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Sozial.Geschichte 22 (2007), 3

Titel der Ausgabe 
Sozial.Geschichte 22 (2007), 3
Weiterer Titel 
Reemtsma-Konzern; Praxeologische Geschichtswissenschaft; Deutsche Gegenrevolution 1919; Socialism ou Barbarie; DDR-Geschichtsschreibung; Globale Arbeitsverhältnisse

Herausgeber
Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts, Bremen
Erschienen
Bern 2007: Peter Lang/Bern
Erscheint 
3 Ausgaben pro Jahr
ISBN
ISSN 1660-2870
Anzahl Seiten
207 Seiten
Preis
13.30 € Einzelheft

 

Kontakt

Institution
Sozial.Geschichte. Zeitschrift für historische Analyse des 20. und 21. Jahrhunderts
Land
Deutschland
c/o
Sozial.Geschichte Zeitschrift für historische Analyse des 20. und 21. Jahrhunderts Fritz-Gansberg-Str. 14, D-28213 Bremen Tel.: (0421) 218-91 25 Fax: (0421) 218-94 96
Von
Ebbinghaus Angelika

Schwerpunkte unseres letzten Hefts 3/07:
Abschied nach 22 Jahren
Der Reemtsma-Konzern im „Dritten Reich“
Praxeologische Geschichtswissenschaft
Irving-Prozess: Fälschung, Irrtum und Wahrheit
Die Massaker der deutschen Gegenrevolution 1919
Socialisme ou Barbarie 1958
Die Marginalisierung der DDR-Geschichtsschreibung
Globale Arbeitsverhältnisse

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

EDITORIAL:
Abschied nach 22 Jahren
(Den Text finden Sie nach den Summaries)

FORSCHUNG

Hartmut Rübner:
Unternehmensinteressen und Vierjahresplan. Der Reemtsma-Konzern im „Dritten Reich“

Sven Reichardt:
Praxeologische Geschichtswissenschaft. Eine Diskussionsanregung

MISZELLE

Heinrich Senfft:
Bruder Irving – Irrtum, Wahrheit, Arglist und Fälschung in seiner „Geschichtsschreibung“

DOKUMENTATION I

Die Verantwortung der Mehrheitssozialdemokratie für die Morde der deutschen Gegenrevolution im Jahr 1919. Eine Dokumentation.
Zusammengestellt und eingeleitet von Klaus Gietinger und Karl Heinz Roth

DOKUMENTATION II

Marcel van der Linden:
Ein Bericht niederländischer Rätekommunisten über die Spaltung von Socialisme ou Barbarie (1958)

ZEITGESCHEHEN

Paolo Fonzi:
Vor der „zweiten deutschen Geschichtsschreibung“ zur „zweiten Wissenschaftskultur“: die Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung

DISKUSSIONSFORUM GLOBALE ARBEITSGESCHICHTE

Karl Heinz Roth:
Empirie und Theorie. Die Marxsche Arbeitswertlehre im Licht der Arbeitsgeschichte (Teil II)

BUCHBESPRECHUNGEN

Natascha Vittorelli, Frauenbewegung um 1900. Triest – Zagreb – Novi Sad, besprochen von Julia Herzberg

David Thimme, Percy Ernst Schramm und das Mittelalter. Wandlungen eines Geschichtsbildes, besprochen von Jörg Wollenberg

Lothar Gall, Der Bankier – Hermann Josef Abs. Eine Biographie, besprochen von Karl Heinz Roth

Jürgen Elvert / Susanne Krauß (Hg.), Historische Debatten und Kontroversen im 19. und 20. Jahrhundert. Jubiläumstagung der Ranke-Gesellschaft in Essen, besprochen von Peter Schöttler

Carl E. Schorske, Mit Geschichte denken. Übergänge in die Moderne, besprochen von Franz Leander Fillafer

Mario Kessler, Arthur Rosenberg. Ein Historiker im Zeitalter der Katastrophen, besprochen von Jörg Wollenberg

Tobias Kaiser Karl Griewank (1900-1953) – ein deutscher Historiker im „Zeitalter der Extreme“, besprochen von Mario Keßler

ANNOTATIONEN

Peter Greimer / Valentin Groebner: Einsamer Auftritt. Gehen Sie eigentlich gern zu Vorträgen? (P.S.); Jan Willem Stutje: Ernest Mandel. Rebel tussen droom en daad (M.v.d.L.); Alexander Flores: Die arabische Welt. Ein kleines Sachlexikon (K.H.R.); Anita Fabig / Kathrin Otte (Hg.): Umwelt, Macht und Medizin (K.H.R.); Jan Breman: Labour Bondage in West India. From Past to Present (M.v.d.L.); Norberto Osvaldo Ferreras: O cotidiano dos trabalhadores de Buenos Aires (1880-1920) (M.v.d.L.); Jean-Louis Prat: Introductionà Castoriadis (M.v.d.L.); Christiane Harzig (Hg.): Migration und Erinnerung (S.N.); Devo Sacchetto: Il Nordest e il suo Oriente. Migranti, capitali e azioni umanitarie (K.H.R.)

