Leviathan 42 (2014), 1

Titel der Ausgabe 
Leviathan 42 (2014), 1
Weiterer Titel 
Sprache, Theorie, Weltbild

Erschienen
Baden Baden 2014: Nomos Verlag
Erscheint 
vierteljährlich
Anzahl Seiten
158 S.
Preis
Einzelheft 30,00 € , stud. Abonnement 59,00 €

 

Kontakt

Institution
LEVIATHAN. Berliner Zeitschrift für Sozialwissenschaft
Land
Deutschland
c/o
Leviathan, Berliner Zeitschrift für Sozialwissenschaft, Redaktion Dr. Claudia Czingon, Wissenschaftszentrum Berlin, Reichpietschufer 50, D-10785 Berlin; Tel. +49 30 25491 536; E-Mail: claudia.czingon@wzb.eu
Von
Blomert, Reinhard

Seit Wilhelm von Humboldt haben Ethnologen durch Sprachforschungen auf die Rolle der Begriffsbildung für das Weltbild hingewiesen. Sprache dient der Erkenntnis und ist ein wichtiges Mittel zur Orientierung des Handelns, das heißt auch, dass „die Begriffsbildung von der Stellung der Probleme abhängt“ und „die Qualität eines erforschten Sachverhalts durch die Richtung des Erkenntnisinteresses bedingt ist“. So sind etwa im Griechischen „Schuld“ und „Ursache“ gleich und ununterscheidbar – mit Folgen: „Es ist kein Zufall, daß beides im Griechischen mit einem Wort bezeichnet wird und daß das eigentlich ethische Schuldbewußtsein der einzelnen sich sündig fühlenden Seele durch kein griechisches Wort ausgedrückt werden kann“, schreibt der Altphilologe Julius Stenzel. Berühmt sind die Untersuchungen über die Vielzahl der Begriffe für Schnee, den die Eskimosprache aufweist, wie die Agrargesellschaften ja generell über viel differenziertere Ausdrucksmöglichkeiten verfügen, was Klima, Böden oder den Zustand von Flora und Fauna, insbesondere natürlich auch von Nutztieren wie Esel und Schaf oder der je angebauten Feldfrüchte betrifft. Wofür wir keinen Begriff haben, darüber können wir allenfalls vage kommunizieren, wir es überhaupt wahrnehmen, und der Städter kann mit seinem verarmten Wortschatz in solchen Fragen kaum mehr mitreden.

Der Einbettung neuer Begriffe in einen neu entstehenden Kontext geht ein Kampf um Aufmerksamkeit voraus – einmal im Lernprozess im entsprechenden handlungsrelevanten Kontext, sodann auch in der Öffentlichkeit. Das ist dann der Kampf um das sprachliche und denkerische Nachvollziehen von Pioniervorgaben durch größere Gruppen in geschäftlichen, öffentlichen oder privaten Zusammenhängen, sei es, dass sie sich freiwillig in diesen Kontext begeben oder dass sie in ihn hineingezogen werden. Gut zu beobachten war dies am Beispiel der neuen elektronischen Techniken des Büroalltags, die zunehmend auch in den Privatalltag eindringen. Wie sehr, das macht der Beitrag von Marianne Egger de Campo deutlich, die von einem Sog schreibt, den „gierige Institutionen“ im Sinne Lewis A. Cosers auf ihre Kunden ausüben, die den sogenannten „sozialen Medien“ nicht nur freiwillig Lebenszeit und Aufmerksamkeit opfern, sondern ihnen regelrecht verfallen. Hier hat ein neu gewachsener technischer Kontext, gesteuert von einer sozial nicht verantwortlichen Elite, das Leben vieler verändert, sie zu einer Art Sektenmitglieder werden lassen. Was also Ende der 1990er Jahre mit immensem Aufwand gefördert, in die Büros von Verwaltungen und in private Sphären mit aller Macht eingedrungen ist, erweist sich als jener typisch ambivalente Fortschritt, über den Johann Nestroy spottete: „Der Fortschritt hat es an sich, daß er viel größer ausschaut, als er wirklich ist.“

Dass also Ideen, die als Fortschritt oder auch nur als Vorschläge zur Verbesserung der Ordnung von gesellschaftlichen Komponenten daherkommen, ausreichen, um gesellschaftsverändernd zu wirken, ist nicht nur in demokratisch verfassten Gesellschaften eher unwahrscheinlich, da gesellschaftliche Veränderungen in der Regel nicht aus guten oder schlechten Theorien stammen, sondern aus dem Wirken und der Durchsetzungsfähigkeit von Kräften und Interessengruppen. Beat Weber hat in diesem Heft einige Geldtheorien, die durch scheinbar relativ einfache, logisch klingende Veränderungen in der Finanzwelt Gerechtigkeitsvorteile versprechen, kritisch gesichtet.

