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Sozial.Geschichte 20 (2005), 3

Titel der Ausgabe 
Sozial.Geschichte 20 (2005), 3
Weiterer Titel 
Hitlers Volksstaat

Herausgeber
Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts, Bremen
Erschienen
Bern 2005: Peter Lang/Bern
Erscheint 
3 Ausgaben pro Jahr
ISBN
ISSN 1660-2870
Anzahl Seiten
152 Seiten
Preis
13.30 €

 

Kontakt

Institution
Sozial.Geschichte. Zeitschrift für historische Analyse des 20. und 21. Jahrhunderts
Land
Deutschland
c/o
Sozial.Geschichte Zeitschrift für historische Analyse des 20. und 21. Jahrhunderts Fritz-Gansberg-Str. 14, D-28213 Bremen Tel.: (0421) 218-91 25 Fax: (0421) 218-94 96
Von
Redaktion

Schwerpunkt des neuen Hefts Sozial.Geschichte:
Diskussionsforum zu Götz Alys „Hitlers Volksstaat“

Sozial.Geschichte ist die neue Folge der Zeitschrift 1999. Sie können die Zeitschrift im Buchhandel, direkt über den Verlag (http://www.peterlang.net) oder über die Stiftung Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts (http://www.stiftung-sozialgeschichte.de) bestellen.
Weitere Information zur Zeitschrift und den Themenredaktion von Sozial.Geschichte finden Sie ebenfalls auf unserer Website http://www.stiftung-sozialgeschichte.de

Inhaltsverzeichnis

FORSCHUNG

Marcel van der Linden:
Plädoyer für eine historische Neubestimmung der Welt-Arbeiterklasse

DISKUSSIONSFORUM HISTORISCHE FASCHISMUSANALYSE:
„HITLERS VOLKSSTAAT“?

Angelika Ebbinghaus:
Fakten oder Fiktionen: Wie ist Götz Aly zu seinen weitreichenden Schlussfolgerungen gekommen?

Rüdiger Hachtmann:
Öffentlichkeitswirksamer Knallfrösche – Anmerkungen zu Götz Alys „Volksstaat“

Christoph Buchheim:
Die vielen Rechenfehler in der Abrechnung Götz Alys mit den Deutschen unter dem NS-Regime

Thomas Kuczynski:
Die Legende vom nationalen Sozialismus

Jane Caplan:
Cui bono?

Michael Wildt:
Alys Volksstaat. Hybris und Simplizität einer Wissenschaft

ZEITGESCHEHEN

Sören Brinkmann:
Verspätete Erinnerung. Motive und Reichweite der jüngsten Vergangenheitsarbeit in Spanien

REZENSIONEN

Bernhard Walpen: Die offenen Feinde der Gesellschaft. Eine hegemonietheoretische Studie zur Mont Pélerin Society, besprochen von Kees van der Pijl

Marie-Monique Robin: Escadrons de la mort, l’école française, besprochen von Thomas Fischer

Thomas Ernst / Bettina Bock von Wülfingen / Stefan Borrmann / Christian Gudehus (Hg.): Wissenschaft und Macht, besprochen von Timo Luks

Michel Foucault: Hermeneutik des Subjekts. Vorlesungen am Collège de France 1981/82, besprochen von Dirk Quadflieg

Wolfgang Kraushaar / Jan Philipp Reemtsma / Karin Wieland: Rudi Dutschke, Andreas Baader und die RAF, besprochen von Hanno Balz

ANNOTATIONEN

Themenheft „Globalisierung“. Jahrbuch für Wirtschaftgeschichte 2003/2 (K.H.R.); Manuel Sarkisyanz: From Imperialism to Fascism. Why Hitler´s “India” was to be Russia (K.H.R.); Berthold Unfried/Marcel van der Linden (Hg.): Labour and New Social Movements in a Globalising World System (K.H.R.); Aad Blok/Greg Downey (eds.): Uncovering Labour in Information Revolutions (K.H.R.); Michael Mann (Hg.): Menschenhandel und unfreie Arbeit (K.H.R.); John McIlroy/Alan Campbell/Keith Gildart (Hg.): Industrial Politics and the 1926 Mining Lockout (M.v.d.L.); Munshi Rahman Khan: Jeevan Prakash. Autobiography of an Indian Indentured Labourer (M.v.d.L.); Reiner Tostorff: Profintern. Die Rote Gewerkschaftsinternationale 1920-1937 (M.v.d.L.); Steve Keen: Debunking Economics. The Naked Emperor of the Social Sciences (M.v.d.L.); Wolfgang Ruge: Berlin – Moskau – Sosswa. Stationen einer Emigration (K.H.R.); Le pouvoir soviétique et la paysannerie dans les rapports de la police politique (1930-1934) (K.H.R.); Antoine Verbij : Tien rode jaren. Links radicalisme in Nederland 1970-1980 (M.v.d.L.)

