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Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie 54 (2006), 2

Titel der Ausgabe 
Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie 54 (2006), 2
Weiterer Titel 
Ernährung und Region

Herausgeber
Gesellschaft für Agrargeschichte und der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft
Erschienen
Frankfurt/M. 2006: DLG-Verlag
Erscheint 
2x jährlich
Anzahl Seiten
122 Seiten
Preis
40 €/ Einzelheft - Jahresabo: 78 €

 

Kontakt

Institution
Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie : ZAA
Land
Deutschland
c/o
Geschäftsführende Herausgeber: Johann Kirchinger (johann.kirchinger@theologie.uni-r.de); Gunter Mahlerwein (guntermahlerwein@aol.com). Versand: DLG-Verlag GmbH ZAA Redaktion Eschborner Landstr.122 60489 Frankfurt Tel.: 0 69/2 47 88-451 Fax: 0 69/2 47 88-480 dlg-verlag@dlg-frankfurt.de
Von
Michael Kindt

Editorial

Mit dem Redaktionsschluss Ende August 2006 erhielt der Themenschwerpunkt des vorliegenden Heftes eine unerwartete Aktualität. Ein „Gammelfleischskandal“ nicht abschätzbaren Ausmaßes, der eventuell „größte Lebensmittelskandal der vergangenen zehn Jahre“ (Westfälische Nachrichten vom 2. September 2006), bestimmt seit den letzten Augusttagen die Berichterstattung in Zeitungen, Funk und Fernsehen. Ins Visier der Ermittler gerieten auf einen anonymen Hinweis hin bayerische Großhändler, die zum Teil mehr als drei Jahre altes Fleisch an Gaststätten und Imbissstände in Deutschland und im europäischen Ausland geliefert hatten. Unmittelbar im Anschluss an die Aufdeckung dieses erneuten Fleischskandals verschärften sich auch die politischen Debatten um die Lebensmittelkontrollen in Deutschland.

Über derartige Skandale werden die Verbraucher nicht nur in Deutschland seit Jahren mit den Folgen einer zunehmend internationalen, ja globalen Nahrungsmittelindustrie konfrontiert, die sich regelmäßigen Kontrollen immer wieder erfolgreich zu entziehen vermag. So regelmäßig wie die Skandale und die daraus resultierende Verunsicherung der Konsumenten sind die Tipps für den sicheren Nahrungsmitteleinkauf auch in unsicheren Zeiten. Dabei bemühen sich die Ratgeber in der Regel auch um Schadensbegrenzung für den heimischen Nahrungsmittelhandel und die ansässigen Agrarproduzenten. So titelte der Bayerische Rundfunk in seiner Online-Ausgabe am 1.9.2006 in Reaktion auf den jüngsten Fleischskandal: „Tipps für den Fleischeinkauf! Supermarkt oder Metzgerei: Wo kaufe ich am sichersten? Fleisch aus dem Supermarkt ist nicht automatisch schlechter als das vom Metzger. Auch die Supermärkte legen Wert auf Qualität und viele bieten Bio-Fleisch bzw. Fleisch aus der Region an. Grundsätzlich gilt aber: Je größer und anonymer die Kette und je billiger das Fleisch, desto weniger sicher können Sie bei der Qualität sein.

Zwei Schlagworte, die in derartigen Kontexten immer wieder auftauchen, enthalten auch die Verbrauchertipps des Bayerischen Rundfunks: In Zeiten unsicherer Nahrungsmittelqualitäten und verunsicherter Verbraucher werden der Anonymität und Unüberschaubarkeit der großen, international agierenden Agrarproduzenten und Handelsketten zum einen die biologisch erzeugten Nahrungsmittel, zum zweiten die Produkte des unmittelbaren Umlandes gegenübergestellt. In Krisensituationen geraten die regionale Erzeugung und Vermarktung von Nahrungsmitteln zu Garanten von Überschaubarkeit und Kontrollierbarkeit, von Sicherheit und Qualität.

