Berliner Debatte Initial 19 (2008), 1-2

Titel der Ausgabe 
Berliner Debatte Initial 19 (2008), 1-2
Weiterer Titel 
Antisemistismus

Erschienen
Berlin 2008: Selbstverlag
Erscheint 
6 Ausgaben jährlich
ISBN
978-3-936382-56-3
Anzahl Seiten
192
Preis
20

 

Kontakt

Institution
Berliner Debatte Initial. Sozial- und geisteswissenschaftliches Journal
Land
Deutschland
Ort
Berlin
c/o
Berliner Debatte Initial, PF 580254, 10412 Berlin, Tel.: (+49-331) 977 4540, Fax: (+49-331) 977 4696, E-Mail: redaktion@berlinerdebatte.de; Redaktion: Ulrich Busch, Erhard Crome, Wolf-Dietrich Junghanns, Thomas Möbius, Thomas Müller (verantwortlicher Redakteur), Johannes Peisker, Gregor Ritschel, Matthias Weinhold, Johanna Wischner.
Von
Müller, Thomas

Rechtsextremismus und Antisemitismus gehören zu den drängendsten Problemen unserer Zeit. Obgleich die logische und thematische Verbindung beider Phänomene nicht ohne Weiteres gegeben ist und beide auch durchaus einzeln und berechtigterweise eigenständig erforscht werden, war es unser Anliegen, die manchmal latenten, manchmal offenkundigen gegenseitigen Bedingtheiten beider faits sociaux zu beleuchten.

Hervorgegangen aus dem Panel „Rechtsextremismus und Antisemitismus – soziologische Perspektiven“ im Rahmen des 33. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie im Oktober 2006 in Kassel, sollen die hier versammelten Beiträge ein Licht auf beide Aspekte als die eines gesellschaftlichen Problemzusammenhangs werfen: Rechtsextremismus existiert nicht ohne Antisemitismus, er ist für jenen ebenso konstitutiv, wie Antisemitismus (zumindest in seiner aggressiven Form und nicht nur als Semantik) kaum ohne rechtsextreme Praktiken, Ansichten und Haltungen auskommt.

Vor diesem Hintergrund interessierten uns vor allem empirische Befunde, die diesen Zusammenhang thematisierten: sei es als psychologische Evidenz in der Einstellungsforschung, dass mit gesteigertem Patriotismus und Nationalismus erhöhte Fremdenfeindlichkeit und antisemitische Einstellungen einhergehen (Frindte), sei es anhand einer Analyse, wie fremdenfeindliche Begrifflichkeiten allmählich Einzug in die offizielle politische Semantik der Schweiz finden (Ettinger/Udris). Die Schweiz ist sicherlich eines der spannendsten Beispiele im gegenwärtigen Europa für die Umgestaltung des Politischen hin zu mehr Populismus und sozio-kultureller Selbstbezogenheit, die nicht vor kulturchauvinistischen und rechtsextremen Thematisierungen haltmacht. Tatsächlich sind die beiden Schweizer Beiträge unmittelbar in den aufgewühlten Zeiten der Wahlen in der Schweiz und der Abwahl des Bundesrats Blocher fertiggestellt worden. Welche Auswirkungen der Wandel der politischen Einstellungen hat, diese Frage wirft ein Beitrag auf, der die antisemitischen „Potenziale“ der Schweizer Bürger anhand einer repräsentativen Befragung 2007 untersucht (Aebersold/Longchamp).

Einen anderen methodischen Zugang zum Problem Antisemitismus, diesmal in qualitativer Hinsicht, aus Interviews gewonnen, entwickelt eine Arbeit zu den Konstruktionen „Wir“ und „die Juden“ als ein äußerer Teil einer imaginierten Mehrheitsgesellschaft (Scherr/Schäuble). In dem Text, der auf eine Studie der Autoren für die Amadeu Antonio Stiftung zurückgeht, wird deutlich, dass auch ein positiver Bezug, etwas „für die Juden“ zu tun, zu erinnern etc., auf denselben Ausgrenzungslogiken und der Konstruktion eines externen Dritten beruht, wie explizit rechtsextreme Einstellungen ebenso. Und zur Erkenntnis einer Konfrontation von Rechtspopulismus und -extremismus gehört bisweilen auch, dass Antisemitismus nicht ausschließlich mit „Rechtssein“ als politischer Leitideologie einhergehen muss, sondern ebenso eine strukturelle und funktionale Komponente innerhalb eines „antizionistischen“ linken Spektrums darstellen kann (Ullrich).

Der Schwerpunkt „Antisemitismus“ schließt an die 2005 in Berliner Debatte Initial begonnenen „Kontroversen um Rechtsextremismus“ (Heft 3) an und soll einen Überblick über derzeitige Forschungen zu Antisemitismus und Rechtsextremismus liefern, um die Leser zu weiterer Auseinandersetzung mit dem Thema anzuregen.

Inhaltsverzeichnis

Editorial (S. 2)

SCHWERPUNKT ANTISEMITISMUS

Albert Scherr/Barbara Schäuble: „Wir“ und „die Juden“ (S. 3-14)

Patrik Ettinger/Linards Udris: Die gesellschaftliche Problematisierung des Rechtsextremismus (S. 15-28)

Wolfgang Frindte/Dorit Wammetsberger: Antisemitismus, Israelkritik, Nationalismus – Empirische Befunde (S. 29-42)

Monia Aebersold/Claude Longchamp: Ist die Kritik an Israel deckungsgleich mit antisemitischen Haltungen? (S. 43-56)

Peter Ullrich: Neuer Antisemitismus von links? (S. 57-69)

FILMINTERPRETATIONEN

Boxen im Film, Filme über Kuba (S. 70-72)

Ellexis Boyle/Brad Millington/Patricia Vertinsky: Repräsentationen der Boxerin in „Million Dollar Baby“ (S. 73-88)

Kasia Boddy: Die Rückkehr des Rock: „Rocky Balboa“ 2006 (S. 89-97)

Jennifer Ruth Hosek: Buena Vista Deutschland. Nation, Rasse und Geschlecht in Filmen von Wenders, Gaulke und Eggert (S. 96-110)

*

Dick Howard: Die amerikanische Demokratie nach Bush (S. 111-119)

Anna Schor-Tschudnowskaja: Die „Unsrigen“ und die „Nicht-Unsrigen“. Ein russländisches Begriffspaar (S. 120-129)

Arne Heise: Karl Schillers „verspäteter“ Keynesianismus (S. 130-143)

Kristina Nolte: Aufmerksamkeits-Märkte (S. 144-154)

BESPRECHUNGEN UND REZENSIONEN

Peter Fischer: Kultursoziologie nach dem cultural turn (S. 155-160)

Nicolas Stockhammer: Die Zähmung des Minotaurus (S. 161-167)

Ulrich Busch: Ostdeutschland und das Erbe der DDR (S. 168-175)

Helmut Wiesenthal: Gesellschaftssteuerung. Rezensiert von Petra Stykow (S. 176-178)

Hampe, Schnepf u.a. (Hg.): Baruch de Spinoza: Ethik. Rezensiert von Cecilia Abdo Ferez (S. 179-186)

Silke van Dyk: Die Ordnung des Konsenses. Rezensiert von Britta Rehder (S. 187-189)

Michael Th. Greven: Politisches Denken in Deutschland nach 1945. Rezensiert von Jens Hacke (S. 190-192)

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