Berliner Debatte Initial 19 (2008), 4

Titel der Ausgabe 
Berliner Debatte Initial 19 (2008), 4
Weiterer Titel 
Endlose Depression

Erschienen
Berlin 2008: Selbstverlag
Erscheint 
6 Ausgaben jährlich
ISBN
978-3-936382-59-4
Anzahl Seiten
128
Preis
10

 

Kontakt

Institution
Berliner Debatte Initial. Sozial- und geisteswissenschaftliches Journal
Land
Deutschland
Ort
Berlin
c/o
Berliner Debatte Initial, PF 580254, 10412 Berlin, Tel.: (+49-331) 977 4540, Fax: (+49-331) 977 4696, E-Mail: redaktion@berlinerdebatte.de; Redaktion: Ulrich Busch, Erhard Crome, Wolf-Dietrich Junghanns, Thomas Möbius, Thomas Müller (verantwortlicher Redakteur), Johannes Peisker, Gregor Ritschel, Matthias Weinhold, Johanna Wischner.
Von
Thomas Müller

Das Jahr 2008 hat aus der Sicht der Schumpeter’schen Wirtschaftstheorie eine besondere Bedeutung, schreibt Ulrich Hedtke auf Seite 66 dieses Heftes, denn es markiert den Beginn eines neuen langen Zyklus wirtschaftlicher Entwicklung, den „Übergang vom 4. zum 5. Kondratieff“ nach Schumpeters Zählung. Ist damit etwa das Ende der „endlosen Depression“ in Sicht, welche die „immerwährende Prosperität“ der 1950er und 1960er Jahre so folgenschwer beendete? Können wir mit einer Erholung, gar mit einer neuen Prosperitätsphase rechnen? Mit einem neuen gewaltigen Innovations- und Wachstumsschub, der die Welt noch einmal ebenso stark verändern und verbessern wird, wie es die amerikanisch-europäische Revolution der industriellen Massenproduktion und der produktivitätsorientierten Lohn- und Sozialpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg taten? Werden die Löhne wieder steigen, das Sozialsystem repariert und umgebaut werden? Wird es gar eine globale Energiewende geben? Wird der Aufstieg Chinas und Indiens vielleicht doch nicht zu einem Kollaps wegen Umweltbelastungen führen? Gelingt es gar, Armut und Hunger, Unterentwicklung und Elend zu überwinden? Und wird es Ostdeutschland mit einem neuen Kondratieff schaffen, seine Produktions- und Einkommenslücke zu schließen und die Landeshaushalte zu sanieren? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Natürlich könnte und sollte uns der rechnerische Beginn eines neuen wirtschaftlichen Zeitalters anregen, alte Utopien wieder einmal zu besichtigen, die Bücher von Lem aus dem Regal zu nehmen und uns zu fragen, was aus den Utopien und Träumen der 1960er und den Hoffnungen der 1980er Jahre geworden ist, ob wir neue haben und ob wir die unserer Kinder und Enkel eigentlich noch kennen. Dies ganz unabhängig davon, auf welcher Seite wir beim wissenschaftlichen Streit um die Theorie langer Wellen stehen und ob er uns überhaupt interessiert.

