Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 72 (2021), 9/10

Titel der Ausgabe 
Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 72 (2021), 9/10
Weiterer Titel 
Koloniales Erbe(n)

Erschienen

 

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Institution
Geschichte in Wissenschaft und Unterricht
Land
Deutschland
c/o
Prof. Dr. Michael Sauer Universität Göttingen Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte Didaktik der Geschichte Waldweg 26 37073 Göttingen Tel. 0551/39-13388 Fax 0551/39-13385
Von
Michael Sauer, Didaktik der Geschichte, Georg-August-Universität Göttingen

Wer heute von „kolonialem Erbe“ spricht, spricht zumeist von „Dingen“: von Booten und Bronzen, von Gegenständen vergangenen und gegenwärtigen täglichen Lebens, nicht zuletzt von Human Remains. Das vorliegende Heft setzt einen anderen Akzent: Es versteht „koloniales Erbe“ vor allem als „koloniales Erben“ – und damit als kulturellen Prozess und soziale Praxis. Es geht in anderen Worten davon aus, dass durch das Tradieren dieses Erbes die Ordnungsstrukturen einer Gesellschaft dauerhaft reproduziert werden: vor allem erinnerungs- und medienpolitisch. Das Heft versteht sich vor diesem Hintergrund auch als Beitrag zur Freilegung kolonialer Wahrnehmungs-, Deutungs- und Denkmuster bis in die Gegenwart, wobei es auf Deutschland beschränkt bleibt. Am Anfang steht ein einführender Beitrag von Bernd-Stefan Grewe, der vor Augen führt, wie das koloniale Erbe(n) auch die deutsche Gesellschaft nachhaltig prägte und prägt, wenn auch in vielen Fällen subkutan. Im Anschluss fragt Carsten Gräbel am Beispiel von Karrieren an der Universität Tübingen, wie es Wissenschaftlern, etwa Medizinern, gelang, ihre Kolonialerfahrungen in kulturelles Kapital umzuwandeln. Universitätsgeschichte wird auf diese Weise zur Wissenschaftsgeschichte in und aus der Ferne. Johannes Großmann knüpft daran an, indem er den Lebensweg des Tübinger Paläontologen Edwin Hennig rekonstruiert, der einer der Leiter der Tendaguru-Expedition in „Deutsch-Ostafrika“ war – und nach dem Ersten Weltkrieg zu einem lautstarken Kolonialrevisionisten und Nationalsozialisten wurde. Hennig blieb bis zu seinem Tod 1977 einem rassistischen Weltbild verpflichtet. Die folgenden beiden Beiträge widmen sich zwei „Quellen“ kolonialer Wissensproduktion, die oft übersehen worden sind: Fotografien und Tonaufzeichnungen. Christoph Rippe fragt nach einer medial – und praxeologisch – angemessenen Methodologie kolonialer Fotografie und plädiert zugleich für eine fotografische Provenienzforschung, die nicht nur die komplexen Kontexte kolonialer Fotografie berücksichtigt, sondern auch die „soziale Biografie“ von Fotos einbezieht: bis hin zur Nutzung. Ganz ähnlich argumentiert auch Mèhèza Kalibani, der historische Aufnahmen aus dem Berliner Phonogramm-Archiv untersucht. Kalibani fordert eine Anerkennung der „geraubten Stimmen“ und der Technologie, die diese Stimmen „hörbar“ macht, als „geteiltes Erbe“. Die Tonarchive, so Kalibani, bedürfen einer Dekolonisierung.

Die mikrohistorische Analyse der Geschichte einer verhinderten und einer gelungenen Restitution von Objekten steht im Mittelpunkt der abschließenden Beiträge. In beiden Fällen handelt es sich um Objekte des Stuttgarter Linden-Museums, eines der großen ethnologischen Museen in Deutschland. Anna Valeska Strugalla kann zeigen, wie der Direktor des Linden-Museums in den 1970er und 1980er Jahren tansanische Bitten um die Rückgabe des sogenannten „Karagwe-Schatzes“ ins Leere laufen ließ. Der Fall führt geradezu paradigmatisch vor Augen, wie groß die kulturpolitischen Freiräume eines einzelnen Museumsdirektors sein konnten, und erlaubt damit zugleich Einblicke in die manipulativen Möglichkeiten fachlichen, administrativen und politischen Zusammenspiels in Restitutionsfragen. Einen anderen Ausgang nahm der Fall, den Bernd-Stefan Grewe in den Blick nimmt: die Rückgabe von Bibel und Peitsche des Namaführers Hendrik Witbooi in Gibeon in Namibia am 28. Februar 2019. Beide Objekte waren dem Linden-Museum 1902 geschenkt worden. Grewe skizziert die Geschichte der beiden Objekte und ihres einstigen Besitzers – und lässt dabei zugleich die Probleme (durchaus gegenläufiger) namibisch-deutscher Erinnerungspolitiken sichtbar werden. Restitution, so das Fazit, kann auch dann politische, juristische und kulturelle Fragen aufwerfen, wenn alle Beteiligten eine Restitution grundsätzlich und nachdrücklich befürworten.

