Sinn und Berechtigung der Neuausgabe zu fragen. Handelt es sich dazu noch um eine digitale Ausgabe, gilt es, die besonderen Vorzüge, aber auch die Probleme dieser Form der Repräsentation darzustellen.

Der Wert des Stadler’schen Lexikons

In seiner Zeit war Stadlers Lexikon eine wirklich beachtliche Leistung. Der ungeheure Stoff der Heiligenviten findet sich in lexikalischer Form auf engem Raum beieinander. Dabei haben sich die Autoren nicht auf Heilige im engeren Sinn beschränkt, sondern auch Selige und im Rufe der Heiligkeit stehende Personen aufgeführt. Der Leser hat damit die ganze Fülle katholischer Personenfrömmigkeit vor Augen. Als Quellen wurden neben den Arbeiten der Bollandisten diverse Martyrologien und Vitensammlungen benutzt. Die Verfasser geben in einer Vorrede darüber Auskunft und stellen ihre Quellen dem interessierten Leser vor. Neben einer Geschichte der Heiligenverehrung, freilich auf dem damaligen Erkenntnisstand, findet sich auch eine Darstellung der kirchenrechtlichen Seite der Kanonisation, die heute ebenfalls „nur“ historisches Interesse beanspruchen kann, für den auf diesem Gebiet arbeitenden Wissenschaftler aber eine sehr brauchbare Zusammenstellung des überkommenen Rechts der Heiligsprechung bietet. Man darf daher mit Recht sagen, dass das „Vollständige Heiligenlexikon“ ein gutes Kompendium der alten katholischen Hagiografie ist.

Die einzelnen Lemmata freilich entsprechen nicht unbedingt heutigen Anforderungen an Lexikonartikel. So finden sich keine durchgängigen Literaturangaben und Quellennachweise. Vielmehr werden mehr oder weniger ausführliche, manchmal mit Merkwürdigkeiten verschiedenster Art angereicherte Lebensgeschichten geboten, die zugleich aber auch viele kultur- und frömmigkeitsgeschichtlich interessante Details der Heiligenviten bringen, die in gegenwärtigen, erheblich nüchterner gehaltenen Darstellungen kaum zu finden sind. In der Vorrede haben die Verfasser zwar wissenschaftliche Redlichkeit und Genauigkeit als Grundlage ihres Arbeitens genannt, zugleich aber auch weitere Kreise als Leser im Blick gehabt. Das ist den Artikeln anzumerken. Hier eine Kostprobe: „Während in der Stadt Dabul wegen der Auslösung der Gefangenen mit dem portugiesischen Gesandten unterhandelt wurde, schlachteten die grimmigen Seeräuber den 27jährigen Kleriker unter höllischen Ceremonien ihrem Propheten zum Opfer und warfen den enthaupteten Leib ins Meer.“ [Heiligen-Lexikon: Vincentius Alvarus (56). Vollständiges Heiligen-Lexikon, S. 40467 (vgl. HL Bd. 5, S. 730)]. Die angeführte Fundstelle wurde übrigens automatisch beim Herauskopieren des Zitates erzeugt. Für das wissenschaftliche Arbeiten eine sehr angenehme Funktionalität!

Das Arbeiten mit der Digitalen Ausgabe

Die Installation des für die Arbeit mit dem Text notwendigen Programms ist problemlos, die Benutzung intuitiv. Ein ausführliches Booklet informiert mit Screenshots und Erläuterungen über die Funktionalitäten der Software. Da der gesamte Text der Fraktur-Ausgabe neu gesetzt wurde, kann der interessierte Leser eine Volltextrecherche vornehmen. Diese ist allerdings nicht ohne Tücken! Da der Neusatz sich genau an die Vorlage hält, was ja durchaus kein Mangel ist, muss man mit der Orthografie des 19. Jahrhunderts rechnen. Das ist besonders problematisch, weil die Autoren selbst keine einheitliche Schreibweise gewählt haben. Wenn man beispielsweise alle Heiligen der Zisterzienser sucht, so muss man nicht nur nach „Cistercienser“, sondern auch nach „Cisterzienser“ suchen. Ähnlich verhält es sich bei den Kartäusern; es findet sowohl die Schreibweise „Carthäuser“ als auch „Karthäuser“ Verwendung. Dieser Umstand erschwert eine halbwegs vollständige Recherche. Vergeblich sucht man auch den wichtigen spanischen Orden der Mercedarier. In den Lemmata der Heiligen des Ordens werden folgende Bezeichnungen verwendet: Orden S. Mariae de Mercede zur Erlösung der Gefangenen, Orden von der Erlösung der Gefangenen, Orden U. L. Fr. von der Erlösung der Gefangenen, Orden der hl. Maria von der Erlösung der Gefangenen, Orden der hl. Jungfrau von der Erlösung der Gefangenen, Orden der sel. Jungfrau Maria von der Auslösung der Gefangenen, Orden zur Auslösung der Gefangenen. Dieses Beispiel mag hinreichend illustrieren, dass nur eine kenntnisreiche Stichwortsuche zu gewünschten Ergebnissen führt. Das Fehlen eines Sachregisters ist hier als größter Nachteil zu sehen.

