L.-M. Günther: Herodes der Große

Cover
Titel
Herodes der Große.


Autor(en)
Günther, Linda-Marie
Erschienen
Umfang
278 S.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Julia Wilker, Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin

Der vorliegende Band der Reihe „Gestalten der Antike“ behandelt Herodes den Großen, dessen Aufnahme unter die großen Persönlichkeiten der griechisch-römischen Welt kaum einer Rechtfertigung bedarf. Linda-Marie Günther führt denn in ihre Biographie des judäischen Königs auch mit einer breiten Darstellung der Vorstellungen, Rezeptionen und Bilder ein, die Herodes im Laufe der Jahrhunderte in der jüdischen und christlichen Welt erfahren hat. Am Anfang steht – zunächst etwas überraschend – nicht der König selbst, sondern sein Sohn und partieller Nachfolger Herodes Antipas. Günther beginnt hier mit einem Überblick über die kulturgeschichtlichen Stationen der europäischen Rezeption insbesondere der Hinrichtung Johannes’ des Täufers und des damit verbundenen Tanzes der Salome und versucht im Folgenden, den historischen Kern und Hintergrund der so häufig rezipierten Geschichte herauszuarbeiten. Mithilfe dieser Rekonstruktion der Situation drei Jahrzehnte nach dem Tod des Herodes gibt Günther bereits einen ersten Einblick in die komplizierten Familienverhältnisse und Rivalitäten innerhalb der Dynastie, die auch die Regentschaft des Königs selbst prägten. Vor allem dient dieser Exkurs in die spätere Geschichte der herodianischen Dynastie freilich als Beispiel der Verdrehungen, Legendenbildung und weitgehend negativen Rezeption, die der judäische König von der Antike bis in die Moderne erfahren hat. Herodes wurde und wird damit vielfach als „Exponent der Alterität“ (S. 13) wahrgenommen, während seine Biographie aus althistorischer Sicht doch vielmehr als Produkt des Zusammenfließens von jüdischer, hellenistischer und römischer Geschichte zu verstehen ist.

Nach dieser Einleitung in die Thematik folgen die nächsten Kapitel der Herodesbiographie dem chronologischen Verlauf. So zeichnet Günther unter der Überschrift „Herodes’ Aufstieg“ (S. 37–66) zunächst den Aufstieg seines Vaters Antipater nach und führt in diesem Rahmen zugleich in die komplizierte Anfangsgeschichte der römischen (Vor-)Herrschaft in Judaea ein. Im Zentrum steht dabei der Machtkampf zwischen den verschiedenen Fraktionen innerhalb der hasmonäischen Dynastie, in dem Antipater zunehmend zum unersetzlichen Helfer Hyrkans II. wurde und vor dessen Hintergrund auch der römische Einfluss in Judaea stetig wuchs.[1] Günther gelingt es, für die undurchsichtigen Rivalitäten und Kämpfe in Judaea und die sich teilweise widersprechenden Quellenaussagen Erklärungen zu finden, die die folgenden Entwicklungen plausibel machen. Sicherlich zu Recht wertet sie so den angeblichen Umsturzversuch des Herodes gegen Hyrkan und seinen Heereszug nach Jerusalem als unhistorisch und Produkt einer herodesfeindlichen, wahrscheinlich den Hamonäern nahestehenden Quelle (S. 51f.); die folgenschwere Heirat des Herodes mit der Hasmonäerprinzessin Mariamme wird plausibel insbesondere auf die Initiative Hyrkans zurückgeführt (S. 55f.).

Ebenso überzeugend stellt Günther sich im folgenden Kapitel („Herodes wird König“, S. 67–92) gegen die Darstellung, Herodes habe auf seiner Reise nach Rom im Jahre 40 v.Chr. selbst den Königstitel angestrebt und um diesen gebeten (S. 67–71), und zeichnet im weiteren Verlauf des Kapitels den Weg von der Ernennung des Herodes zum König über dessen faktische Etablierung in Jerusalem bis zur Einsetzung des Ananel als Hohepriester nach. Kapitel IV („Herodes bleibt König“, S. 93–122) beginnt mit der Bestätigung des Herodes als König durch Octavian, behandelt dann jedoch die in die Jahre zuvor zu datierenden Intrigen der Hasmonäerin Alexandra. Im Anschluss werden die internen Streitigkeiten und Affären behandelt, die schließlich zur Hinrichtung der Mariamme führten, die Günther insbesondere in ihrer „politischen Dimension“ (S. 117) betrachtet sehen will. Als treibende Kraft macht sie dabei ebenso wie im Fall der nachfolgenden Hinrichtung der Alexandra die Herodesschwester Salome aus.

