J. Wilker: Für Rom und Jerusalem

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Titel
Für Rom und Jerusalem. Die herodianische Dynastie im 1. Jahrhundert n. Chr.


Autor(en)
Wilker, Julia
Erschienen
Frankfurt am Main 2007: Verlag Antike
Umfang
564 S.
Preis
€ 69,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Helga Botermann, Althistorisches Seminar, Georg-August-Universität Göttingen

Angestrebtes und in vollem Umfang erreichtes Ziel der vorliegenden Berliner Dissertation von Julia Wilker ist es, "die herodianische Dynastie und ihren Einfluss als (bisher unterschätztes) Element in die historische Analyse der jüdisch-römischen Beziehungen in der Zeit des frühen Prinzipats einzubeziehen" (S. 12). Im Gegensatz zu Herodes I. und mit Ausnahme Agrippas I. haben die späteren Angehörigen der Dynastie bisher keine hinreichende Beachtung gefunden. Dabei übten die Herodianer von der Provinzialisierung Judaeas (6 n.Chr.) bis zum jüdischen Aufstand als Vermittler zwischen jüdischen und römischen Interessen kontinuierlich einen großen Einfluss aus. Prädestiniert für diese Scharnierfunktion waren sie durch ihre Einbindung in die hellenistisch-römische Kultur, ihre nie in Zweifel gezogene Loyalität gegenüber dem Imperium und ihre freundschaftlichen Beziehungen zu den Angehörigen der julisch-claudischen Dynastie auf der einen, ihre eindeutige Selbstdefinition als Juden auf der anderen Seite.[1]

Einleitend bespricht Wilker die Forschungslage, stellt in Kurzbiographien die handelnden Personen vor (S. 24-36) und klärt die Quellenlage. Sie betont dabei, es gebe eine Vielzahl von Quellen, die trotz ihrer inhaltlichen Tendenz und Darstellungsabsicht in der Zusammenschau und unter Berücksichtigung ihrer Ausrichtung ein durchaus breites und viel detaillierteres Bild der Herodianer präsentierten, als bisher in weiten Teilen der Forschung angenommen (S. 48). Diese mittlere Linie zwischen naivem Vertrauen und Hyperkritik verfolgt Wilker konsequent und mit beeindruckender Souveränität. Sie hätte, wenn sie jede Detailfrage ausgebreitet hätte, den Umfang ihres Buches leicht auf das Fünffache ausdehnen können. Plausibel ist etwa ihre Interpretation des Briefes Agrippas I. (Philo leg. 276-329; S. 134ff.) oder der großen Rede Agrippas II. unmittelbar vor dem jüdischen Aufstand (Jos. bell. Jud. 2,16,4-5. 345-404; S. 250 und 394ff.). Bei den "Dokumenten" im 19. Buch der Antiquitates (S. 353ff.) geht sie an die Grenze des Vertretbaren. Für Lukas hingegen folgt sie eher der "kritischen" deutschen Acta-Forschung und verunklart das Resultat ihrer umsichtigen Analyse durch die ständigen Verweise auf die Darstellungsabsichten des "anonymen" (S. 109) Tendenzschriftstellers namens "Lukas". Dabei plädiert sie einleuchtend für die Historizität der berichteten Episoden: das Auftreten von Herodes Antipas im Prozess Jesu (Luk 23,6-11; S. 108ff.) und Agrippas II. im Verhör des Paulus vor Festus (Apg 25,13-26,32; S. 256ff.).[2]

Den Hauptteil der Arbeit bilden die chronologisch aufgebauten Kapitel "Die Herodianer und Judaea" (S. 68-318) und "Die Herodianer und die Juden der Diaspora" (S. 319-376). In der ersten Phase (6-41 n.Chr.) besaßen die Herodianer zwar keinen definierten institutionellen Status in Judaea, wurden aber als Klientelfürsten benachbarter Regionen und auf Grund ihrer herausragenden sozialen Stellung sowohl von der Bevölkerung Jerusalems als auch von der Provinzialadministration als gegebene Repräsentanten jüdischer Interessen wahrgenommen. Nicht zuletzt waren sie selbst bereit, Appellen zu folgen oder in eigener Initiative als Vermittler tätig zu werden. Eine signifikante Steigerung bedeutete die Intervention Agrippas I. im Konflikt um die Aufstellung der Statue Caligulas im Tempel. Im Zusammenspiel mit dem syrischen Legaten zeigte sich bereits die "sukzessive Anerkennung und Institutionalisierung des herodianischen Patronats für die jüdische Bevölkerung Judaeas und den Jerusalemer Tempel" (S. 140).