Grenze und Gewinn der Neuausgabe

Die Neuausgabe von Stadlers Lexikon bringt ohne Zweifel einen interessanten Text für die hagiografische Forschungen, der allerdings einen stark kompilatorischen Charakter hat. Der Hagiograf sollte ihn der Vollständigkeit halber konsultieren. Als Grundlage für die wissenschaftliche Arbeit sind die Artikel selbst nur bedingt geeignet. Hier empfehlen sich die „Bibliotheca Sanctorum“ [1], das „Lexikon der Heiligen und Heiligenverehrung“ [2] oder mit gewissen Einschränkungen wegen der unterschiedlichen Qualität der Beiträge das „Biographisch-Bibliographische Kirchenlexikon“ [3] sowie für die schnelle Erstinformation „Der große Namenstagskalender“ von Torsy.[4]

Die Neuherausgabe des Stadler ist gleichwohl nicht überflüssig. Ihr Nutzen liegt in dem digitalen Mehrwert der Edition. Die Volltextsuche über einen gewaltigen Fundus hagiografischer Information ermöglicht es, Zusammenhänge herzustellen, die durch herkömmliche Register nicht oder nur sehr schwer zu entdecken sind. Zu denken ist hier an die Suche nach Orten, Attributen und dergleichen. Insofern kann man sich zur Bearbeitung neuer hagiografischer Themen in höherem Maße anregen lassen, als dies bei den herkömmlichen gedruckten Kompendien der Fall ist. Ein Beispiel mag dies illustrieren: Der hl. Kümmerniß wuchs der Legende nach zum Schutz ihrer Jungfräulichkeit ein Bart. Durch eine Stichwortsuche, die auch mit definierbaren Wortabständen zwischen den einzelnen Begriffen arbeitet, findet der interessierte Leser noch die hl. Liberata, eine ebenfalls mit Bart geschmückte Jungfrau. Ein weiteres Beispiel: Der hl. Agatha wurden bei ihrem Martyrium die Brüste herausgerissen. Mit entsprechenden Attributen wie Zange und den auf einem Tablett liegenden Brüsten dargestellt, ist sie in vielen Kirchen zu finden. Will man nun den Zusammenhang zwischen weiblichem Körper und Martyrium näher untersuchen, so fördert eine Suche in den Artikeln des Stadler weitere, weniger bekannte Heilige mit dem gleichen Schicksal zutage, etwa die hll. Calliope, Alexandra, Claudia, Euphrasia, Matrona, Juliana, Euphemia, Theodosia, Derphuta, Anastasia, Basilissa, Febronia und Reparata.

Insgesamt also ist die Neuausgabe des Stadler sehr zu begrüßen. Dabei liegt ihr Wert weniger in dem Text als solchem, sondern in der digitalen Präsentation, die für die Bearbeitung hagiografischer Themen großartige Suchmöglichkeiten eröffnet. Ein fehlendes Sachregister und eine uneinheitliche Terminologie verlangen freilich eine intelligente Recherchestrategie.

Anmerkungen:
[1] Bibliotheca Sanctorum/Istituto Giovanni XXIII, Roma 1961 ff.
[2] Lexikon der Heiligen und Heiligenverehrung, Red. Steiner, Bruno u. Mitarb. v. Wetzstein, Thomas, Freiburg im Breisgau 2003, 3 Bde.
[3] Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, begr. u. hg. v. Bautz, Friedrich Wilhelm fortgef. v. Bautz, Traugott, Hamm 1970ff.
[4] Torsy, Jakob: Der große Namenstagskalender: 3850 Namen und Lebensbeschreibungen der Namenspatrone, Freiburg im Breigau 2002.

Zitation
Eric Steinhauer: Rezension zu: Stadler, Johann E.; F. J. Heim, J. N. Ginal: Vollständiges Heiligen-Lexikon. Berlin 2005 , in: H-Soz-Kult, 19.12.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-5836>.
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19.12.2005
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