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Titel
Wikipedia und Geschichtswissenschaft.


Hrsg. v.
Wozniak, Thomas; Nemitz, Jürgen; Rohwedder, Uwe
Erschienen
Umfang
XII, 324 S.
Preis
€ 39,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Tobias Hodel, Historisches Seminar, Universität Zürich

Peter Haber (1964–2013), Pionier der Forschung zum Verhältnis von Geschichtswissenschaft und Internet, machte sich seit etwa dem Jahr 2000 einen Namen durch seine Untersuchungen zum Funktionieren und zur Logik der Internet-Enzyklopädie Wikipedia, die im Januar 2016 gerade 15 Jahre alt geworden ist.[1] Neben kritischen Bemerkungen zur undurchsichtigen Machtstruktur im Mitmach-Projekt zeigte er Eigendynamiken und Konsequenzen des Phantasmas des „Wissens der Menschheit“ für die Gesellschaft im 21. Jahrhundert. Die Diskussion über Rolle und Folgen einer offenen, ständig aktualisierten und erweiterten Enzyklopädie nahm damit im deutschsprachigen Raum ihren Anfang. Mit dem Sammelband „Wikipedia und Geschichtswissenschaft“ erhält sie ein neues Kapitel, das dem Andenken Habers gewidmet ist.

Der auch im Open Access verfügbare Band[2] versammelt Beiträge, die im Rahmen des Deutschen Historikertags 2014 in Göttingen präsentiert wurden, und ergänzt sie mit weiteren Aufsätzen. Die unterschiedlichen Blickwinkel führen aus drei Richtungen zur Wikipedia: Erstens wird aus fachwissenschaftlicher Sicht nach den Herausforderungen im Umgang mit der Wikipedia gefragt, zweitens wird die Binnensicht der Wikipedianer mit Bezug zur Geschichtswissenschaft dargestellt, und drittens wird versucht, die Online-Enzyklopädie als Quelle bzw. Datenbasis für Forschungen zu nutzen. Diese Breite der Perspektiven ist einerseits die große Stärke des Bandes, andererseits aber auch Grund zur Verwirrung, da ein roter Faden zwischen den Beiträgen vom Leser selbst erarbeitet werden muss – eine Heranführung an die aufgeworfenen Problemfelder in Form einer Einleitung fehlt leider.

Am ausführlichsten bearbeitet wird das Verhältnis der Geschichtswissenschaft als Disziplin zur Internet-Enzyklopädie, wobei die Wikipedia als häufig erste Anlaufstelle für Informationen skizziert wird. René Königs Feststellung „Ignorieren zwecklos“[3] wird sinngemäß mehrmals vorgebracht. Aus Sicht der Autoren (Autorinnen finden sich keine in diesem Teil) muss sich das Fach daher zwangsläufig mit der Behandlung historischer Themen in der Wikipedia beschäftigen. Ziko van Dijk stellt (enzyklopädische) Artikeltypen vor und vergleicht Artikel der Wikipedia mit denjenigen anderer Enzyklopädien sowie wissenschaftlicher Einstiegsliteratur. Obwohl er daraus ein durchweg positives Fazit bezüglich Qualität und Verständlichkeit der Artikel in der Wikipedia zieht, problematisiert er, aus der eigenen Erfahrung als Wikipedianer, den Prozess des Schreibens, welcher bei der Anlage von Artikeln häufig vernachlässigt werde. Nachträgliche Kürzungen oder Auslagerungen seien dann aufgrund der Software- und Rechtearchitektur nur noch schwer möglich. Als interessante Anregung verlangt er spezialisierte Ausgaben der Wikipedia (etwa eine „Wikipedia Scholar“, S. 13).

Die Problematik der teilweise schwer zu durchschauenden Hierarchien zwischen den Beitragenden der Wikipedia beleuchtet Peter Hoeres, der in den Kontrollmechanismen der Enzyklopädie große Defizite sieht. So werde der „Neutral Point of View“, ein umstrittener Anspruch der Enzyklopädie, genutzt, um Forschungsergebnisse als Behauptungen abzutun. Weiter würden Online-Belege gegenüber Verweisen auf gedruckte Literatur bevorzugt, was einen Einbezug der geisteswissenschaftlichen Forschung erschwere. Anhand von Anpassungen in Biografien und deren Aufbau könne die politische Ausrichtung der erstellenden und kontrollierenden Masse als politisch „links“ identifiziert werden. Diskussionen innerhalb einzelner Artikel würden nicht geführt, da hierarchisch Obenstehende nicht zur Diskussion verpflichtet seien und qua Rang entscheiden könnten. Genau solche Machtverhältnisse, welche durch „Sichter“ und „Administratoren“ ausgeübt werden, bleiben laut Hoeres jedoch im Dunkeln und nur für Insider nachvollziehbar.