Problematisch kann es gelegentlich werden, wenn Wissenschaftler(innen) sprachliche Mittel kreieren, die zwar der Adaption der Wirklichkeit nützen, aber zur Vermittlung von Erkenntnis nur wenig geeignet sind, weil sie nicht (leicht) fassbar sind und „keinen Henkel“ haben, wie Georg Simmel einmal schrieb. Einen Henkel bietet die theoretische Konstruktion von Thilo Fehmel, die Konflikt als Vergesellschaftungsmodus im Sinne von Simmel darstellt. Dabei sieht Fehmel zwar in aller Art von Konflikten Vergesellschaftungsprozesse, aber die Europäische Union hat ja Konfliktrahmungen geschaffen, die die Art der Konflikte eingrenzt auf friedliche und vermittelbare. Ob dieser Prozess der Bildung von Konfliktrahmen für die Zukunft Eurolands ausreichen wird, wird sich zeigen. Denn die Schaffung neuer Konfliktrahmen während eines Konflikts ist ein häufig vorkommender Fall, aber die historischen Indizien sprechen dafür, dass der Gegenstand des Konflikts dabei in der Regel beschädigt wurde5 oder gar verloren ging.

Um Konflikte geht es auch in der Rechtswissenschaft, zentrales und ältestes Exempel für gesellschaftliche Konfliktrahmung. Hier zeigt sich die Schwierigkeit der Adaption der Begriffsbildung auf ganz andere Weise, denn da geht es nicht nur um Interpretation von Aussagen über Tatbestände im Lichte von Normtexten, also um „Raum für Varianten, im Recht gesteigert zur Arena semantischer Kämpfe“, sondern um die direkten Folgen aus der Rechtsprechung: „Eine engere Verflechtung von Gewalt und Sprache, als wir sie im Recht erleben, ist kaum vorstellbar. Wenn das Recht, das eine Praxis ist, auch eine Wissenschaft hervorbringen will, muss es seinen Aktionsraum Sprache untersuchen, ihn in seine Arbeit integrieren: Rechtslinguistik als ebenso unumgänglicher Teil juristischer Grundlagenforschung, wie es Zweige der Sozialwissenschaft sind.“

Begriffe haben also zeitliche Grenzen, außerhalb derer sie ihre Bedeutung verändern oder auch verlieren – im Nachhinein spricht man in diesem Zusammenhang gelegentlich von einem Paradigmenwechsel. Deshalb hört auch die Arbeit der Wissenschaft nie auf, denn sie hat die Adaption von Sprache und Wirklichkeit zu leisten, wie es Günther Chaloupek in der Beschreibung der kleinen Geschichte des ökonomischen Denkens zeigt: Wissenschaftliche Begriffe und gesellschaftliche Gestalten haben ihre Verfallsdaten, wenn sich neue gesellschaftliche Maßstäbe durchsetzen, die mit neuen Begriffen erfasst werden. Eine Theorie, die im 18. Jahrhundert noch „Realitätsgehalt“ hatte, verliert ihn unter Umständen im 19. Jahrhundert, weil die Lage sich verändert hat und neue Konflikte und Faktoren das Zeitalter bestimmen.

In anderen Fällen mag die theoretische Darstellung einer gesellschaftlichen Gestalt aktuell bleiben, während sich die Umgebung, in der sie sich findet, verändert hat und damit ihre Bedeutung eine andere geworden ist, wie sich am Begriff „Kapitalismus „ zeigen ließe. Welche Rolle spielt etwa der Begriff „Kapitalismus“ für China? Ist China heute ein „kapitalistisches Land“ – mit frühkapitalistischer Ausbeutung und Verelendung der Arbeitskräfte, Gewerkschaftsfeindschaft, wachsender Ungleichheit von Einkommen und Vermögen, in dem sich eine neue Millionärsklasse bildet? Das würde nur einen Teilaspekt der Entwicklung zeigen, die tatsächlich einer Art Urakkumulation gleicht. Denn zugleich handelt es sich um eine gelenkte Wirtschaft, in der ein starker Staat in den Händen einer einzigen Partei die Kontrolle über die wirtschaftliche Entwicklung ausübt. Der chinesische Markt ist also kein „freier“ Markt, wie man es in der Theorie mit dem Begriff „Kapitalismus“ verbindet. Es gilt also, auch hier genau hinzuschauen.

Theodor W. Adorno ist Humboldt gefolgt und in seiner Kritik noch einen Schritt weiter gegangen, wenn er gegen „armselige Oberbegriffe, welche die wesentlichen Differenzen verschwinden machen“, formuliert: „Insgeheim ist Nichtidentität das Telos der Identifikation, das an ihr zu Rettende; der Fehler des traditionellen Denkens, daß es die Identität für sein Ziel hält. Dialektisch ist Erkenntnis des Nichtidentischen auch darin, dass gerade sie, mehr und anders als das Identitätsdenken, identifiziert. Sie will sagen, was etwas sei, während das Identitätsdenken sagt, worunter etwas fällt, wovon es Exemplar ist oder Repräsentant, was es also nicht selbst ist.“

Inhaltsverzeichnis

INHALTSVERZEICHNIS

Zu diesem Heft … 3–6

Aufsätze

Marianne Egger de Campo
Neue Medien – alte Greedy Institutions … 7–28

Georg Erber
China: Land der unbegrenzten Möglichkeiten? … 29–66

Beat Weber
Geld und Demokratie
Reformdebatten um ein krisenhaftes Verhältnis … 67 – 93

Elke Wagner
Medialität der Kritik
Die Herausbildung kritischer Sprecher über mediale Unbestimmtheit …94 – 114

Thilo Fehmel
Konflikte erster und zweiter Ordnung in Europa … 115–136

Essais

Linda Nell
Das Ganze im Konkreten – Friedrich Müllers Syntagma … 137 – 146

Günther Chaloupek
Kleine Geschichte des ökonomischen Denkens … 147 – 153

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