Inhaltsverzeichnis

ABSTRACTS (S. 490)

EDITORIAL (S. 492)

BEITRÄGE

Bernd-Stefan Grewe
Koloniales Erben. Zur Einführung (S. 493)

Carsten Gräbel
Kolonialerfahrung als kulturelles Kapital. Gelehrtenbiographien und Profilierungsstrategien an der Universität Tübingen
(S. 501)

Johannes Großmann
Vom Saurierjäger zum Menschenfänger. Der Tübinger Paläontologe Edwin Hennig zwischen Kolonialismus und Nationalsozialismus
(S. 513)

Christoph Rippe
Schizophrene Provenienz. „Koloniale“ Fotografie als Bild, Objekt und Praxis (S. 526)

Mèhèza Kalibani
Kolonialer Tinnitus. Das belastende Geräusch des Kolonialismus
(S. 540)

Anna Valeska Strugalla
Falsche Zurückhaltung. Tansanische Rückgabeforderungen und deutsche Museen in den 1970er und 1980er Jahren
(S. 554)

Bernd-Stefan Grewe
Restitution aus der Nähe betrachtet. Die Rückgabe der Witbooi-Bibel und -Peitsche
(S. 566)

Rudolf Jaworski
„In tiefster Trauer!“– Politisch-satirische Todesanzeigen im Postkartenformat
Deutschsprachige Beispiele aus dem Ersten Weltkrieg und der Zwischenkriegszeit
(S. 578)

INFORMATIONEN NEUE MEDIEN

Aïsha Othman
Das Netzwerk Koloniale Kontexte
(S. 589)

LITERATURBERICHT

Martin Aust
Osteuropäische Geschichte. Ostmitteleuropa, Belarus, Ukraine,Russland, Sowjetunion, Teil II
(S. 592)

NACHRICHTEN (S. 605)

AUTORINNEN UND AUTOREN (S. 608)

ABSTRACTS

Bernd-Stefan Grewe
Koloniales Erben. Zur Einführung
GWU 72, 2021, H. 9/10, S. 493 – 500

Auch die Hinterlassenschaften der Kolonialherrschaft gehören zu unserem kulturellen Erbe. Begreift man kulturelles Erben als eine soziale Praxis, wobei sich jede neue Generation zu den Relikten verhalten muss, dann wird deutlich, weshalb es in den aktuellen Debatten nicht nur um die Rückgabe einzelner Artefakte aus Museumssammlungen gehen kann, sondern insbesondere das koloniale Gedankengut aufzuarbeiten ist. Universitäten waren hierbei zentral: Wissenschaftler trugen Wissen zusammen, ordneten es nach europäischen Kategorien neu und verliehen Überlegenheitsvorstellungen akademische Autorität.

Carsten Gräbel
Kolonialerfahrungen als kulturelles Kapital. Gelehrtenbiografien und Profilierungsstratagien
der Universität Tübingen
GWU 72, 2021, H. 9/10, S. 501 – 512

Erfahrungen in der tropenklinischen Patientenversorgung, Kolonialexpeditionen und Tätigkeiten im Kolonialdienst waren bis in die Nachkriegszeit für eine Wissenschaftskarriere an der Universität Tübingen äußerst vorteilhaft. Wie gelang es Missionsmedizinern, Geografen und Auslandskundlern, ihre Kolonial- und Überseeerfahrung in kulturelles Kapitel umzumünzen Diese Perspektive führt zu einer Universitätsgeschichte, die Wissenspraktiken fernab der städtischen Hochschulstandorte ins Visier nimmt.

Johannes Großmann
Vom Saurierjäger zum Menschenfänger. Der Tübinger Paläontologe Edwin Hennig zwischen Kolonialismus und Nationalsozialismus
GWU 72, 2021, H. 9/10, S. 513 – 525

Der Werdegang des Tübinger Paläontologen Edwin Hennig (1882 –1977) steht beispielhaft für die engen Bezüge zwischen Kolonial(revision)ismus und Nationalsozialismus in der deutschen Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte. Vor dem Ersten Weltkrieg war Hennig einer der wissenschaftlichen Leiter der Tendaguru-Expedition in Deutsch-Ostafrika. Nach seiner Berufung an die Universität Tübingen 1917 betätigte er sich nicht nur als eifriger Popularisierer der paläontologischen Wissenschaften, sondern auch als lautstarker Anwalt für eine Rückgabe der deutschen Kolonien. Sein organisch-rassistisches Weltbild ließ ihn schließlich zu einem überzeugten Anhänger des Nationalsozialismus werden.