Der Beitrag von Hans-Jürgen Hübner kann als Antwort auf Hoeres’ Kritik gelesen werden: Als aktiver Wikipedianer (und Historiker) beschreibt er nicht nur detailliert die Bearbeitungs- und Einbindungsmechanismen, sondern legt auch Voraussetzungen für die Wahl in Entscheidungspositionen dar. Das System zeige sich dabei geprägt von einer Meritokratie, die jedoch nur auf die Welt innerhalb der Wikipedia Rücksicht nehme. Im Anschluss an diese Beiträge wäre eine Reflexion zur verwendeten Softwarearchitektur wünschenswert gewesen, welche einige der beschriebenen Funktionsaufteilungen bedingt. Nicht zuletzt hinsichtlich des „Systems Wikipedia“ sowie anhand der Einflüsse der verschiedenen Wikimedia-Stiftungen und der freien Software MediaWiki ließe sich nachzeichnen, von welchen Institutionen und Beiträgern die Enzyklopädie abhängt. So wäre es auch möglich gewesen, medientheoretische Überlegungen zu vertiefen, die durch das Aufrufen von Namen wie McLuhan (bspw. bei Hoeres, S. 19) heraufbeschworen werden.

Thomas Wozniak kommt in seinem Beitrag zu dem Schluss, dass die Artikel eine eigene Forschungsleistung darstellten, nicht zuletzt aufgrund des Anspruchs zum „Neutral Point of View“, und somit zitierfähig sein sollten, falls drei Faktoren erfüllt seien: 1) Klarname des Autors bzw. der Autorin (keine Anmeldung unter Pseudonymen in der Wikipedia), 2) hoher, definierter quantitativer Anteil eines bzw. zweier Autorinnen / Autoren an einem Artikel sowie 3) inhaltliche Qualität und Korrektheit (S. 48). Dieser Aufruf wird im Beitrag von Andreas Kuczera untermauert durch einige Erhebungen bei Fachkollegen und Studierenden; dabei zeigt sich für die Informationsgewinnung von Studierenden der Stellenwert der Enzyklopädie als Nummer zwei nach Google.

Kuczera liefert zusätzlich eine Beschreibung gelungener Kooperation mit der Wiki Education Foundation, welche durch den Beitrag ihres Leiters Frank Schulenburg selbst im Sammelband vertreten ist. Die Stiftung versteht ihre Tätigkeit als Erfolgsgeschichte – mit mehreren Tausend durch Studierende angelegten und rund 30.000 verbesserten Artikeln. Die durchweg positiv skizzierten, teilweise utopisch anmutenden Zukunftsaussichten der Wikipedia, im Gegensatz zur Meinung Dritter[4], überraschen nicht, outen sich doch mehrere Beitragende des Bandes als aktive Wikipedianer – so auch der emeritierte Mediävist Horst Enzensberger, welcher sein (professorales) Wissen über Wikipedia in die Öffentlichkeit zurückspiegeln will. Teilweise kommen die Beitragenden im Aufsatz von Andreas Möllenkamp auch als Wikipedianer zu Wort und legen unterschiedlichste Motivationen zum Mitmachen in der Online-Enzyklopädie offen. In Anbetracht des Grußwortes und der Mitfinanzierung des Bandes durch die „Wikimedia Deutschland – Gesellschaft zur Förderung des Freien Wissens e.V.“ (S. IX) wäre eine größere Distanz zu dieser Organisation angebracht gewesen, um die Möglichkeiten, Chancen und Gefahren der Wikipedia auszuloten.

Als zweiter Schwerpunkt findet sich im Band eine Beschäftigung aus der Warte der Fachdisziplinen mit „ihren“ Artikeln in der Wikipedia. Enzensberger identifiziert dieses Forum als bestes Nachschlagewerk für Laien zur Information über spezialisierte Themen (in seinem Bereich Informationsangebote zu Handschriften), während Übersichtsartikel, seiner Meinung nach bedingt durch das Prinzip des kollaborativen Schreibens, selten gelingen. Marcus Cyron bemängelt im Feld der Archäologie eine fehlende Systematik und eine Beschränkung auf geographisch „wichtige“ Themen. Er sieht die Kooperation von (etablierten) Institutionen mit der Wikipedia zwecks gezielter Einarbeitung neuer Artikel als Möglichkeit zur substantiellen Verbesserung der Enzyklopädie.