BUCHEINGÄNGE

SOZIAL.GESCHICHTE EXTRA
www.stiftung-sozialgeschichte.de

Katrin Bromber:
Blühende Medienlandschaften. Britische Informationspolitik für ostafrikanische Truppen während des Zweiten Weltkrieges

Shraga Elam:
Judeozid im Nahen Osten? Zur Debatte über deutsche Pläne zur Vernichtung der Juden in Palästina während des zweiten Weltkriegs

Carsten Kaven:
Michel Foucault

Hinnerk Onken:
„Wir sind Deutsche, wir sind Weiße und wir wollen Weiße bleiben!“ – Die Debatte um die sogenannten „Rassenmischehen“ in „Deutsch-Südwestafrika“

NACHRUF

Marcel van der Linden:
Cajo Brendel (1915-2007)

SUMMARIES

Hartmut Rübner: Unternehmensinteressen und Vierjahresplan. Der Reemtsma-Konzern im „Dritten Reich“

Während des „Dritten Reichs“ war die Entwicklung des Reemtsma-Konzerns durch eine spezifische Expansionsstrategie geprägt, die mit einer systematischen Ausweitung der Geschäftsfelder einherging. Während er sein De facto-Monopol in der Zigarettenindustrie endgültig absicherte und dadurch eine enorme wie anhaltende Gewinnsteigerung erzielte, investierte er seit der Periode des Zweiten Vierjahresplans in solche Sektoren, die durch den Hochrüstungskurs vernachlässigt worden waren. In einer ersten Etappe etablierten sich die Reemtsmas im Rahmen der Hamburger Standortpolitik. Dabei verknüpften sie ihre Geschäftsinteressen zugleich mit den kolonialpolitischen Plänen der NS-Diktatur. Das Ziel war der Aufbau einer integrierten Produktions-, Transport- und Absatzkette im Bereich der Ernährungswirtschaft des europäisch-afrikanischen „Großwirtschaftsraums“. Um die Rohstoffbeschaffung mit den Verarbeitungszentren und Absatzmärkten zu verknüpfen, brachte der Reemtsma-Konzern das Reedereikapital unter seine Kontrolle und engagierte sich in der Tiefkühltechnologie. Die Ausrichtung der Handelsflotte auf die spezifischen Unternehmensinteressen war Teil eines Konzepts, den unter deutscher Feindvermögensverwaltung stehenden Unilever-Konzern entweder aufzukaufen oder als Konglomerat des Lebensmittel-, Rohstoff- und Transportsektors abzulösen. Dies gelang jedoch nur ansatzweise, da die kriegswirtschaftlichen Lenkungsapparate den Unilever-Konzern seit 1942/43 unter den Zwängen der militärisch-strategischen Defensive in ihre eigenen Ausplünderungsprojekte in Ost- und Südosteuropa integrierten.

During the Third Reich, growth of the Reemtsma company was shaped by a specific expansion strategy, consisting of the systematic diversification of the various business segments. While Reemtsma definitively secured its de facto monopoly within the tobacco industry and thereby increased its profits tremendously for the long-term, it continued its focus on its four year plan in those areas, which had been neglected by the focus on armament. The Reemtsmas initially established themselves within Hamburg city politics. Here they aligned their business interests with the colonial plans of the Nazi regime. The goal was to build and integrate the production, transport and market aspects of the food industry within the “Greater Euro-African Economic Area”. In order to link the supply of resources with the processing facilities and markets, Reemtsma took control of shipping assets and got actively involved in refrigeration technologies. Alignment of the merchant marines with specific business interests was part of the plan to either purchase the Unilever company or to overtake it as the business conglomerate for the food, raw materials, and transportation sectors. Success, however, was limited due to the wartime economic control apparatus, which had integrated Unilever into its own exploitations in east and southeast Europe as part of the military strategic defensive since 1942/43.

Sven Reichardt: Praxeologische Geschichtswissenschaft. Eine Diskussionsanregung

Der Aufsatz skizziert die wichtigsten Grundzüge des praxeologischen Ansatzes und diskutiert dessen Anregungspotential für die Geschichtswissenschaft. Die ordnungssetzende Kraft der Handlungsvollzüge und das implizite handlungsbezogene Wissens der Akteure stehen im Zentrum der Überlegungen zur Körperlichkeit und Materialität des Handelns. Handlungsvollzüge werden nicht als Ausführung zuvor gefasster oder vorhandener Entwürfe begriffen. Im Handeln vollzieht sich nicht einfach das, was vorab gedacht und entschieden wurde. Praxistheorien interessieren sich stattdessen für das Hervorbringen des Denkens im Handeln. Das Handeln hat seine eigenen, sich aus dem Handlungsfluss ergebenden Gründe. Mit dieser Grundausrichtung wird der praxeologische Ansatz von anderen Kulturtheorien und geschichtswissenschaftlichen Ansätzen abgegrenzt und darauf folgend in der Auseinandersetzung mit der Alltags-, Mentalitäts- und Sozialgeschichte erläutert. Der Aufsatz ist dabei weniger der Entwurf zu einer vollgültigen historiographischen Theorie der Praxis, denn als eine Anregung, modische Selbstbeschreibungsetiketten der Historiographie neu zu überdenken.