Die zunehmende Internationalisierung der Nahrungsmittelproduktion und des Nahrungsmittelhandels, aber auch die Nivellierung der Konsumgewohnheiten und Geschmackspräferenzen sind ein Phänomen der Moderne. Obwohl überregionaler Handel mit Nahrungsmitteln schon im Mittelalter nachweisbar ist, unterteilten regionale Unterschiede die Landkarte der Ernährungsgewohnheiten in Europa über Jahrhunderte in vorwiegend relativ kleinräumige Einheiten. Regionale Kostmuster prägten in Deutschland selbst in den Städten noch in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhundert die Ernährungsgewohnheiten breiter völkerungsschichten. Regionale Küchen werden –wenngleich oft künstlich historisiert und stereotypisiert –, seit Jahrzehnten erfolgreich touristisch vermarktet; regionale Kost gehört, mehr oder weniger authentisch, seit langem zum Angebot von Gaststätten und Restaurants nicht nur in ländlichen Zusammenhängen. Selbst das für seine Kochkünste nicht gerade gerühmte England entdeckt inzwischen seine heimische Küche neu. Vor diesem Hintergrund ist das Thema des vorliegenden Heftes der ZAA hochaktuell.

Für den Themenschwerpunkt „Ernährung und Region“ war eigentlich ein weiterer historischer Beitrag vorgesehen, der kurzfristig entfallen musste. Vor dem Hintergrund des neuerlichen Fleischskandals jedoch sind die soziologischen Analysen von Simone Helmle, Eva Barlösius und Axel Philipps erheblich anschlussfähiger. Sie thematisieren zum einen den Umgang von Verbrauchern, Medien und Politik mit der BSE-Krise 2000/01 (Barlösius/Philipps) sowie die Markt-, Handels- und Handlungsstrategien eines biologisch-ökologischen Gemeinschaftsprojektes in Bayern, in dem sich Produzenten und Konsumenten in einer Genossenschaft zusammentaten, um ihren Anspruch auf biologisch erzeugte und regional vermarktete Nahrungsmitteln in die Tat umzusetzen (Helmle).

Der Beitrag von Dagmar Langenhan hingegen verweist auf die „lange Dauer“ traditionaler, auch regional verankerter Ernährungsgewohnheiten in der Lausitz zu DDR-Zeiten sowie deren sukzessive Veränderung durch den Einzug einer flächendeckenden Gemeinschaftsverpflegung. Der Beitrag von Johannes Bracht liegt außerhalb des Themenschwerpunktes: Er untersucht die Frage nach der Finanzierung der Ablösungen im Kontext der ‚Bauernbefreiung’ am Beispiel einiger Gemeinden in Westfalen. Zu diesem zentralen agrarhistorischen Thema liegen bislang kaum grundlegende Detailstudien vor.

Inhaltsverzeichnis

Editorial S. 8-10

Simone Helmle: Jonglieren mit Begriffen: ökologisch, regional, saisonal S. 10-22

Eva Barlösius, Axel Philipps: „Eine Zeit lang haben wir kein Rindfleisch gegessen“ S. 23-36

Dagmar Langenhan: Fremde Tische – Ernährungspräferenzen und Essgewohnheiten in der Lausitz zwischen Wandel und Beharrung S. 36-54

Johannes Bracht: Reform auf Kredit: Grundlastenablösungen in Westfalen und ihre Finanzierung durch Rentenbank, Sparkasse und privaten Kredit (1830-1866) S. 55-76

FORUM

Frank Konersmann: Bericht über die Tagung „Bauern als Händler. Ökonomische Diversifizierung und soziale Differenzierung im Zuge der Marktintegration (15.–19. Jahrhundert)“ (Max-Planck- Institut für Geschichte in Göttingen, 23.-24.6.2006) S. 79-82

Gunther Hirschfelder, Ursula Hudson-Wiedenmann: Deutsche Akademie für Kulinaristik / German Academy for Culinary Studies. S. 83-84

Alois Seidl: Bericht über Vortragstagung und Mitgliederversammlung der Gesellschaft für Agrargeschichte (GfA) am 9. Juni 2006 S. 85

REZENSIONEN: S. 87-118

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Redaktion
Veröffentlicht am
15.12.2006
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Sprache Beitrag
Bestandsnachweise 0044-2194