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Mittelweg 36. Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung 29 (2020), 4–5

Titel der Ausgabe 
Mittelweg 36. Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung 29 (2020), 4–5
Weiterer Titel 
Von einsamen Wölfen und ihren Rudeln. Zum sozialen Phänomen des Einzeltäters

Herausgeber
Hamburger Institut für Sozialforschung; Redaktion: Martin Bauer (geschäftsführend und v. i. S. d. P.), Stephanie Kappacher, Wibke Liebhart, Karsten Malowitz, Hannah Schmidt-Ott, Jakob Borchers (Volontär) Samir Sellami (Volontär); Marketing und Vertrieb: Anja Irmschläger
Erschienen
Erscheint 
zweimonatlich
ISBN
978-3-86854-757-3
Anzahl Seiten
168 S.
Preis
€ 22,00

 

Kontakt

Institution
Mittelweg 36. Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung
Land
Deutschland
c/o
Redaktion Zeitschrift »Mittelweg 36« des Hamburger Instituts für Sozialforschung Mittelweg 36 20148 Hamburg Tel.: 040/414 097 84 Fax.: 040/414 097 11 E-Mail: <zeitschrift@mittelweg36.de>
Von
Irmschläger, Anja

Utøya, Christchurch, El Paso – das sind nur einige der Orte, die in den letzten Jahren als Schauplätze terroristischer Anschläge weltweit zu trauriger Berühmtheit gelangt sind. In Deutschland waren es die Gewalttaten von München, Köln, Halle und Hanau, die das Land schockiert und sich ins kollektive Gedächtnis eingeprägt haben. In der öffentlichen Berichterstattung wie auch in der wissenschaftlichen Forschung hat sich für diese und zahlreiche ähnliche Fälle, in denen die Gewalt von einer einzelnen Person verübt wurde, der Begriff des „Einzeltäters“ etabliert. Inzwischen aber mehren sich die Zweifel an der Angemessenheit der Bezeichnung, denn selten lebten die Täter vor der Tat zurückgezogen oder isoliert. Meistens waren sie eingebettet in soziale Kontexte wie reale oder virtuelle Netzwerke und Kommunikationsgemeinschaften, in denen sie sich mit anderen austauschten und nach Aufmerksamkeit und Anerkennung strebten. Grund genug also, Einzeltäterschaft als soziales Phänomen zu begreifen und zusammen mit den Gewalttätern auch die vielfältigen Beziehungen und die Bedingungen in den Blick zu nehmen, aus denen sie hervorgehen. Daher handelt die neue Ausgabe „Von einsamen Wölfen und ihren Rudeln“.

„Sie sind nicht allein“ – ausgehend von diesem Befund führen Stefan Malthaner und Thomas Hoebel in das Thema ein und geben einen gewaltsoziologisch informierten Überblick über „Stand und Perspektiven der Einzeltäterforschung“. Anschließend schaut Fabian Lemmes zurück in die Geschichte und erörtert, inwieweit auch die von den militanten Anarchisten des 19. Jahrhunderts verfolgte Strategie einer „Propaganda der Tat“ nicht das Werk einzelner Attentäter, sondern einer ganzen Bewegung war. Der Angriff auf die Synagoge in „Halle (Saale) am 9. Oktober 2019“ ist der Gegenstand des Beitrags von Chris Schattka. In seinem minutiös recherchierten „Protokoll eines Anschlags“ rekonstruiert er den Tathergang und zeigt, wie die mediale Selbstinszenierung des Täters die Dynamik des Gewaltgeschehens beeinflusste. Wie rechtsextreme Gruppen die sozialen Medien für ihre Zwecke nutzen und ein von Hass und Verachtung geprägtes Klima erzeugen, das Radikalisierungsprozesse und Gewalthandeln begünstigt, thematisiert Mattias Wahlström in „Chatten, hetzen, töten“. Nach ihm begibt sich Kathleen M. Blee „Unter Wölfinnen“ und beleuchtet die von der Forschung lange Zeit eher randständig behandelte Rolle von Frauen in gewaltbereiten rechtsextremistischen Gruppierungen. Dem Milieu der sogenannten School Shooter und ihrer ganz eigenen virtuellen Subkultur widmet sich Leena Malkki, die der Frage nachgeht: „Amok, privat oder politisch?“ Anhand ausgewählter Fälle äußert sie Zweifel an der vorherrschenden Einstufung der zumeist von Einzelpersonen verübten Schulmassaker als apolitischer Taten und plädiert für ein erweitertes Verständnis politischer Gewalt. Um „Einzeltäterschaft, relational betrachtet“, geht es in dem Beitrag von Stefan Malthaner, der für einen Perspektivwechsel in der sozialwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Phänomen wirbt. Statt nach den psychischen Dispositionen der Täter zu fragen, so Malthaner, sollten wir ihre sozialen Kontexte in den Blick nehmen und Einzeltäterschaft als eine spezifische Konstellation von Beziehungen zu radikalen Milieus und Bewegungen deuten. Zum Schluss lotet Thomas Hoebel die unausgeschöpften Potenziale für eine stärkere Soziologisierung der Einzeltäterforschung aus und entwirft unter Rekurs auf unterschiedliche theoretische Konzepte „Eine forschungsprogrammatische Skizze“, die danach fragt, was „Alleinhandeln“ eigentlich heißt.

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

Stefan Malthaner und Thomas Hoebel
Sie sind nicht allein. Stand und Herausforderungen der Einzeltäterforschung (S. 3)

Fabian Lemmes
Propaganda der Tat. Zur Geschichte einer besonderen Gewaltpraxis (S. 23)

Chris Schattka
Halle (Saale), 9. Oktober 2019. Protokoll eines Anschlags (S. 45)

Mattias Wahlström
Chatten, hetzen, töten. Radikalisierung als Lernprozess (S. 63)

Kathleen M. Blee
Unter Wölfinnen. Frauen, Rechtsextremismus, White Supremacy (S. 81)

Leena Malkki
Amok, private oder politische Gewalt? School Shootings und die Grenzen der Einzeltäterthese (S. 95)

Stefan Malthaner
Einzeltäterschaft, relational betrachtet. Radikalisierungsszenarien (S. 119)

Thomas Hoebel
Alleinhandeln. Eine forschungsprogrammatische Skizze (S. 145)

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