This essay offers a sketch of the most important facets of praxeology and discusses its potential as a stimulus for the study of history. Central to the deliberation regarding the corporeality and materialism of human actions are the law-like power of the actions and the implicit knowledge of the persons involved. Actions are not considered the result of planning or scheming. Actions do not simply constitute something that is thought out and decided upon. Instead, practical theories are interested in those thoughts generated through action. Actions are based on the flow of previous actions. With this basic direction, the praxeological approach sets itself apart from other cultural theories and historiographic approaches regarding the history of everyday life, the history of mentality, and social history. This essay then is less of an attempt at a valid historiographic theory of practice than more of a critique of trendy etiquettes of historiography.

Heinrich Senfft: Bruder Irving – Irrtum, Wahrheit, Arglist und Fälschung in seiner „Geschichtsschreibung“

Heinrich Senfft verfolgt in seinem Bericht die Karriere des historisch nicht vorgebildeten Briten David Irving, der ein Studium der Naturwissenschaft abgebrochen und schon mit 25 Jahren begonnen hatte, historische Bücher zu schreiben. Schon das erste über die Zerstörung Dresdens (1963) wurde viel beachtet – er wurde ein bekannter und erfolgreicher, wenngleich zunehmend kontroverser Autor.
Irving hat inzwischen um die 30 Bücher geschrieben und sorgte 1977 für Aufregung, als er behauptete, Hitler habe die Judenverfolgung gar nicht befohlen, sondern erst 1943 davon erfahren. Mehr und mehr manipulierte Irving die historischen Quellen und entwickelte sich zum Hitler-Freund, Holocaust-Leugner und Antisemiten. Ist Irving ein skrupelloser Selfmademan mit einer Mischung aus Stolz auf das Vollbrachte und dem Minderwertigkeitskomplex des Nicht-Akademikers?
Die amerikanische Historikerin Deborah Lipstadt nannte ihn in einem 1993 erschienenen Buch den prominentesten und gefährlichsten Holocaust-Leugner. Als das Buch auch in Großbritannien erschien, verklagte Irving sie und ihren Penguin Verlag. Der Prozess begann im Januar 2.000 in London und dauerte viele Wochen. Mehrere Gutachter untersuchten die Schriften Irvings und kamen zu einem für ihn vernichtenden Ergebnis, dem sich das Gericht anschloss und Irvings Klage abwies.
Ende 2005 fuhr Irving nach Österreich und wurde dort aufgrund eines seit 1989 existierenden Haftbefehls wegen „nationalsozialistischer Wiederbetätigung“ verhaftet. Das Gericht in Wien verurteilte ihn zu drei Jahren Haft ohne Bewährung, ließ Irving aber Ende 2006 wieder laufen. Senfft stellt auch die Frage, wie sinnvoll es ist, wenn einzelne Länder – wie auch die BRD – das Leugnen des Holocaust strafrechtlich verfolgen anstatt dem Recht der freien Meinungsäußerung den Vorzug zu geben.

In his report, Heinrich Senfft follows the career of David Irving, the British, non-trained historian, who had abandoned his studies of the natural sciences and had begun writing history books at the age of 25. His first publication on the destruction of Dresden (1963) was highly regarded – he became a well-known and successful, albeit increasingly controversial, author.
To date, Irving has published about 30 monographs and caused a stir in 1977 when he claimed that Hitler did not order the persecution of the Jews but only learned of it in 1943. More and more, Irving manipulated historical sources and emerged into a Hitler friend, Holocaust denier, and anti-Semite. Is Irving scrupulously self-made embodying pride in his accomplishments and the inferiority complex of a non-academic?
In her 1993 publication, the American historian, Deborah Lipstadt, called him the best-known and most dangerous Holocaust denier. When her book was published in Great Britain, Irving sued Lipstadt and Penguin Publishers. Trial began in January 2000 in London and lasted several weeks. Multiple experts examined Irving’s work and arrived at a scathing dissenting opinion. The court agreed and dismissed Irving’s case.
In late 2005, Irving traveled to Austria, where he was arrested due to a warrant issued in 1989 under Austrian laws that make Holocaust denial a crime. The Viennese court sentenced him to three years in prison without parole but released him in late 2006. Senfft questions the expediency of individual countries, including Germany, prosecuting Holocaust denial instead of favoring the right to free speech.

