Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 63 (2012), 11–12

Titel der Ausgabe 
Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 63 (2012), 11–12
Weiterer Titel 
Historische Ausstellungen – neue Herausforderungen

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monatlich

 

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Institution
Geschichte in Wissenschaft und Unterricht
Land
Deutschland
c/o
Prof. Dr. Michael Sauer Universität Göttingen Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte Didaktik der Geschichte Waldweg 26 37073 Göttingen Tel. 0551/39-13388 Fax 0551/39-13385
Von
Sauer, Michael

Editorial von Michael Sauer

Geschichte hat Konjunktur in der Öffentlichkeit. Davon profitieren auch die Geschichtsmuseen. In den letzten Jahrzehnten sind manche neu gegründet worden, vielerorts steigen die Besucherzahlen, einzelne Häuser und Ausstellungen finden starke mediale Aufmerksamkeit. Mit dieser Entwicklung sind freilich auch neue konzeptionelle Herausforderungen verbunden. Dass es nicht damit getan sein kann, Objekte zu präsentieren, die vermeintlich ihre eigene Geschichte erzählen, versteht sich mittlerweile von selbst. Ebenso klar ist allerdings, dass Objekte das „Alleinstellungsmerkmal“ von Museen bilden. Welche Geschichten soll aber eine Ausstellung mit welchen Objekten erzählen? Welchen Forschungsperspektiven fühlt man sich dabei verpflichtet? Wie lassen sich Objekte präsentieren, wie kontextualisieren, ohne dass sie von Erläuterungen und Inszenierungen überwuchert werden? Und wie kann es in einer Zeit zunehmender Medialisierung und „Eventisierung“ gelingen, Besucher zu fesseln, ohne auf inhaltliche Solidität zu verzichten? Zumal es Museen mit einem äußerst heterogenen Publikum zu tun haben, dessen Bandbreite von Schülerinnen und Schülern bis zu historischen Experten reicht.

Alle diese konzeptionellen Fragen werden in den Beiträgen des vorliegenden Heftes angerissen. Sie befassen sich mit Themen, die eine besondere Herausforderung für museale Präsentationen darstellen. Während sich die militärhistorische Forschung in Deutschland schon seit längerem an alltags- und kulturgeschichtlichen Konzepten orientiert, waren die wenigen kriegs- und militärgeschichtlichen Museen hierzulande zumeist noch konventionellen Ansätzen verpflichtet. Die völlige Neugestaltung des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden bot daher die Chance einer grundsätzlichen (auch architektonischen) Neukonzipierung – gezeigt werden soll nun, das führt Hans-Ulrich Thamer aus, eine Kulturgeschichte der Gewalt, in die freilich klassische Aspekte wie die Entwicklung der Waffentechnik eingebunden bleiben. Das schon ältere, 1993 eröffnete „Historial de la Grande Guerre“ in Péronne hatte es mit ähnlichen konzeptionellen Fragen zu tun. Vor allem aber ging es dort darum, so Gerd Krumeich in seinem Beitrag, die höchst unterschiedlichen Kriegsnarrative der involvierten Nationen – Frankreich, England, Deutschland – konsequent multiperspektivisch zur Geltung kommen zu lassen: keine Sichtweise sollte dominieren, aber es sollte auch nicht zu einem verharmlosenden Ausgleich zwischen ihnen kommen. Die Geschichte der Juden in Deutschland wird zumeist im Zeichen des Holocaust betrachtet. Dabei ist die Forderung nicht neu, das Leben der jüdischen Bevölkerung dürfe nicht nur als Opfergeschichte erzählt werden; es gehe vielmehr darum, diese Menschen auch als historische Subjekte und Akteure in einer wechselvollen Eigen- und Beziehungsgeschichte zu zeigen. Wie sich dies museal realisieren lässt, davon handelt der Beitrag von Ulrike Schrader, der allgemeine konzeptionelle Reflexionen und konkrete Umsetzungen am Beispiel der „Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal“ verknüpft.

Mit dem Konzept eines noch nicht existierenden Museum schließlich befasst sich der Aufsatz von Marcel Siepmann. Die Vorüberlegungen zu einem „Haus der Europäischen Geschichte“ zeigen, welche grundsätzlichen Fragen der Deutung und Konstruktion aufgeworfen werden, will man tatsächlich eine Geschichte Europas und nicht eine additive Geschichte von Nationalstaaten zeigen. Dennoch bleibe man bislang, so der Autor, zu sehr einem rein innereuropäischen Blick verhaftet.