Das Jahr 2008 ist nicht nur der rechnerische Beginn eines neuen Kondratieffzyklus, es wird auch als das Jahr einer der größten Banken- und Finanzkrisen in die Geschichte eingehen. In der schnellen Folge der Ereignisse ist kaum abzusehen, ob das, was heute aufgeschrieben wird, sich in vier Wochen, wenn das Heft ausgeliefert ist, genauso entwertet hat, wie das Eigenkapital der Hypo Real Estate am 29. September und 6. Oktober 2008. Seit Monaten hat die Immobilien- und Bankenkrise die Wirtschaftsaussichten im Würgegriff, seit einigen Tagen aber ist eine „neue Qualität“ festzustellen: Untergangsstimmung und Rettungsaktionismus. Die Regierungen überbieten sich in Milliardensummen, die sie zur Rettung des globalen Finanzsystems und Finanzkapitals bereitstellen wollen. Die Chancen für einen neuen Aufschwung, noch dazu einen langen, stehen so gesehen nicht gut.
Die Finanzkrise, die auf dem US-Immobilienmarkt ihren Ausgangspunkt hatte, erfasst inzwischen nicht nur US-Banken mit zweifelhaften Geschäftspraktiken und faulen Krediten in ihren Büchern, sondern auch Investmentbanken, Kreditbanken, Hypothekenbanken, Sparkassen, Versicherungsgesellschaften und andere Finanzintermediäre auf der ganzen Welt. Da der Finanzmarkt und der Bankensektor für das Funktionieren der Wirtschaft im gegenwärtigen Finanzmarktkapitalismus von essentieller Bedeutung sind, droht die Finanzkrise auf die Realwirtschaft überzugreifen und die Welt, und damit auch China, Indien, Europa und Russland, in eine tiefe Wirtschaftskrise zu stürzen. Damit wäre der Wirtschaftsboom der vergangenen Jahre definitiv zu Ende und es würde lange dauern, bis ein neuer Aufschwung greifen könnte. Schon heute zeichnet sich ab, dass nach der Krise nichts mehr so sein wird wie vorher: Der Staat erhält eine gegenüber den letzten Jahren erheblich gewachsene Bedeutung in der Wirtschaft, der „freie“ Markt wird stärker als bisher der internationalen Kontrolle unterworfen sein, Spekulationsgeschäfte werden eingeschränkt und kontrolliert werden.
Zudem bringt die gegenwärtige Finanzkrise einschneidende Veränderungen für das gesamte internationale Wirtschafts- und Finanzsystem mit sich. Einige reden bereits von einem Ende des ungehemmten Wirtschaftsliberalismus und einer Renaissance der keynesianischen Globalsteuerung. Die Zeiten der Deregulierungseuphorie jedenfalls sind zu Ende – nur können wir absolut nicht sicher sein, ob die Ideen zu einer Erneuerung der Regulation eher der nochmaligen „allerletzten“ Rettung des Alten dienen oder ob sie auf den Weg zu etwas Neuem, einem „sozialen Ökokapitalismus“, führen und den 5. Kondratieff nicht nur rechnerisch, sondern auch praktisch in die Welt bringen.

Inhaltsverzeichnis

INHALTSVERZEICHNIS

Rainer Land, Ulrich Busch: Ein neuer Kondratieff, eine Finanzkrise und die Zukunft unserer Träume (S. 2-6)

Gespräch mit Heiner Flassbeck. Ursachen der langen Depression in Deutschland (S. 7-14)

Arne Heise: Erlebt Deutschland ein neues Wirtschaftswunder? (S. 15-26)

Karl Georg Zinn: Der Konjunkturaufschwung 2006/07 (S. 27-37)

Karl Mai: Nulldefizit und Entschuldung der öffentlichen Haushalte (S. 38-49)

Peter Ruben: Vom Kondratieff-Zyklus und seinem Erklärungspotenzial (S. 50-65)

Ulrich Hedtke: Schumpeter und das Jahr 2008. Bemerkungen zur Erstveröffentlichung eines Briefes von Joseph A. Schumpeter an George Garvy (S. 66-78)

Johannes Schmidt: Finanzmärkte und Wachstum. Schumpeter als Ahnherr moderner Theorien der Finanzintermediation? (S. 79-89)

Roland Benedikter: Politik und Religion. Anmerkungen zur gegenwärtigen Bestimmung ihres Verhältnisses (S. 90-101)

Matthias Bernt: Die politische Tradition „Europäische Stadt“ und die Schrumpfung (S. 102-112)

Stefan Mann, Ines Heer: Wie sinnvoll ist die Förderung der Regionalvermarktung? (S. 113-124)

Ralf Konersmann (Hg.): Wörterbuch der philosophischen Metaphern. Rezensiert von Mariele Nientied (S. 125-126)

Birgit Dahlke: Jünglinge der Moderne. Jugendkult und Männlichkeit in der Literatur um 1900. Annotiert von Magnus Brechtken (S. 127)

Gegendarstellung von Richard Schröder zu Heft 1/2-2008, S. 171 (S. 128)

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