Die Verantwortung der Mehrheitssozialdemokratie für die Morde der deutschen Gegenrevolution. Eine Dokumentation
Zusammengestellt und eingeleitet von Klaus Gietinger und Karl Heinz Roth

Die historische Analyse des Verhaltens der Mehrheitssozialdemokratie in der revolutionären Nachkriegskrise der Jahre 1918 bis 1923 ist bis heute durch mächtige Tabus blockiert. Dabei ermöglicht die Quellenlage durchaus eine systematische Aufarbeitung. In der vorliegenden Dokumentation wird am Beispiel des Jahrs 1919 gezeigt, dass die Morde der Regierungstruppen und Freikorps durch die regierende Troika Friedrich Ebert, Wolfgang Heine und Gustav Noske gewollt und gedeckt waren. Sie organisierten unter Zustimmung des MSPD-Vorstands und der MSPD-Reichstagsfraktion den politisch-institutionellen Rahmen und sicherten den Tätern Straffreiheit zu. Für sie waren die Mörderbanden des Militärs die wichtigsten Garanten der „deutschen Zukunft“. Als die Entente-Mächte die Auflösung der Freikorps erzwangen, präsentierte die Soldateska der Sozialdemokratie in Gestalt des Kapp-Lüttwitz-Ludendorff-Putsches ihre erste politische Rechnung.

The historical analysis of the characteristics of the majoritarian social democracy during the revolutionary post-war crisis of 1918 to 1923 is obstructed by powerful taboos still today. The wealth of available sources, however, allows for systematic revisitation. Using the year 1919 as an example, the present paper documents that the murders of government and free corps troops by the reigning Troika Friedrich Ebert, Wolfgang Heine and Gustav Noske were desired and covered up. They organized, with the agreement of the MSPD directorate and the MSPD Reichstagsfraktion, a political-institutional framework and secured immunity for the perpetrators. To them, the military mobs were the most important guarantors of the “German future”. At the time the allied powers forced the dissolution of the free corps, the Soldateska of social democracy presented its first political bill in form of the Kapp-Lüttwitz-Ludendorff coup.

Marcel van der Linden: Ein Bericht niederländischer Rätekommunisten über die Spaltung von Socialisme ou Barbarie (1958)

Der Autor charakterisiert einleitend die französische revolutionäre Gruppe Socialisme ou Barbarie (1949-1967), eine der interessantesten Organisationen der radikalen Linke im zwanzigsten Jahrhundert. Die Gruppe war nicht groß, auch die gleichnamige Zeitschrift hatte keine große Auflage. Aber hier trafen sich bedeutende Intellektuelle wie Cornelius Costoriadis, Claude Lefort, Guy Debord und unter anderem Jean-François Lyotard, aber auch Arbeitermilitante wie Jacques Gautrat alias Mothé. Obwohl die Gruppe sich schon 1967 auflöste wurde, inspirierte dieses intellektuell so interessante Laboratorium noch weite Teil der 68-Protestbewegungen. Die Gruppe Socialisme ou Barbarie war jedoch keineswegs homogen, sondern in ihr waren unterschiedliche Auffassungen vertreten, so dass es auch immer wieder zu Auseinandersetzungen kam. Eine Debatte, die zur Spaltung der Gruppe im Jahr 1958 führte, wurde von dem niederländischen Rätekommunisten Cajo Brendel in Form von Briefen, die er in der Zeitschrift des niederländischen Spartacusbundes veröffentlichte, dokumentiert. Bei diesem Streit ging es um eine auch heute noch aktuelle Frage, nämlich um das Verhältnis von Parteien und Avantgarde-Organisationen zur Arbeiterbewegung und sozialen Bewegungen. Während ein Flügel der Gruppe Socialisme ou Barbarie der Auffassung war, dass eine gesellschaftliche Veränderung ohne eine Avantgarde-Organisation nicht gelingen könne, vertrat der andere Flügel die Meinung, dass die Befreiung der Arbeiterklasse nur ihr eigenes Werk sein könne. Diese Kontroverse zwischen der „alten“ Arbeiterbewegung und der „neuen“, die auf die Autonomie der Arbeiterklasse setzte, wird in Brendels Briefen anhand verschiedener Auseinandersetzungspunkte referiert.

The author criticizes the French revolutionary group Socialisme ou Barbarie (1949-1967), one of the more interesting organizations of the radical left of the 20th century. The group was not large and its publication of the same name did not have a great circulation. Here congregated eminent intellectuals, including Cornelius Costoriadis, Claude Lefort, Guy Debord and, amongst others, Jean-François Lyotard, but also labor militants like Jacque Gautrat alias Mothé. Even though the group was dissolved in 1967, this intellectually interesting laboratory inspired much of the 1968 protest movements. Socialisme ou Barbarie was not at all homogenous but represented diverse opinions, which time and again lead to arguments. One debate, ending in the splitting of the group in 1958, was documented by the Dutch Rätekommunist Cajo Brendel in the form of letters, which he published in the magazine of the Dutch Spartacist League. The dispute revolved around the still current problem of the relationship between the parties and avant-garde organizations to the labor and social movements. While one side of Socialisme ou Barbarie believed that social change was impossible to achieve without an avant-garde organization, the other side was of the opinion that liberation of the working class could only be achieved through their own efforts. The controversy between the “old” labor movement and the “new”, which emphasized the autonomy of the working class, is reconsidered in Brendel’s letters.