Christoph Rippe
Schizophrene Provenienz. „Koloniale“ Fotografie als Bild, Objekt und Praxis
GWU 72, 2021, H. 9/10, S. 526 – 539

Historische Fotografien aus kolonialen Kontexten bilden einen wichtigen Bestandteil der Sammlungen ethnologischer Museen weltweit. Allerdings werden sie in der momentanen Debatte zur Verlagerung von Objekten aus kolonialen Kontexten kaum berücksichtigt. Der Beitrag plädiert für eine medienübergreifende Betrachtung von Sammlungen, indem er die historische und gegenwärtige Relevanz von Fotografien aufzeigt. Genauso wie bei anderen Objektkategorien müssen wir uns Fotografien durch Provenienzforschung annähern, dabei jedoch deren gespaltene Natur als gleichzeitig Bild und Objekt berücksichtigen.

Mèhèza Kalibani
Kolonialer Tinnitus. Das belastende Geräusch des Kolonialismus
GWU 72, 2021, H. 9/10, S. 540 – 553

Dieser Beitrag untersucht historische Aufnahmen aus dem Berliner Phonogramm-Archiv als Teil des Kulturerbes aus den kolonialen Kontexten. Im Beitrag werden die Geschichte des Archivs und seine Beziehung zur deutschen Vergleichenden Musikwissenschaft sowie zum deutschen Kolonialismus analysiert. Darüber hinaus werden Überlegungen zur Materialität und Immaterialität des akustischen Objekts aufgestellt.

Anna Valeska Strugalla
Falsche Zurückhaltung. Tansanische Rückgabeforderungen und deutsche Museen in den 1970er und 1980er Jahren
GWU 72, 2021, H. 9/10, S. 554 – 565

Im Jahr 1984 erreichte den Direktor des Stuttgarter Linden-Museums eine Anfrage aus dem tansanischen Prime Minister’s Office zu Sammlungsbeständen aus Tansania. In Stuttgart reagierte man sensibel, denn bereits 1978 hatte ein tansanischer Wissenschaftler öffentlich eine Rückgabeforderung an das Museum formuliert. Die Untersuchung rekonstruiert den Umgang verschiedener politischer und museumsfachlicher Akteure mit der tansanischen
Initiative. Dabei stehen die Möglichkeiten der Einflussnahme seitens der Museumsvertreter
im Mittelpunkt. Es wird gezeigt, wie diese den Aushandlungsprozess stark beeinflussten.

Bernd-Stefan Grewe
Restitution aus der Nähe betrachtet. Die Rückgabe der Witbooi-Bibel und -Peitsche
GWU 72, 2021, H. 9/10, S. 566 – 577

Seit 2019 die Bibel und Peitsche des namibischen Nationalhelden Hendrik Witbooi in Gibeon zurückgegeben wurden, gilt dieser Fall als Beispiel einer gelungenen Restitution von in Kolonien geraubten Kulturgütern. Der Beitrag skizziert die Geschichte der Objekte und ihres einstigen Besitzers und analysiert an diesem Beispiel einige Probleme der komplexem namibisch-deutschen Erinnerungspolitik. Erst aus der Nähe betrachtet werden die politischen und juristischen Fallstricke deutlich, die mit einer solchen Rückgabe verbunden sein können
– selbst wenn alle daran Beteiligten eine solche Restitution grundsätzlich befürworten.

Rudolf Jaworski
„In tiefster Trauer!“ Politisch-satirische Todesanzeigen im Postkartenformat Deutschsprachige Beispiele aus dem Ersten Weltkrieg und der Zwischenkriegszeit
GWU 72, 2021, H. 9/10, S. 578 – 588

Todesanzeigen in Form öffentlicher Bekanntmachungen stellen eine moderne Variante des Totengedenkens dar. Sie waren und sind in der Regel auf Einzelpersonen bezogen und dienen neben sachlichen Informationen zum Ableben eines Menschen auch seinem ehrenvollen Gedenken. Zusätzlich tauchten mit der Zeit Varianten auf, welche die herkömmlichen Todesanzeigen im Postkartenformat persiflierten und politisierten, indem sie dieses Format beispielsweise von Personen auf ganze Staaten bzw. auf deren Untergang und Zerstörung übertrugen. Anhand acht ausgewählter Postkarten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
werden solche in der zeitgeschichtlichen Forschung noch kaum beachteten Parodien
präsentiert und einer kritischen Betrachtung unterzogen.

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