Nach der kurzen Königsherrschaft Agrippas I. erfolgte die Reprovinzialisierung und zugleich die Einrichtung eines neuen, genuin römischen Amtes: die exousía toû naoû, die Oberaufsicht über den Tempel, mit dem zunächst Herodes II., ab 48 n.Chr. Agrippa II. betraut wurde (S. 205ff.). Damit wurde gewissermaßen der Tempelbezirk aus der Zuständigkeit des Statthalters eximiert und die Bestellung des Hohepriesters und die Verwaltung des Tempelschatzes dem jeweils ältesten Herodianer übertragen. Von den Quellen und der modernen Forschung ist dieser massive Eingriff in die jüdischen Strukturen nicht adäquat gewürdigt worden. Zu den Motiven und Gründen für diese Neuerung gibt es keine bündige Auskunft. Man kann von einem Kompromiss sprechen: Die jüdische Autonomie in religiösen Angelegenheiten wurde bekräftigt, die Herodianer für den Verlust der Königsherrschaft entschädigt und die römischen Belange durch die Kontrollfunktion der loyalen Herodianer gesichert.

Das Amt entsprach in gewisser Weise einer Klientelherrschaft. Es "stellte wohl die höchste Form der möglichen Integration des jüdischen Kultes und seiner inneren Organisation in die römische Umwelt dar" (S. 476). Insofern spiegelt es die "zunehmenden Integrations- und Inklusionstendenzen des Imperium Romanum wider" (S. 476). Einheimische loyale Kräfte in die römische Herrschaft zu integrieren, entsprach annähernd der auch in anderen Teilen des Imperiums geübten Praxis, auch wenn für Judaea und die Herodianer eine Form gewählt wurde, für die es nirgends eine Parallele gibt. Der "offenbar unbeabsichtigte" Eingriff in das innerjüdische Ordnungsgefüge (S. 478) zeigte aber letztlich negative Konsequenzen: Die exousía toû naoû bedrohte den Machtanspruch des Hohepriesters und machte die Herodianer zur Konfliktpartei zwischen den sich radikalisierenden Fronten (S. 312ff. und 478), ohne dass ihnen eine hinreichende Machtposition eingeräumt wurde, um sich gegen ihre Konkurrenten nachhaltig durchzusetzen. Gleichzeitig beschnitt die exousía toû naoû den Machtbereich des Statthalters. Beides wirkte sich am Vorabend des jüdischen Aufstands verhängnisvoll aus. Agrippa II. scheiterte mit seinem letzten Vermittlungsversuch. Den Abschluss der Untersuchung bilden die Kapitel "Die Herodianer im jüdischen Aufstand" (S. 377-448), "Die Herodianer und die Juden nach dem Jüdischen Krieg" (S. 449-470) und "Die Herodianer und die Juden: Ergebnisse" (S. 471-482). Quellenverzeichnis, Literaturverzeichnis (S. 497-554), Register mit Personen sowie Orten und Sachen [3] und zwei genealogische Übersichten runden das Buch ab.

Wilker wird also ihrem Anliegen, die herodianische Dynastie als Vermittler zwischen "Rom und Jerusalem" zu präsentieren, in vollem Umfang gerecht. Die Lektüre wird durch regelmäßige Zusammenfassungen und die Verbannung vieler quellenkritischer Detaildiskussionen in den Anmerkungsapparat erleichtert. Ganz besonders erfreulich sind die klare, unprätentiöse Sprache und das gute Lektorat. Das Buch ist mit dem Friedrich-Meinecke-Preis 2006 ausgezeichnet worden.

Anmerkungen:
[1] Wilker macht dies im zweiten Kapitel an der Einhaltung der zentralen Gesetze und besonders am strikt jüdischen Heiratsverhalten der Dynastie deutlich (S. 49-67).
[2] Es mag beckmesserisch sein, angesichts eines Literaturverzeichnisses von 57 Seiten auf Lücken hinzuweisen, aber die Verfasserin hätte sich ihr Geschäft erleichtert, wenn sie außer der kritischen Acta-Forschung auch Bücher wie Hemer, Colin J., The Book od Acts in the Setting of Hellenistic History, Tübingen 1989 oder Thornton, Claus-Jürgen, Der Zeuge des Zeugen, Tübingen 1991 herangezogen hätte.
[3] Das Register ist für den Geschmack der Rezensentin zu schmalbrüstig, auch wenn das sehr detaillierte Inhaltsverzeichnis im Allgemeinen die Orientierung ermöglicht. Möchte man jedoch wissen, ob etwas zum Judenexkurs in den Historien des Tacitus gesagt ist, hat man die Auswahl zwischen genau 25 Seiten unter dem Lemma "Tacitus".

Zitation
Helga Botermann: Rezension zu: Wilker, Julia: Für Rom und Jerusalem. Die herodianische Dynastie im 1. Jahrhundert n. Chr.. Frankfurt am Main 2007 , in: H-Soz-Kult, 16.10.2007, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-9202>.
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16.10.2007
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