Paolo Fonzi: Vor der „zweiten deutschen Geschichtsschreibung“ zur „zweiten Wissenschaftskultur“: die Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung

Fonzi untersucht die Auswirkungen der deutschen Wiedervereinigung auf die ostdeutschen Wissenschaftsstrukturen und das Entstehung einer so genannten zweiten Wissenschaftskultur in Deutschland am Beispiel der „Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung“. Viele ehemals in DDR aktiven Faschismusforscher wurden Mitglieder in der Berliner Gesellschaft. Der Autor beschreibt zuerst die Geschichte und die Interessenschwerpunkte der Historiker der Berliner Gesellschaft anhand ihrer Zeitschrift „Bulletin für Faschismus- und Weltkriegsforschung“. Die inhaltlichen Schwerpunktsetzungen innerhalb der Berliner Gesellschaft sind teilweise Fortführungen von in der DDR schon gründlich erforschten Themen und teilweise Forschungsfragen, die aus politischen und wissenschaftsgeschichtlichen Gründen in der DDR unterrepräsentiert waren. Abschließend zeiht Fonzi eine kritische Bilanz der Arbeiten der Gesellschaft und des Bulletins.

Using the example of the „Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung”, Fonzi examines the effects of the German reunification on the East German structures of the sciences and the emergence of a so-called second scientific culture in Germany. Many of the active scholars on fascism of the former GDR became members in the Berliner Gesellschaft. The author first describes the history and the main interests of the historians of the Berliner Gesellschaft, studying their publication “Bulletin für Faschismus- und Weltkriegsforschung”. In part, the Berliner Gesellschaft puts emphasis on research questions previously well explored in the GDR. It also poses research questions, which for political and historiographic reasons had been underrepresented in the GDR. In sum, Fonzi is critical of the work of the Gesellschaft and the Bulletin.

Karl Heinz Roth
Empirie und Theorie: Die Marxsche Arbeitswertlehre im Licht der Arbeitsgeschichte, Teil II

Im zweiten Teil seines Essays überprüft der Verfasser sein neues Modell der Formierung und Fragmentierung der Klasse der Arbeiterinnen und Arbeiter in der Auseinandersetzung mit den globalen Arbeitsverhältnissen der Gegenwart. Dabei versucht er, die wesentlichen Momente der in den 1970er Jahren begonnenen Umstrukturierung des kapitalistischen Weltsystems aus einer Perspektive von unten zu bündeln: Die globale Vertreibung vom Land, kontinentale und transkontinentale Migrationsprozesse, die Entstehung von Slum Cities und Schattenökonomien, intensivierte Ausbeutungsprozesse in einigen Schwellenländern, die transkontinentale Umschichtung der industriellen Arbeiterklasse und die Durchsetzung ungeschützter Arbeitsverhältnisse in den bisherigen Metropolen. Es handelt sich dabei um einen offenen Prozess, dessen Ausgang ungewiss ist, und in den wir als teilnehmende Beobachter und Mit-Akteure eingebunden sind.

In this second part of his essay, the author tests his new model of formation and fragmentation of the working class in their negotiation with the current global labor conditions. He attempts to bundle the essential moments of the restructuring of the capitalistic global system, which began in the 1970s, from a perspective from the ground up: universal expulsion from the land, continental and transcontinental migration processes, the emergence of slums and shadow economies, intensified exploitation processes in some threshold countries, the transcontinental shifting of the industrial working class with the implementation of unprotected labor conditions in the metropolises. This is an open process, whose outcome is unsure and in which we are complicit as active observers and actors.

Editorial
Abschied nach 22 Jahren
Liebe Leserin, lieber Leser,

mit dieser Ausgabe wird unsere Zeitschrift ihr Erscheinen als Printmedium einstellen. Die Sozial.Geschichte, Neue Folge der 1999, wird sich jedoch nicht vollständig aus der geschichtswissenschaftlichen Publizistik zurückziehen. Sie wird im kommenden Jahr unter veränderten strukturellen und redaktionellen Bedingungen als Netzzeitschrift Sozial.Geschichte Online einen neuen Anlauf versuchen. Aber eine Druckfassung wird es auf absehbare Zeit nicht mehr geben.

Diese Entscheidung markiert eine folgenreiche Zäsur am Ende des 22. Jahrgangs. Strukturelle oder konzeptionelle Veränderungen und damit einhergehende redaktionelle Umbesetzungen hat es in der Geschichte unserer Zeitschrift schon mehrfach gegeben, und nicht immer haben wir in den vergangenen zwei Jahrzehnten darüber berichtet. Aber diesmal ist die Entscheidung besonders gravierend und deshalb möchten wir sie Ihnen gegenüber begründen.

I.