Aktuelle Entwicklungen in der Museumspädagogik stellt zum Abschluss des Thementeils Thorsten Heese dar. Das moderne Geschichtsmuseum, so sein Plädoyer, müsse sich verstärkt als Geschichtsforum verstehen, in dem Menschen in vielfältiger Weise und mit unterschiedlichen Materialien Geschichte – auch ihre eigene – verhandeln.

Inhaltsverzeichnis

INHALT DER GWU 11–12/2012

ABSTRACTS (S. 642)

EDITORIAL (S. 644)

BEITRÄGE

Gerd Krumeich
Ein Kriegsmuseum für den Frieden. Das Historial de la Grande Guerre in Péronne (Somme) (S. 645)

Hans-Ulrich Thamer
Die Kulturgeschichte der Gewalt im Museum. Ein Konzept und seine Realisierung im Militärhistorischen Museum in Dresden (S. 658)

Ulrike Schrader
Zerstörung, Sammlung, Identität. Konzeptionelle Herausforderungen in jüdischen Museen (S. 669)

Marcel Siepmann
Ein Haus der Europäischen Geschichte wird eingerichtet (S. 690)

Thorsten Heese
Gestern Besucher – morgen lebenslanger 'User'. Jüngere Trends in der Museumspädagogik (S. 705)

Hans Mommsen
Der Kampf gegen die Heraufkunft des Antichrist. Die "Weiße Rose" im Widerstand gegen Hitler (S. 720)

INFORMATIONEN NEUE MEDIEN

Alessandra Sorbello Staub
Virtuelle Museen und Museen 'virtuell' (S. 727)

LITERATURBERICHT

Raimund Schulz/Uwe Walter
Altertum, Teil III (S. 730)

NACHRICHTEN (S. 759)

AUTORINNEN UND AUTOREN (S. 763)

REGISTER DES JAHRGANGS 63, 2012 (S. 765)

ABSTRACTS DER GWU 11–12/2012

Gerd Krumeich
Ein Kriegsmuseum für den Frieden. Das Historial de la Grande Guerre in Péronne (Somme)
GWU 63, 2012, H. 11/12, S. 645 – 657

Der Aufsatz behandelt das Historial de la Grande Guerre in Péronne (Somme). Er ist geschrieben aus der (kritischen) Sicht eines Historikers, der von Anfang an die Entwicklung des Museums begleitet hat. Das Historial ist ein „stilles“ Museum, in dem weniger die Schlachten als die Entwicklung der „Kriegskultur“ des Ersten Weltkriegs auf soldatischer und ziviler Ebene dokumentiert wird. Das Museum ist entstanden und besteht fort in der ständigen Interaktion von einer internationalen Gruppe von Weltkrieg I-Historikern und Museologen.

Hans-Ulrich Thamer
Die Kulturgeschichte der Gewalt im Museum. Ein Konzept und seine Realisierung im Militärhistorischen Museum in Dresden
GWU 63, 2012, H. 11/12, S. 658 – 668

Der Beitrag beschreibt die Zielsetzungen des neuen Konzepts für das Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden und seine Umsetzung. Anstelle der herkömmlichen Kriegs- und Technikgeschichte soll eine Kulturgeschichte der Gewalt im Vordergrund stehen. Zwar spielen klassische Themen nach wie vor eine Rolle, sie werden aber kontrastiert mit Aspekten der Sozial-, Alltags- und Geschlechtergeschichte. Diese sollen die Perspektive der von gewalthaften Auseinandersetzungen Betroffenen – Soldaten wie Zivilisten – ins Spiel bringen und die anthropologische Dimension der Gewalt in Krieg und Frieden thematisieren. Realisiert wird dieser Ansatz in Themenbereichen wie „Die Formation der Körper“, „Leiden am Krieg“ oder „Schutz und Zerstörung“. Zur Umsetzung des Konzepts trägt auch der architektonische Entwurf von Daniel Libeskind bei. Der in den alten, neobarocken Museumsbau hineinragende Keil erweitert die Ausstellungsfläche, symbolisiert vor allem aber auch das Ausstellungsthema „Gewalt“ und steht zugleich für die Brüche und Dissonanzen der deutschen Militärgeschichte.