NACHRUF

Andrea Komlosy / Hannes Hofbauer: Andre Gunder Frank – Weltbürger und Vagabund

AUS ZEITSCHRIFT UND STIFTUNG

Karl Heinz Roth: Verabschiedungen

SOZIAL.GESCHICHTE ONLINE

SUMMARIES

Marcel van der Linden:
Plädoyer für eine historische Neubestimmung der Welt-Arbeiterklasse

Das Konzept von “Arbeiterklasse”, das im Europa des 19. Jahrhunderts seinen Ursprung hat, ist in den vergangenen Jahrzehnten verstärkt in Frage gestellt worden. Kritik wird teils von Wissenschaftlern geäussert, die sich mit Asien, Afrika und Lateinamerka beschäftigen und teils geht sie von nordamerikanischen Historikern der „Frühmoderne“ aus. Sie weisen darauf hin, dass die Grenzen zwischen „freier“ Lohnarbeit, selbstständiger Erwerbstätigkeit und unfreier Arbeit nicht eindeutig sind und dass der Gegensatz zwischen urbaner und ländlicher Arbeit nicht als absolut angesehen werden sollte. Dieser Beitrag befasst sich mit der Frage wie ein neues Konzept von Arbeiterklasse aussehen könnte, welches die Erkenntnisse dieser andersdenkenden Wissenschaftler berücksichtigt. Der Aufsatz beginnt mit einer konstruktiven Kritik am Marxschen Konzept von Arbeiterklasse. Es wird dargelegt, dass Arbeitsverwertung viele Formen annimmt, wobei der freie Lohnarbeiter nur ein Beispiel ist. Der Aufsatz erörtert verschiedene dieser anderen Formen und schenkt dabei den „Zwischenformen“ besondere Aufmerksamkeit: zwischen Lohnarbeit und Lohnsklaverei; zwischen Lohnarbeit und selbstständiger Erwerbstätigkeit; zwischen Lohnsklaverei und selbstständiger Erwerbstätigkeit; zwischen Lohnarbeit, Lohnsklaverei und selbstständiger Erwerbstätigkeit auf der einen und dem Lumpenproletariat auf der anderen Seite. Weiterhin wird argumentiert, dass der marxistische Ansatz nicht nur eindeutig unter denjenigen Phänomenen unterscheidet, die in der Realität keine festen Einheiten bilden, sondern dass er ausserdem von bestimmten Annahmen ausgeht, die näher untersucht werden müssen. Die Implikationen sind weitreichend. Offensichtlich existiert im Kapitalismus eine grosse Klasse von Menschen, deren Arbeitskraft auf unterschiedliche Art und Weise verwertet wird. In diesem Zusammenhang bezeichne ich diese Klasse als subalterne Arbeiter. Sie konstituieren eine sehr vielfältige Gruppe, die sich aus „Chattel“-Sklaven, Farmpächtern, kleinen Handwerkern und Lohnarbeitern zusammensetzt. Für diese „Vielfältigkeit“ wird eine Neubestimmung vogeschlagen.