Eine erste Ursache ist nahe liegend und sicher auch leicht nachvollziehbar: Gedruckte wissenschaftliche Zeitschriften haben es zunehmend schwer, sich gegen die aktuellen Trends der Kommunikationstechnologie zu behaupten. Die Zahl derjenigen, die die neuen Ausgaben zur Kenntnis nehmen und mehr oder weniger vollständig durcharbeiten, ist angesichts der raschen und leichten Verfügbarkeit des digitalisierten Wissens weltweit gesunken. Man ist nun „sein eigener Herr“ und kann sich zu jeder erdenklichen Thematik innerhalb kürzester Zeit in den Suchmaschinen des Internet informieren. Und wenn die jeweilige Zeitschrift dazu etwas beigetragen hat, dann wird das Ergebnis im Menü des digitalisierten Wissens auftauchen. Warum soll man angesichts dieser ernormen – durchaus positiven – neuen Möglichkeiten noch eine Buchhandlung aufsuchen, in eine Bibliothek gehen oder gar Abonnent sein?

Hier macht unsere Zeitschrift keine Ausnahme. Ihre Präsenz in den Buchhandlungen, Bibliotheken und Studierstuben ist in den vergangenen Jahren unaufhaltsam zurückgegangen. Alle Versuche, dagegen zu steuern, erwiesen sich als vergeblich: So etwa die zu Beginn des Jahrs 1998 getroffene – und 2003 wieder teilweise revidierte – Entscheidung, nur noch zweimalig pro Jahrgang zu erscheinen; aber auch die weit reichenden Reorganisationsmaßnahmen seit 2003, als wir versuchten, die Zeitschrift wieder stärker auf ein breiteres Leserpublikum zu fokussieren und zugleich effizienter in der geschichtswissenschaftlichen Szene zu verankern. Es hat wenig genutzt. Das Missverhältnis zwischen dem editorisch-redaktionellen Aufwand und den Abonnements- und Verkaufszahlen wurde für uns inakzeptabel. Für diese Einschätzung war übrigens das Jahr für Jahr aufzubringende Zeitvolumen entscheidend und nicht etwa – wie vielfach vermutet – die Finanzierungsfrage.

Es gibt aber auch Gründe, die tiefer liegen und durch den Umbruch zur universellen digitalen Verfügbarkeit des Wissens nur kaschiert werden. Sie sollen hier offen benannt werden. Unsere Zeitschrift hat das soziokulturelle Milieu verloren, für das sie 1986 gegründet und seither mehrfach reorganisiert worden war. Die Zahl der Leserinnen und Leser, die historische Analysen als unverzichtbare Orientierungshilfe für ihr praktisch-politisches Handeln nutzen, ist drastisch zurückgegangen. Im Milieu der neuen sozialen Bewegungen wird nicht mehr systematisch gelesen. Sie verfügen nicht mehr über die dafür erforderliche Zeit – oder nehmen sich nicht mehr – und damit teilen sie das Schicksal der übrigen Gesellschaft. Die ungeschützten Arbeitsverhältnisse haben ihnen neue Prioritäten aufgezwungen. Der alltägliche Überlebenskampf ist mit seinem Zeitdruck und seinen Zugzwängen übermächtig geworden. Die noch verbliebene disponible Zeit ist knapp und muss für die ständig zu aktualisierende Anpassung an die sozialen und ökonomischen Alltagserfordernisse reserviert bleiben. Die flüchtigen, schnell erreichbaren und maßgeschneiderten Informationscluster der digitalen Medien passen besser zu diesem Alltag. Eine der Komplexität der Gegenwart angemessene historisch-kritische Anstrengung, deren erste Phase bekanntlich die Lektüre darstellt, gerät außer Reichweite. Befreundete Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer berichten, dass sie inzwischen ihre wichtigste Aufgabe darin sehen, die Studierenden in ihren Seminaren wieder mit der Lektüre wissenschaftlicher Texte vom Umfang eines Zeitschriftenaufsatzes vertraut zu machen.

Aber nicht nur ihre Adressaten sind der Zeitschrift weitgehend verloren gegangen: Auch die nachwachsenden Produzentinnen und Produzenten des historischen Wissens sind diesen Zugzwängen unterworfen. Ihre berufliche Situation ist heute nicht einfach. Viele von ihnen geraten nach ihrer Ausbildung in prekäre Lebensumstände: Sie müssen in Arbeitsverhältnissen überwintern, die mit ihren erworbenen Qualifikationen nichts oder kaum etwas zu tun haben. Für sie ist die redaktionelle Mitarbeit in einer Zeitschrift ein Luxus, der hinter den mühsam – weil nebenher – betriebenen wissenschaftlichen Interessen zurückstehen muss. Denn nur so können sie sich den Weg in die akademische Sphäre offen halten. Der Arbeitsplatz an der Universität erscheint ihnen genau so wichtig wie den Wenigen, die von Anfang an den Sprung in die Vorhöfe der Hochschulkarriere geschafft haben. Er allein bietet heute die Chance zur Verbindung ihrer wissenschaftlichen Interessen mit einer sicheren Lebensperspektive – aber er ist so rar geworden wie nie zuvor in den vergangenen Jahrzehnten, und entsprechend unerbittlich ist der Konkurrenzkampf.

