Editorial
„Herausforderungen der Europäisierung” hat Gastherausgeberin Alina Mungiu-Pippidi den von ihr betreuten interdisziplinären Themenschwerpunkt genannt, der von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Berliner Hertie School of Governance und der European Stability Initiative bestritten wird. Sie leitet den Schwerpunkt ein mit einer qualitativen Analyse der good governance-Praktiken in den ostmittel- und südosteuropäischen EU-Ländern vor und nach ihrem Beitritt. Insbesondere in den Bereichen der Justizreformen und der Antikorruptionsmaßnahmen, aber auch in der Administration konstatiert sie einen Mangel an signifikanten Fortschritten, und dies trotz vielfältiger Anreizmechanismen im Rahmen von EU-Konditionalität und -Sozialisation sowie westlicher Unterstützung. Mark Hallerbergs und Sami Yläoutinens Analyse der Reformen der Finanzverwaltungen in denselben Ländern liest sich angesichts der gegenwärtigen Euro-Krise wie ein dringliches Plädoyer für künftige gründlichere Nachhaltigkeit. Gerald Knaus und Ekrem Eddy Güzeldere zeigen anhand der nicht-muslimischen Minderheiten einerseits und der Stellung des Militärs andererseits, dass der Europäisierungsprozess in der Türkei nach den legislativen und konstitutionellen Reformen der Jahre 2001 bis 2004 zu einem innenpolitischen Kampf und einer innergesellschaftlichen Kontroverse um deren Bedeutung und Umsetzung geworden ist. Ulrich K. Preuß schließlich legt aus juristischer sowie historisch vergleichender Perspektive dar, warum Kosovos Staatlichkeit als Staatlichkeit sui generis zu werten ist.
Das Thema der Dokumentation dieses Heftes stellt zweifelsohne ebenfalls eine Herausforderung an die Europäisierung dar: die griechisch-makedonische Namenskontroverse. Biljana Vankovska und Evangelos Kofos sind an dieser maßgeblich – als Intellektuelle und/oder als Politiker – beteiligt. Zwar sollten und wollten sie nicht als Advokaten der Sache ihrer Länder schreiben. Ihre persönliche Involviertheit zu leugnen, wäre der Idee einer bilateralen Dokumentation – die im Zuge ihrer Erstellung tatsächlich eine quasi-diplomatische Qualität erhielt (siehe hierzu auch die einleitenden Anmerkungen der Redaktion, S. 413) – aber vollkommen zuwider gelaufen.
Sabine Rutar – Redaktion –
INHALTSVERZEICHNIS
Schwerpunkt:Challenges of Europeanization, hg. v. Alina Mungiu-Pippidi
Alina Mungiu-Pippidi: “Building the Ship at Sea” Revisited. Lessons Learned from the European Union Accession of Post-communist Europe 318-339
Mark Hallerberg / Sami Yläoutinen: Fiscal Governance in East Central Europe Before and After European Union Accession: What is the Role of Europeanization? 340-362
Gerald Knaus / Ekrem Eddy Güzeldere: Generals, Christians and Turkey’s European Revolution 363-388
Ulrich K. Preuss: Kosovo – a State Sui Generis? 389-412
Dokumentation
Sabine Rutar: Introduction: Documenting the Greek-Macedonian Name Controversy 413
Evangelos Kofos The Macedonian Name Controversy. Texts and Commentary 414-435
Biljana Vankovska: David vs. Goliath: The Macedonian Position(s) in the Socalled “Name Dispute” with Greece 436-467
Buchbesprechungen
Simone Schuller, Versöhnung durch strafrechtliche Aufarbeitung? Die Verfolgung von Kriegsverbrechen in Bosnien und Herzegowina (Tomislav Pintarić) 468-469
Bülent Küçük, Die Türkei und das andere Europa. Phantasmen der Identität im Beitrittsdiskurs (Stefan Ihrig) 469-471
Adam Fagan, Europe’s Balkan Dilemma: Paths to Civil Society or State-Building? (Dejan Orlić) 471-473
Catherine Baker, Sounds of the Borderland: Popular Music, War and Nationalism in Croatia since 1991 (Dario Brentin) 473-475