The "working class" concept, which originated in 19th-century Europe, has been questioned more and more in the past decades. This criticism comes partly from scholars who are interested in Asia, Africa and Latin America, and partly from “early modern” historians of the North Atlantic region. They point out that the borderlines between "free" wage labour, self-employment and unfree labour are not clear-cut and that the opposition between urban and rural labour should not be made absolute. This article addresses the question what a new concept of the working class might look like that would take into account the insights of these dissident scholars. The essay starts off with a constructive critique of Marx' concept of the working class. It is argued that labour commodification has many forms of which the free wage labourer is only one example. The article discusses some of these other forms and pays special attention to intermediate forms; between wage labour and slavery; between wage labour and self- employment; between slavery and self-employment; and between wage labour, slavery and self-employment on the one hand, and the lumpenproletariat on the other. The article also argues that the Marxian approach does not only make sharp distinctions between phenomena that are no fixed entities in reality, but it also makes implicit assumptions that need to be scrutinized. The implications are far-reaching. Apparently, there is a large class of people within capitalism, whose labour power is commodified in various ways. In this context, I refer to this class as subaltern workers. They make up a very varied group, which includes chattel slaves, sharecroppers, small artisans and wage earners. A definition of this “multitude” is proposed.

Angelika Ebbinghaus:
Fakten oder Fiktionen: Wie ist Götz Aly zu seinen weitreichenden Schlussfolgerungen gekommen?

Die Autorin sucht eine Antwort auf die Frage zu finden, wie Götz Aly aufgrund seiner vielfach falschen Prämissen zu seiner Interpretation des NS-Regimes als „Gefälligkeitsdiktatur“ gekommen ist. Sie resümiert einleitend die vor allem von Wirtschaftshistorikern vorgebrachte Kritik an der Behauptung, dass das Regime sich die politische Zustimmung der „kleinen Leute“ durch steuer- und sozialpolitische Zugeständnisse erkauft habe, eine „nationale Umverteilung“ von oben nach unten stattgefunden habe und die besetzten Länder für zwei Drittel der Kriegskosten aufgekommen seien. Aly produzierte diese fehlerhaften Hypothesen, weil er sie für seine Charakterisierung der NS-Politiker als „Stimmungspolitiker“ brauchte. Dabei übernimmt er unreflektiert ihren Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Autorin zeigt demgegenüber auf, dass die „NS-Stimmungspolitiker“ der Massenpsychologie von Le Bon anhingen und deren Prinzipien anwandten. Darüber hinaus setzt sie sich mit den politischen Botschaften im Subtext des Buchs auseinander und versucht eine Antwort auf die Frage zu finden, warum dieses Buch eine so große Resonanz hatte.

The author explores how Götz Aly, based on often incorrect premises, interpreted the Nazi regime as a „Gefälligkeitsdiktatur“ (dictatorship of favors). She begins with a literature review, summarizing criticisms by economic historians in particular, of Aly’s claims that the regime bought the approval of the “little people” by making tax and sociopolitical concessions, that a “national redistribution” took place from the top down and that the occupied countries paid for two-thirds of the war costs. Aly produced these false hypotheses in order to characterize the Nazi politicians as “Stimmungspolitiker” (politicians catering to the current sentiments). He thereby deliberately assumes their view of the social conditions. The author further shows that the “Nazi Stimmungspolitiker” adhered to and applied Le Bon’s principles of mass psychology. Moreover, she deals with the political messages in the book’s subtext and its sources of popularity.

Rüdiger Hachtmann:
Öffentlichkeitswirksame Knallfrösche — Anmerkungen zu Götz Alys „Volksstaat“

In den Medien hat Alys neuestes Buch über „Hitlers Volksstaat“ beträchtliche Aufmerksamkeit erregt. Positive Resonanz fand vor allem seine zentrale These: Das NS-Regime habe die sozialen Unterschiede bewusst eingeebnet. Es sei mit „Härte gegen die Bourgeoisie“ vorgegangen und habe „klassenbewusst innenpolitisch die Lasten zum Vorteil der sozial Schwächeren verteilt“. Die NS-Diktatur sei folglich eine „Gefälligkeitsdiktatur“ und ein „Volksstaat“ gewesen. Die Hitler-Diktatur sei den sozialistischen Systemen zuzurechnen; die NS-Propagandisten hätten recht gehabt, wenn sie ihre Herrschaft als „nationalen Sozialismus“ bezeichneten. Alys These vom NS-„Regime der sozialen Wärme“ wird im ersten Teil des Essays auf ihre Realitätstüchtigkeit abgeklopft, indem die soziale Lage der deutschen Arbeiterschaft ausgeleuchtet und insbesondere die Entwicklung der Effiktivverdienste und Realeinkommen genauer betrachtet wird. Die Ergebnisse dieser Analyse widersprechen den Behauptungen Alys diametral. Nicht Götz Aly, sondern Hermann Göring hatte mit seiner Formel „Kanonen statt Butter“ recht. Im zweiten Teil geht es um die Frage, warum Aly auf sozialökonomische Differenzierungen zugunsten grober Vereinfachungen verzichtet. Diskutiert wird außerdem, warum Aly die Bemühungen der Hitler-Diktatur um soziale Integration der deutschen Arbeitnehmerschaft zu einem sozialistischen Popanz aufbläst, obwohl der Wille der Nazis, die deutsche Arbeiterklasse aus Angst vor einem zweiten November 1918 in die „Volksgemeinschaft“ einzubinden, trivial ist und die Politik der NS-Sozialintegration von der (von Aly ziemlich konsequent ignorierten) NS-Forschung seit mehr als drei Jahrzehnten intensiv diskutiert wird. In diesem Kontext wird Alys „Volksstaat“ schließlich in einen breiteren historiographischen Mainstream eingeordnet und nach der aktuell-politischen Funktion seiner Behauptungen gefragt.