Wer möchte den nachwachsenden Historikerinnen und Historikern ihre Anpassung an eine als unvermeidlich wahrgenommene Zukunftsperspektive verübeln? Für eine kritisch engagierte Zeitschrift ergeben sich daraus jedoch Probleme. Sie wird nicht mehr als Experimentierfeld und als Transportmedium verstanden, das auch missliebige historische Erkenntnisse an engagierte Zeitgenossinnen und Zeitgenossen vermittelt und umgekehrt deren Fragestellungen für die eigene wissenschaftliche Praxis ernst nimmt. Wichtig ist ihnen eine historische Zeitschrift vor allem insoweit, als sie zur Beförderung der speziellen beruflichen Interessen beiträgt. Dadurch verlieren die Redaktionen zunehmend ihre Offenheit und den Habitus selbstbewusster Außenseiter. Die Bindungen an früher einmal getroffene konzeptionelle Vereinbarungen beginnen sich zu lockern. Die gemeinsam vereinbarte „Professionalisierung“ wird manchmal auch umgedeutet, um brisante Themen akademisch einzufrieden oder verschwinden zu lassen; sperrig erscheinende konzeptionelle Vorgaben werden dabei auch schon mal den neuesten Karriere fördernden Moden angepasst und die gesellschaftskritischen Ecken und Kanten der mühsam erarbeiteten methodischen Verfahren zum Verschwinden gebracht.

Aus allen diesen Gründen ist in unseren Augen der Generationswechsel, der auch für unsere Zeitschrift anstand, nicht geglückt. Die Verabredung, zur Erneuerung der Sozialgeschichte beizutragen, hat angesichts der gewandelten Existenzbedingungen ihre Faszinationskraft verloren: Die Verbindung zwischen wissenschaftlich ausgewiesener Stringenz und gesellschaftskritischem Engagement lässt sich nicht mehr aufrechterhalten. Die Stellung der Sozial.Geschichte und ihrer Herausgeberin am Rand des geschichtswissenschaftlichen Felds hat sich als nicht stark genug erwiesen, um der um ihre berufliche Zukunft ringenden nachwachsenden Generation ein Forum zu bieten, das ohne die Fallstricke des morbus academicus auskommt. Deshalb ist ihre Zeit vorüber, und es genügt unserer Meinung nach die Brückenfunktion eines digitalisierten Mediums, um das vielleicht in der Zukunft sich öffnende Zeitfenster eines möglichen Neubeginns nicht zu verpassen.

II.

Sicher ist es noch zu früh, Bilanz zu ziehen. Dennoch soll hier ein vorläufiges Resumé versucht werden – und zwar vor allem deshalb, weil auch die Erfolge zum Überflüssigwerden einer Zeitschrift beitragen können. Was hat das Projekt 1999 / Sozial.Geschichte also geleistet, und wo ist es hinter seinen Ansprüchen zurückgeblieben?

Unsere Zeitschrift hat in wichtigen Bereichen der historischen Forschung neue Diskussionen angestoßen und zu Paradigmenwechseln beigetragen. Das gilt insbesondere für die Auseinandersetzung mit dem deutschen Faschismus sowie in den Bereichen Unternehmens- und Wirtschaftsgeschichte, Bevölkerungspolitik, Gesundheitswesen und Wissenschaftsgeschichte. Erinnert sei nur an die Publikation der „Schieder- Denkschrift“, die die sich über die 1990er Jahre hinziehende Auseinandersetzung über die Rolle der Historiker in der NS-Zeit mit angestoßen hat.

Auch in anderen Themenfeldern gelang es uns, als muntere Außenseiterinnen und Außenseiter zu agieren, die ihrem kritisch engagierten Umfeld neue Einsichten vermittelten und die akademische Welt manches Mal zur Auseinandersetzung mit ihren häretischen Impulsen provozierten. Im Bereich der Historiographiegeschichte können wir auf eine lange Tradition und auf breit gefächerte Fragestellungen zurückblicken. Den Autorinnen und Autoren unserer migrationsgeschichtlichen Beiträge gelang immer wieder ein überzeugender Brückenschlag zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Im Bereich der Arbeitsgeschichte wurden die bisherigen euro-zentristischen Begrenztheiten überwunden und eine neue Debatte über die damit einher gehenden konzeptionellen Anforderungen in Gang gebracht. Auch die neue globale Sicht auf die Sozialrevolten der 1960er und 1970er Jahre konnte in den Ausgaben der letzten Jahrgänge präsentiert werden. Das sind nur einige Beispiele. Dass wir auch sonst versucht haben, die kontinentalen Grenzen aufzusprengen (Naher Osten, Geschichte Nordamerikas), Verbindungen zu benachbarten sozialwissenschaftlichen Disziplinen herzustellen (Soziologiegeschichte, Wissenschaftsgeschichte, Sozialpolitik und Gesundheitswesen), die historische Faschismusanalyse komparativ erweiterten, eine breite Diskussion über die Erneuerung der Sozialgeschichte eröffneten und immer wieder auch unterdrückte Nachrichten aus der Wissenschaftspolitik verbreiteten, sei hier nur ergänzend vermerkt. In einer vorläufigen Bilanz können wir festhalten, dass wir uns immer darum bemüht haben, den wissenschaftlichen Ansprüchen und Standards zu genügen, aber auch für ein breites, historisch-politisch interessiertes Publikum zu schreiben.