Als dritter Zugang wird die Wikipedia als Grundlage oder gar Datenbasis von Forschung durchleuchtet, wobei wiederum drei unterschiedliche Herangehensweisen skizziert werden. Patrick Sahle und Ulrike Henny nutzen Möglichkeiten der automatisierten Datenextraktion, um quantitative Aussagen zu Verlustarten deutscher U-Boote zwischen 1939 und 1945 zu treffen, wobei der Erkenntnisgewinn schwierig einzuschätzen ist. Die im Beitrag mitgelieferten Codes laden zum Ausprobieren ein, während die daraus gewonnenen Visualisierungen zeigen, wie viel Material für digitale Forschung bereitliegt. Die quellenkritische Mitberücksichtigung des „Diskursraums Wikipedia“ (S. 140) und die sorgfältige Wahl der Beispiele (etwa relativ standardisierte Artikel zu U-Booten) begegnen dabei den Bedenken, die die ausgewerteten Daten auslösen könnten.

Klaus Richter nutzt als einziger Autor die Mehrsprachigkeit und die Diskussionsseiten des Nachschlagewerks, um narrative Strukturen vergleichend zu analysieren und das Potential zur Rezeptionsforschung (in seinem Beispiel der Nationalismusforschung) deutlich zu machen. Der Beitrag von Ina von der Beck, Aileen Oeberst, Ulrike Cress, Mitja Back und Steffen Nestler, welcher den aus der Psychologie bekannten „Rückschaufehler“ in der Wikipedia untersucht, weist anhand von Artikelversionen nach, dass eingetretene Ereignisse im Nachhinein als wahrscheinlicher dargestellt werden, als sie es zum Eintrittszeitpunkt waren. Das Autorenteam plädiert für die Markierung entsprechender Artikel.

Die dreizehn Aufsätze, ergänzt um den überarbeiteten Bericht von Tobias Wulf zur Sektion des Historikertags[5], machen deutlich, wie offen die Diskussion um die Rolle der Wikipedia, der unmöglich zu ignorierenden Enzyklopädie, in der Geschichtswissenschaft ist und bleiben sollte. Die Beiträge leisten empirische Basisarbeit und eröffnen neue Analysemethoden, welche es produktiv zu nutzen gilt. Entsprechend darf man auf die nächsten Kapitel im Verhältnis von Wikipedia und Geschichtswissenschaft gespannt sein. Der umfangreiche Anhang, bestehend aus Chronologie und Auswahlbibliografie, zusammengestellt durch Thomas Wozniak, wird künftige Arbeiten zur Wikipedia maßgeblich unterstützen.

Anmerkungen:
[1] Zusammenfassend in Peter Haber, Digital Past. Geschichtswissenschaft im digitalen Zeitalter, München 2011, S. 73–79.
[2] <http://www.degruyter.com/viewbooktoc/product/433564> (16.01.2016); die Artikel sind verfügbar unter der Lizenz CC-BY-SA 3.0.
[3] René König, Wissenschaft und Wikipedia – eine „Zwangsehe“ mit Hindernissen?, 22.07.2010, <http://www.cpov.de/?p=79> (16.01.2016).
[4] Thomas Urban, Wikipedia: Mehr als hundert Fehler, super!, in: Süddeutsche Zeitung, 16.12.2015, S. 13, <http://www.sueddeutsche.de/digital/2.220/wikipedia-ueber-hundert-fehler-super-1.2784114> (16.01.2016). Siehe auch Michaela Grün, Wiki-Watch an der Europa-Universität Viadrina legt Studie zu Wikipedia vor, in: Informationsdienst Wissenschaft, 13.01.2016, <https://idw-online.de/de/news644330> (16.01.2016).
[5] Tobias Wulf, Historikertag 2014: Wikipedia und Geschichtswissenschaft. Eine Zwischenbilanz, in: H-Soz-Kult, 04.03.2015, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5868> (16.01.2016).

Zitation
Tobias Hodel: Rezension zu: Wozniak, Thomas; Nemitz, Jürgen; Rohwedder, Uwe (Hrsg.): Wikipedia und Geschichtswissenschaft. Berlin 2015 , in: H-Soz-Kult, 05.02.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25089>.