Aly’s most recent book on „Hitler’s Volksstaat“ has received considerable attention in the media. His central thesis in particular has garnered positive responses: the Nazi regime deliberately leveled social differences. It proceeded with “harshness against the bourgeoisie” and, “in a class conscious fashion, shifted the burden to the advantage of the socially weaker”. Therefore, the Nazi regime was a “Gefälligkeitsdiktatur” (dictatorship of favors) and a “Volksstaat” (state of the people). The Hitler dictatorship can be imputed to the socialist systems; the Nazi propagandists were correct in calling their regime “nationalist socialist”. The first part of the article gives a reality check of Aly’s thesis of the Nazi “regime of social warmth” by exposing the social conditions of the German laborers and by more closely scrutinizing the development of effective income and real earnings in particular. The results of this analysis are diametrically opposed to Aly’s assertions. Not Götz Aly but Hermann Göring was correct with his formula “canons not butter”. The second part discusses why Aly abandons socioeconomic differentiations in favor of rough simplifications. Moreover, Aly inflates the attempts for social integration of the German workers by the Hitler dictatorship into socialist pretentiousness—hereby disregarding the fact that the Nazi’s willingness to include the German working class into the “Volksgemeinschaft”, for fear of another November 1918, as trivial. He further disregards the fact that the politics of social integration by the Nazis have already been thoroughly discussed by established research (and consistently ignored by Aly) for more than three decades. In this context, Aly’s “Volksstaat” is finally placed within the broader historiographical mainstream and the current political function of his assertions is questioned.

Christoph Buchheim:
Die vielen Rechenfehler in der Abrechnung Götz Alys mit den Deutschen unter dem NS-Regime

Es ist bekannt, dass das NS-Regime seine Lehren aus den Hungersnöten des Ersten Weltkriegs gezogen hatte und Ähnliches auf jeden Fall zu vermeiden trachtete. Ebenfalls nicht neu ist der Befund, dass die Enteignung der Juden sowie die Ausbeutung der besetzten Gebiete erhebliche Beiträge zur Finanzierung von Rüstung und Krieg. Aly hat das nun aber in extremer Weise zugespitzt. Er spricht vom materiell üppigen Sein der Deutschen im Krieg und behauptet, mindestens zwei Drittel der Kriegskosten seien nicht von den Deutschen getragen worden. In dem vorliegenden Beitrag wird gezeigt, dass seine Aussagen, so zugespitzt, falsch sind. Faktisch war die Versorgungslage in Deutschland während des Krieges zwar noch ausreichend, jedoch alles andere als gut. Auch die privaten Käufe deutscher Soldaten in den besetzten Gebieten konnten an dieser Sachlage nichts Grundsätzliches ändern. Und bei der Frage der Aufbringung der Kriegskosten muss die staatliche Verschuldung mitberücksichtigt werden; denn letztere war nicht nur „virtuell“, wie Aly glauben machen will, sondern hatte gravierende reale Auswirkungen, weil das Regime sich in Höhe der Verschuldung sofort Teile des Sozialprodukts aneignete.