Während der erste Teil der Biographie vorwiegend ereignisgeschichtlich-chronologisch aufgebaut ist, wird die Kernzeit der Herrschaft des Herodes im Folgenden unter eher strukturellen Gesichtspunkten behandelt. Dabei stehen die Beziehungen zu Rom und insbesondere zu Augustus am Anfang („Herodes – Freund des Caesar Augustus“, S. 123–150). Hier erörtert Günther beispielsweise die wichtige, nach dem Zeugnis des Flavius Josephus besonders enge Freundschaft des Herodes mit Agrippa; zudem werden an dieser Stelle auch die durch Heiratsverbindungen verstärkten Beziehungen zu den Dynastien anderer Klientelherrscher und der Euergetismus des Herodes außerhalb seines eigenen Herrschaftsgebietes behandelt. In einem eigenen Unterkapitel untersucht Günther schließlich den Konflikte des Herodes mit den Nabatäern, die gewaltsam eskalierten, als von nabatäischer Seite die grenzüberschreitenden Überfälle auf die nordöstlichen Gebiete des herodianischen Reiches nicht unterbunden wurden. Zudem hatte Herodes die Verbindung seiner Schwester Salome mit dem Nabatäer Syllaios verboten, weil dieser die Konversion zum Judentum verweigerte. Das eigenmächtige Vorgehen des Herodes in den äußeren Beziehungen führte nach Josephus zeitweilig zu einer deutlichen Entfremdung zwischen Augustus und dem König; Günther hält jedoch die von Flavius Josephus berichtete Verstimmung des Princeps für übertrieben und sieht daher hier keine ernsthafte Krise im Verhältnis zwischen Kaiser und Klientelherrscher (vor allem S. 146–150).

Das folgende Kapitel beginnt etwas unvermittelt mit dem Ende des Herodes („Herodes’ umkämpftes Erbe“, S. 151–191) und behandelt insbesondere die familieninternen Streitereien und die verschiedenen Nachfolgeregelungen, die der König in den letzten Jahren seiner Herrschaft immer wieder modifizierte. So werden in diesem Rahmen auch die Intrigen, Rivalitäten und Kämpfe innerhalb der Dynastie nach dem Tod der Mariamme und der Alexandra behandelt. Doch auch die berühmte „Adler-Affäre“, bei der nach der Verbreitung der falschen Nachricht, der König sei bereits gestorben, der goldene Adler von einem der Tempeltore entfernt wurde, behandelt Günther an dieser Stelle, da sie hier eine Verbindung zu den gleichzeitigen familieninternen Auseinandersetzungen und Intrigen vermutet. Diese Einordnung freilich erscheint angesichts des insgesamt angespannten Verhältnisses zwischen Herodes und zumindest Teilen seiner jüdischen Untertanen, das erst im folgenden Kapitel näher behandelt wird, ein wenig aus dem eigentlichen Zusammenhang gerissen. Das Kapitel endet schließlich mit dem tatsächlichen Tod des Herodes und seinen letzten Verfügungen sowie dem von Flavius Josephus detailreich beschriebenen Begräbnis.

Die zentrale und die Forschung bestimmende Frage nach der allgemeinen Ausrichtung und Bewertung seiner Herrschaft behandelt das folgende Kapitel unter der Überschrift „Herodes – Jude oder Hellenist?“ (S. 195–233). Dabei widmet sich Günther zunächst dem Verhältnis zwischen Herodes und seinen jüdischen Untertanen und beginnt mit den Legitimationsproblemen, mit denen der König in seiner gesamten Herrschaftszeit kämpfen musste. Im weiteren Verlauf analysiert Günther die Politik des Herodes nach inhaltlichen Gesichtspunkten und behandelt dabei eine Vielzahl der von Josephus berichteten Ereignisse, die auf eine weitgehende Ablehnung des Königs durch seine jüdischen Untertanen hinweisen. Diese offenkundige Unzufriedenheit erklärt sie insbesondere mit den ökonomischen Schwierigkeiten, unter denen die breite Masse der Bevölkerung litt, sowie dem Zugriff des Königs auch auf die wirtschaftlichen Ressourcen der Oberschicht (S. 206). Im Zuge der Behandlung des Diasporajudentums kommt Günther schließlich auf die Hilfe des Herodes zurück, die dieser den Juden Kleinasiens während seiner gemeinsamen Reise mit Agrippa zuteil werden ließ. Hier sowie noch stärker im gleichfalls ausführlich behandelten prächtigen Neubau des Tempels in Jerusalem tritt schließlich zutage, dass Herodes sich allen Schwierigkeiten zum Trotz gegenüber seinen jüdischen Untertanen auch als jüdischer König präsentierte.

