Werkstatt Geschichte 18 (1997), 6

Titel der Ausgabe 
Werkstatt Geschichte 18 (1997), 6
Zeitschriftentitel 
Weiterer Titel 
"Endlösung"

Erschienen
Hamburg 1997: Ergebnisse Verlag
ISBN
3-87916-227-1

 

Kontakt

Institution
WerkstattGeschichte
Land
Deutschland
Ort
Bielefeld
c/o
transcript Verlag, Hermannstraße 26, 33602 Bielefeld, Tel. +49 521 393797 0, Fax: (0521) 39 37 97 - 34
Von
Redaktion H-Soz-Kult, HSK

Inhaltsverzeichnis

Thema

Christian Gerlach
Die Wannsee-Konferenz, das Schicksal der deutschen Juden und Hitlers politische Grundsatzentscheidung, alle Juden Europas zu ermorden

Karin Orth
Rudolf Hoess und die "Endlösung der Judenfrage". Drei Argumente gegen die Datierung auf den Sommer 1941

Michael Wildt
Gewalt gegen Juden in Deutschland 1933 bis 1939

Debatte

Ulrike Gleixner
Die "Tonart des Unbedingten" und die Abwesenheit der Frauen- und Geschlechtergeschichte

Werkstatt

Ulrike Jureit
Authentische und konstruierte Erinnerung - Methodische Überlegungen zu biographischen Sinnkonstruktionen

Berichte

Ulrike Weckel
Hannah Arendts "Eichmann in Jerusalem". Eine Tagung zur Historiographie des Holocaust

Expo-Kritik

"Something unforgetable - a place called District Six". Ein Museumsbesuch in Südafrika (Gesine Krueger)

Rezensionen

Thomas Lindenberger / Alf Lüdtke (Hg.)
Physische Gewalt (Oliver Doetzer)

Isabell V.Hull
Sexuality State, and Civil Society (Ulrike Gleixner)

Tilman Dedering
Missionare im südlichen Afrika (Kathrin Roller)

Katrin Doerdelmann
Die Macht der Worte (Ulrike Weckel)

Faschismus und Nationalsozialismus. Eine Sammelbesprechung (Ulrich Wyrwa)

Hans-Joachim Neumann
Preussen unter den Rosenkreuzern (Holger Zaunstoeck)

Fünfzig Jahre nach Auschwitz. Eine Sammelbesprechung (Ulrich Wyrwa)

Stefan Creuzberger
Sowjetische Besatzungsmacht (Jochen Laufer)

Editorial

Alle drei Beiträge des Themenschwerpunktes setzen sich mit gängigen Thesen der Holocaustforschung auseinander. Christian Gerlach gelingt der Nachweis, dass Hitler die grundsätzliche Entscheidung, sämtliche europäischen Juden zu töten, nach dem Kriegseintritt der USA auf der Reichs- und Gauleitertagung am 12. Dezember 1941 in Berlin verkündete. Gerlach folgt damit dem Argument, das jüngst der niederländische Historiker Jan Hartog noch einmal vertreten hat, Hitlers Drohung aus dem Januar 1939 ernstzunehmen, bei einem künftigen Weltkrieg werde das Ergebnis nicht die "Bolschewisierung der Erde" sondern die "Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa" sein. Auf der Basis bislang unbekannter Dokumente aus sowjetischen und osteuropäischen Archiven führt Gerlach den Beweis seiner These und gelangt auch zu einer Neubewertung der Wannsee-Konferenz. Indem er einen neuen Blick auf eine alte Debatte wirft, überwindet er die erstarrten Diskussionsfronten und vermag das Puzzle der Entscheidungsfindung zusammenzusetzen, das so lange verschlossen blieb. Karin Orth untersucht ein immer wieder zitiertes und heftig diskutiertes Belegstück: die Aussage Hoess' nach dem Krieg, dass er im Sommer 1941 von Himmler den Auftrag zur "Endlösung", das heißt zur Vernichtung der Juden in Auschwitz erhalten habe. Es fällt im Umgang mit dieser wichtigen Aussage nicht nur auf, dass sie bislang noch niemals Gegenstand einer eigenen Monographie gewesen ist. Auch in der Debatte selbst, ob Hoess zu glauben sei oder nicht, beziehen sich Kritiker wie Befürworter stets in einer übereinstimmend schriftgläubigen Weise auf den Text, als spräche aus ihm die Realität. Orth diskutiert in ihrem Aufsatz zum einen die sachbezogenen Gründe, die für oder gegen Hoess' Aussage sprechen. Sie lenkt andererseits aber vor allem den Blick auf den Text selbst, untersucht dessen Intention und Struktur und liefert mit dieser neuen Perspektive den Schlüssel zum Verständnis des Dokuments. Michael Wildt problematisiert in seinem Aufsatz anhand einer Fallstudie über die mittelfränkische Stadt Treuchtlingen das von Raul Hilberg geprägte Schema der Judenverfolgung: Definition - Enteignung - Konzentration - Ausrottung, das der nationalsozialistischen Politik gegen die Juden eine zielgerichtete Entwicklung unterstellt, die in klaren, abgrenzbaren und eindeutigen Phasen verlaufen sei. In diesem Schema wird die Verfolgung der Juden als Abfolge staatlicher Maßnahmen beschrieben, Politik ausschließlich als Staatshandeln "von oben" betrachtet, wohingegen die Praxis des alltäglichen Antisemitismus, vor allem aber die stete, antisemitische Gewalt aus dem Blick gerät, der die jüdische Bevölkerung in Deutschland ausgesetzt war. Wildt zeigt, wie sich die alltägliche Gewalt gegen Juden zunehmend entgrenzte und sich an ihr über SA und HJ hinaus auch jene "gewöhnlichen Deutschen" beteiligten, die in den Anfangsjahren des Regimes sich entweder abgewandt oder "bloss" zugeschaut hatten. Ohne diese gewalttätige Aufladung der deutschen Gesellschaft wäre die "Endlösung" nicht durchzusetzen gewesen. Im Debattenteil dieses Heftes setzt Ulrike Gleixner die Diskussion um Alltagsgeschichte aus der Perspektive der Geschlechtergeschichte fort und spürt die Kosten einer Argumentation "der Unbedingtheit" auf, mit der Philipp Sarasin in Heft 15 der Alltagsgeschichte neue Wege wies. Am Beispiel eines Interviews mit einem Überlebenden der nationalsozialistischen Konzentrationslager reflektiert Ulrike Jureit in der Rubrik Werkstatt methodische Probleme der Oral History und demonstriert, wie die Mittel der theologischen Textexegese für die Deutung von biographischer Konstruktionen genutzt werden können. Ulricke Weckel berichtet von einer Konferenz des Potsdamer Einstein-Forums zu Hannah Arendts Buch über Eichmann in Jerusalem. Gesine Krueger stellt in ihrer Expo-Kritik eine Ausstellung über die Unvergänglichkeit eines längst zerstörten Stadtteils von Kapstadt vor.

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