Ulrike Schrader
Zerstörung, Sammlung, Identität. Konzeptionelle Herausforderungen in jüdischen Museen
GWU 63, 2012, H. 11/12, S. 669 – 689

Das jüdische Museum als eigener Museumstyp hat durch die nationalsozialistische Judenverfolgung einen gravierenden Bedeutungswandel erfahren und ist heute an der Schnittstelle zwischen historischem Museum und Gedenkstätte zu finden. Damit steht es vor besonderen konzeptionellen Herausforderungen. Wie kann jüdische Geschichte vermittelt werden, ohne sie ausschließlich durch den Fokus des Holocaust zu betrachten? Wie kann das jüdische Museum freiwilliges Interesse erzeugen und einen unverkrampfteren Umgang mit „diesem schwierigen Thema“ ermöglichen? Anhand eines konkreten Beispiels (Wuppertal) werden Antworten auf diese und andere Fragen gegeben.

Marcel Siepmann
Ein Haus der Europäischen Geschichte wird eingerichtet
GWU 63, 2012, H. 11/12, S. 690 – 704

Das „Haus der Europäischen Geschichte“ ist als geschichtspolitisches Großvorhaben durch das Präsidium des Europäischen Parlamentes für 2014 geplant und wirft viele Fragen nach dem Geschichtsbild auf, welches dort in Zukunft über die Geschichte Europas vermittelt werden soll. Dieser Beitrag setzt sich mit den im Jahre 2008 veröffentlichten konzeptionellen Grundlagen des Sachverständigenausschusses dieses Museums auseinander. Der Autor beleuchtet kritisch einige zentrale Punkte dieses Entwurfs, um daraufhin u.a. den Vorschlag einer Öffnung der im Konzept vorherrschenden zeitlichen Fokussierung auf die Jahre nach 1945 zu machen.

Thorsten Heese
Gestern Besucher – morgen lebenslanger 'User'. Jüngere Trends in der Museumspädagogik
GWU 63, 2012, H. 11/12, S. 705 – 719

Das Museum befindet sich im Umbruch. Die technisch verjüngte „Schatzsuche nach Geschichte“ mit Museumsapps oder Geocaching muss noch beweisen, inwieweit sie mit der Authentizität des Originals kompatibel ist. Mit Sicherheit unterstützt das „museum 2.0“ den Trend zur konkreten Beteiligung an der Museumsarbeit. Das „Partizipative Museum“ erweitert die Institution zu einem modernen Gesellschaftslabor. Aus dem konsumierenden Museumskunden wird der teilhabende Museumsnutzer. Hier liegen neue Chancen für die Museumspädagogik. „Schüler führen Schüler“-Konzepte bereiten junge Menschen für ein „Lebenslanges Lernen“ im „Forum Museum“ vor.

Hans Mommsen
Der Kampf gegen die Heraufkunft des Antichrist. Die „Weiße Rose“ im Widerstand gegen Hitler
GWU 63, 2012, H. 11/12, S. 720 – 726

Die „Weiße Rose“ nimmt eine Sonderstellung in der deutschen Widerstandsbewegung gegen Hitler ein. Die Münchner Medizinstudenten standen unter dem Eindruck der Verbrechen der nationalsozialistischen Besatzungspolitik an der Ostfront. Der entscheidende Impuls, den Schritt von der inneren Opposition zum aktiven Widerstand zu gehen, entsprang jedoch der Vision vom NS-Regime als Vorläufer der Widerkehr des „Antichrist“. Dessen Zusammenbruch leitete aus ihrer Sicht eine grundlegende Epochenwende ein, an deren Ende die Errichtung der „wahren Herrschaft“ der christlichen Kirche stand. Die „Weiße Rose“ verstand sich als Vorbote einer säkularen Umwälzung. Nicht die Schaffung eines konspirativen Netzwerks, sondern die Herbeiführung einer umfassenden Gesinnungsrevolution stand ihr vor Augen. Mit dem Ziel eines breiten Volkswiderstandes stimmte sie mit anderen Widerstandsgruppen, so der „Roten Kapelle“ oder dem an sie anschließenden Hamburger Widerstand überein, unterschied sich jedoch durch die christlichmessianische Endzeiterwartung.

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