It is a well known fact that the Nazi regime had learned from the hunger and malnutrition of World War I and sought to avoid similar events under all circumstances. Further, it is not news that the expropriation of Jews as well as the exploitation of the occupied territories contributed heavily to the financing of armament and the war. Aly has now presented this fact in an extreme fashion. He talks about the materially exuberant lifes of the Germans during the war and claims that at least two-thirds of the war costs were not carried by the Germans. This article shows that the statements as made by Aly are incorrect. In fact, while the supply situation in Germany during the war was sufficient, it was by no means good. The private purchases by the soldiers in the occupied territories basically could not change the situation. And when considering the funding of the war, one must take into account government debt. This latter point was not only “virtual” as Aly intends to make one believe, but had serious real implications, because the regime immediately seized portions of the national product in the amount of the debt.

Thomas Kuczynski:
Die Legende vom nationalen Sozialismus

Die Rezension benennt den Nutzen von Alys Buch, der darin besteht, dass die willige Teil- und Vorteilsnahme vieler Deutscher bei der Ausraubung der Juden und halb Europas dargestellt wird, demonstriert anhand von konkreten Beispielen grundlegende Fehler und Fehleinschätzungen aus ökonomischer und statistischer Sicht (bis hin zu elementaren Rechenfehlern) und ordnet das
Buch aus sozialhistorischer wie aktuell sozialpolitischer Sicht in den "mainstream" neoliberalistischer Apologetik ein.

This book review presents the usefulness of Aly’s book for illustrating the willing participation in and personal gain of many Germans from the robbing of Jews and half of Europe. Further, by using concrete examples, it points to fundamental errors and misinterpretations from an economics and statistics viewpoint (including elementary mathematical miscalculations). From a sociohistorical and current sociopolitical viewpoint, it places the book within the mainstream of neoliberal apologetics.

Jane Caplan:
Cui bono?

Im diesem Beitrag wird Götz Alys Darstellung über die auf Rasse basierenden Enteignungen und soziale Neuverteilung im Nationalsozialismus älteren marxistischen Debatten über die zentrale Frage, wessen Interessen der Faschismus vertrat, gegenübergestellt. Insbesondere Tim Masons Untersuchung über die Arbeits- und Sozialpolitik im „Dritten Reich“ legt nahe, dass sich Alys Darlegung von dieser Interpretation in zwei zentralen Bereichen unterscheidet. Aly hat die Fokussierung von der Produktions- auf die Konsumptionsseite und von der Geschichte der Arbeiterbewegung vor 1933 auf die Geschichte des Sozialstaats nach 1949 verlegt. Während Masons „Drittes Reich“ hauptsächlich ein Regime war, dass die Kultur der Solidarität der Arbeiterklasse zerstört hat, ignoriert Aly diese Vergangenheit und behandelt das „Dritte Reich“ als den ersten Schritt entgegen einer entpolitisierten Massenverbrauchskultur.

In this commentary Götz Aly's analysis of racial expropriation and social redistribution under National Socialism is contrasted with older marxist debates about the crucial question of whose interests fascism represented. Referring in particular to the work of Tim Mason on labour
and social policy in the Third Reich, it suggests that Aly's analysis departs from this older model in two key areas: He has shifted the emphasis from production to distribution and from the pre-1933 history of the working-class movement to the post-1949 history of the Sozialstaat. While Mason's Third Reich was primarily a regime that destroyed a culture of working-class solidarity, Aly ignores this past and treats the Third Reich as the first step towards a depoliticized
mass consumer culture.

Michael Wildt:
Alys Volksstaat. Hybris und Simplizität einer Wissenschaft

Im vorliegenden Beitrag werden die methodischen und epistemologischen Probleme von Alys Buch diskutiert. Aly ignoriert relevante Forschungsarbeiten, die sich ebenfalls mit seinem Thema befassen. Wie auch andere Studien über den Nationalsozialismus, basiert „Hitlers Volksstaat“ hauptsächlich auf historischen Dokumenten und Archivmaterial, ignoriert dabei aber theoretische Ansätze und konzeptuelle Zusammenhänge. Diese Art empirischer „Positivismus“ leidet an oberflächlichen und eindimensionalen Erklärungen, die moderne sozialwissenschaftliche Konzepte, wie zum Beispiel „agency“, nicht berücksichtigen. Somit unterschätzt Alys „materialistischer“ Ansatz den Antisemitismus und die Aktions-Reichweite der Subjekte. Ebenfalls versäumt Aly, den Terror des NS-Regimes in Betracht zu ziehen. Seine Bezeichnung „Gefälligkeitsdiktatur“, die von den Medien schnell und gerne übernommen wurde, kann nicht das Nazi System als Ganzes beschreiben, denn sie ignoriert alle politischen Gegner und Rassenopfer. „Hitlers Volksstaat“ wirft die Frage auf, ob geschichtswissenschaftliche Forschung von hier an durch die Bedürfnisse der Massenmedien, die eher auf geschäftlichen Erfolg als wissenschaftliche Argumente bauen, beeinflusst werden wird.