Andererseits müssen wir aber auch zugeben, dass das Projekt 1999 / Sozial.Geschichte in mancher Hinsicht an Bedeutung eingebüßt hat, und zwar vor allem dort, wo besonders produktive und innovative Impulse von uns ausgegangen waren. Im Verlauf der 1990er Jahre hat eine neue Generation von NS-Historikern unsere Initiativen vertieft und sich dafür eigenständige Foren geschaffen (so etwa die Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus). Das gleiche Phänomen wiederholte sich nach unserem konzeptionellen Neubeginn des Jahrs 2003: Die von uns damals geforderte transnationale, transkulturelle und transdisziplinäre Globalgeschichte ist heute weltweit verbreitet, und zwar neben uns auch in Deutschland. So mussten wir in den letzten Jahren nach der Lektüre mancher Ausgaben der aus der Leipziger Schule hervorgegangenen Zeitschrift comparativ den Ausspruch Johannes Brahms´ paraphrasieren: Leider nicht von uns ... Auch der Erfolg und ein konzeptionell überzeugender Ansatz können ein Projekt – zumindest teilweise – überflüssig machen.

Natürlich haben wir auch Fehler gemacht, die wir nun nicht mehr korrigieren können. So verführten uns der erfolgreiche Neustart des Jahrs 2003 und die konzeptionell überaus ergiebige Redaktionskonferenz vom Oktober 2004 dazu, den Anspruch auf eine neue integrierende Synthese der Geschichtswissenschaft allzu breit einlösen zu wollen. Zu wenig wurden die im Jahr 2003 gegründeten Themenredaktionen inhaltlich gebündelt, und zu viele neue kamen hinzu. Das führte zu Zerfaserungen und Überschneidungen, und die für den konzeptionellen Ansatz so entscheidenden Schnittstellen gerieten zunehmend aus den Augen. Die Beiträge, die zur synthetisierenden Verdichtung hätten genutzt werden können, blieben vereinzelt und stifteten keine Zusammenhänge. Aber sie werden ihren Weg machen, genau so wie die Themenschwerpunkte, in denen eine kontinuierliche Diskussion gelungen ist. Ergänzend ist aber auch anzumerken, dass einige wichtige Rubriken, auf die wir uns im Oktober 2004 verständigt hatten, uneingelöst blieben: So etwa der Schwerpunkt „Neu gelesen“, wo wir aus dem riesigen Fundus der vergessenen und doch so überaus bedeutsamen historischen Forschungsliteratur hatten schöpfen wollen.

III.

In der vorliegenden Ausgabe greifen wir Themen auf, die uns in der über zwanzigjährigen Geschichte unserer Zeitschrift immer wieder beschäftigt haben. Der erste Forschungsaufsatz wirft einen kritischen Blick auf die Geschichte einer Unternehmensgruppe, deren Haupterbe der Zeitschrift vor 22 Jahren den Namen gegeben und für die erste Ausgabe einen kritischen Kommentar über die damaligen Bemühungen um eine „Historisierung“ des Nationalsozialismus beigesteuert hatte. Ähnlich „geschichtsträchtig“ ist für uns aber auch der Bericht des italienischen Kollegen Paolo Fonzi über das bisherige Wirken der Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung, deren Gründung wir zu Beginn der 1990er Jahre unterstützt hatten, um bei der Etablierung eines Auffangbeckens für die marginalisierten DDR-HistorikerInnen behilflich zu sein; zusätzlich werden sich manche von uns an die redaktionsinternen Konflikte erinnern, die unsere Berichterstattung über die Demontage der DDR-Geschichtswissenschaft ausgelöst und die Weiterexistenz unserer Zeitschrift zeitweilig gefährdet hatten. Darüber hinaus setzen wir die Debatte über die methodischen Perspektiven einer erneuerten Sozialgeschichtsschreibung und einer globalisierten Arbeitsgeschichte fort, dokumentieren die Mitverantwortung der SPD-Führung an den gegenrevolutionären Massakern des Jahrs 1919, veröffentlichen einen Bericht über die Spaltung der linkssozialistischen Gruppe Socialisme ou Barbarie aus dem Jahr 1958 und widmen uns dem Problem von Fälschung und Wahrheit in der Geschichtsschreibung am Beispiel des Irving- Prozesses. Ergänzend dazu bilden historiographiegeschichtliche Themen einen Schwerpunkt bei den Buchbesprechungen.

Amsterdam – Bremen, 15. Oktober 2007
Karl Heinz Roth, Angelika Ebbinghaus, Marcel van der Linden

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