Insbesondere in seiner Baupolitik sieht Günther schließlich ihre These unterstützt, für Herodes sei vor allem die königlich-hellenistische Traditionslinie bestimmend gewesen. So werden in dem Unterkapitel „Herodes und die hellenistische Welt“ (S. 213–233) die königlichen Repräsentationsbauten in Judaea, die herodianischen Paläste und Kaiserkulttempel sowie seine Städtegründungen und die Stiftungen außerhalb seines eigenen Herrschaftsgebietes betrachtet. Gerade in der hier zutage tretenden megalopsychia des Herodes sieht Günther seine Anlehnung an hellenistische Vorbilder und das entsprechende Herrscherideal verkörpert. Dies leuchtet in vieler Hinsicht ein, doch tritt der dezidiert römische Einfluss auf die herodianischen Bauprojekte in dieser Analyse zuweilen etwas zu stark in den Hintergrund.[2] Im Abschlusskapitel („Herodes – ‚der Große‘“, S. 235–242) unterstreicht Günther ihre These, Herodes sei primär als hellenistischer König zu sehen, noch einmal. Für seine Baupolitik, die vielfältigen Euergesien und das seine Taten häufig bestimmende Ziel der philotimia seien insbesondere seine Lehrjahre in der hellenistisch-monarchischen Atmosphäre des Hasmonäerhofes prägend gewesen (S. 237), auch wenn er zugleich die Weltherrschaft Roms als unabänderliches Faktum niemals in Frage stellte (S. 241).

Die Anlage und Ausrichtung der Reihe bringen es mit sich, dass auf viele der Einzelprobleme und -kontroversen nur kurz eingegangen werden kann. So ist das Werk insbesondere als Einführung in das Leben und die Zeit des Herodes gut geeignet. Die Interpretation des Herodes als einer der letzten hellenistischen Könige bereichert jedoch die Forschungsdebatten zudem mit einer neuen Perspektive, die zur Diskussion anregt. Eine Zeittafel, ein Glossar und eine Bibliographie sowie ein Register runden den Band ab.

Anmerkungen:
[1] Die administrative Durchdringung des Landes durch Rom erscheint hier freilich zuweilen überschätzt, etwa wenn Günther angesichts der Ernennung Antipaters zum epitropos durch Julius Caesar davon ausgeht, dieser sei nun kaum mehr an die Anweisungen Hyrkans gebunden gewesen (S. 49). Auch die auf S. 50 vertretene Deutung, Herodes habe sich bei seinem provozierend selbstbewussten Auftritt vor dem Synhedrion nicht nur in Purpur, sondern in einer „Art römischer Amtstracht“ präsentiert, ist nicht überzeugend – und steht zudem der Gesamtdeutung von Herodes als dezidiert „hellenistischem König“ (S. 13 u.ö.) entgegen. Gleiches gilt für die Interpretation, Herodes habe das von Kleopatra angebotene militärische Kommando „wegen seines hierarchischen Selbstverständnisses als römischer Funktionsträger“ abgelehnt (S. 65).
[2] Vgl. dazu u.a. Duane W. Roller, The Building Program of Herod the Great, Berkeley u.a. 1998; Ehud Netzer, The Architecture of Herod, the Great Builder, Tübingen 2006 sowie jüngst Byron R. MacCane, Simply Irresistible. Augustus, Herod, and the Empire, in: Journal of Biblical Literature 127 (2008), S. 725–735.

Zitation
Julia Wilker: Rezension zu: Günther, Linda-Marie: Herodes der Große. Darmstadt 2005 , in: H-Soz-Kult, 08.02.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-7009>.
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08.02.2010
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