This article focuses on the methodological and epistemological problems of Aly’s book. Aly neglected several relevant studies dealing with the same issues he examines. Like other studies on the National Socialist system, “Hitlers Volksstaat” is also based mainly on historical documents and archival materials, but it fails to include theoretical approaches and conceptual contexts. This empirical “positivism” suffers from superficial and one-dimensional explanations, not taking note of modern social science concepts, such as agency. Hence Aly’s “materialistic” approach underestimates anti-Semitism and the scope for action by subjects. The terror of the Nazi regime also escapes Aly. His term “Gefälligkeitsdiktatur” (dictatorship of favors), immediately accepted by the media, cannot describe the Nazi system as a whole as this term ignores political opponents and victims of race-related policies. Possibly, “Hitler’s Volksstaat” raises the question whether scholarly historical research will henceforth be influenced by the needs of the mass media, which are focused on business success rather than scholarly arguments.

Sören Brinkmann:
Verspätete Erinnerung. Motive und Reichweite der jüngsten Vergangenheitsarbeit in Spanien

Auch wenn die Rede von einem „Pakt des Schweigens“ hinsichtlich der jüngeren, von Bürgerkrieg und Diktatur gezeichneten Geschichte unangemessen erscheint, sind die hiermit verbundenen Verbrechen in der spanischen Gesellschaft seit 1975 kaum diskutiert, geschweige denn aufgeklärt worden. Seit der Jahrtausendwende ist dagegen ein Erinnerungsboom zu beobachten, der sich in Forschung, Literatur und Massenmedien, aber auch in der von Bürgerinitiativen betriebenen Suche nach den schätzungsweise 30.000 „Verschwundenen“ des Krieges niederschlägt. Die Aufarbeitung bisher ungesühnter Menschenrechtsverletzungen der Franco-Diktatur, die auch von der derzeitigen sozialistischen Regierung unterstützt wird, bedeutet eine substantielle Wende in der bisherigen Geschichtspolitik des demokratischen Spanien. Sie wird jedoch nicht von allen Seiten der Gesellschaft unterstützt. Denn während gerade die jüngere Generation in dieser Frage oftmals überraschend teilnahmslos bleibt, versucht das konservative Lager um die „Volkspartei“, die Vergangenheitsarbeit zu behindern. Beide Seiten werden publizistisch unterstützt und es zeichnet sich eine politische Polarisierung um das Thema Vergangenheitsbewältigung ab, deren Folgen für das offizielle Geschichtsbild noch nicht absehbar sind.

Even if a discussion of the „pact of silence“ regarding Spain’s more recent history, which is marked by the Civil War and Franco’s rule, seems inadequate, related crimes committed in Spain since 1975 have not been discussed, let alone solved. Since the turn of the millennium, however, a memory boom has emerged. This is reflected in research, literature and the mass media, but also in the search by citizen’s groups for approximately 30,000 people vanished during the war. Coming to terms with the until now unatoned human rights violations by the Franco dictatorship, which is also supported by the current socialist government, means a significant turning point of the previous “Geschichtspolitik” (partisan interpretations of history) in democratic Spain. It is, however, not supported by all. While the younger generation in particular has remained often apathetic regarding this issue, the conservative camp surrounding the “People’s Party” attempts to obstruct all efforts dealing with the past. Both sides are being publicly supported and a political polarization surrounding a coming to terms with the past is increasingly apparent. Its effects on the official interpretation of history are not yet foreseeable.

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Veröffentlicht am
23.11.2005
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Bestandsnachweise 1660-2870