Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 74 (2023) 9/10

Titel der Ausgabe 
Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 74 (2023) 9/10
Weiterer Titel 
Koloniales Wissen

Erschienen

 

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Institution
Geschichte in Wissenschaft und Unterricht
Land
Deutschland
c/o
Prof. Dr. Michael Sauer Universität Göttingen Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte Didaktik der Geschichte Waldweg 26 37073 Göttingen Tel. 0551/39-13388 Fax 0551/39-13385
Von
Michael Sauer, Didaktik der Geschichte, Georg-August-Universität Göttingen

Das vorliegende Heft ist einem Forschungsfeld gewidmet, das in den vergangenen Jahren besondere wissenschaftliche Aufmerksamkeit gefunden hat. Ob als Erinnerungs-, Bildungs-, Wissenschafts- oder Provenienzgeschichte: Die historische Untersuchung koloniales Wissens boomt – und zieht weiterhin auch großes öffentliches Interesse auf sich. Das Heft bietet einen Einblick in die aktuellen Diskurse und Kontroversen zur kolonialen Wissensgeschichte, setzt aber zugleich eigene Akzente. So liegt ein besonderer Schwerpunkt auf den Zirkulationsprozessen kolonialen Wissens zwischen unterschiedlichen Akteurinnen und Akteuren, unterschiedlichen Institutionen und nicht zuletzt auch unterschiedlichen nationalen Räumen, wobei durchgängig auch nach der „Agency“ der Kolonisierten selbst gefragt wird.

Am Anfang skizziert Alexandra Przyrembel die begrifflichen, konzeptionellen und methodisch-theoretischen Überlegungen, die dem Heft zugrunde liegen. Gleichzeitig weist
sie nachdrücklich auf die Professionalisierung der Kolonialwissenschaften im Europa des
beginnenden 20. Jahrhunderts hin, die in besonderer Weise die Universitäten einbezog
und dort zur Profilierung einschlägiger akademischer Disziplinen beitrug: von der Ausbildung von Kolonialbeamten bis hin zur kolonialen Wissensproduktion selbst.
Jakob Vogel und Pap NʼDiaye nehmen im Anschluss daran die „kolonialwissenschaftliche“ Ausbildung an der – privaten – Pariser „Ecole libre de sciences politiques“ in den Blick, die den Absolventen Karrierechancen im kolonialen Kontext jenseits der offiziellen Ausbildung von Kolonialbeamten an der „Ecole coloniale“ eröffnete. Indem der Bei trag die Kolonialwissenschaften als Geschäftsmodell untersucht, erlaubt er zugleich tiefe Einblicke in die institutionelle Heterogenität der französischen Kolonialverfassung.

Anne Kwaschik führt im folgenden Beitrag die disziplinären Verflechtungen kolonialer Wissensproduktion – etwa zwischen Ethnologie und Soziologie – in kolonialwissenschaftlichen Diskursen vor Augen. Am Beispiel Belgiens wird erkennbar, wie „colonial communities“ entstehen, wie sie sich vernetzen – und wie sie sich im Medium der „neu en“ Kolonialwissenschaft nachhaltig ideologisieren: nicht zuletzt rassistisch. Arndt Neumann zeigt, wie das Folkwang-Museum nach 1912 afrikanische und ozeanische Skulpturen gemeinsam mit expressionistischen Gemälden ausstellte. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie sich die Befürworterinnen und Befürworter dieser „neuen“ Präsentationskultur zwischen „Eigenem“ und „Fremdem“, „Geschichte“ und „Leben“ sowie vermeintlich wandelbarer europäischer „Kultur“ und vermeintlich unwandelbarer außereuropäischer „Natur“ verorteten. Der Beitrag führt vor diesem Hintergrund den engen Zusammenhang von „Moderne“ und „Kolonialismus“ vor Augen. Die Leitung des Folkwang Museums jedenfalls verstand ihre Ausstellungen auch als Ausweis kultureller Überlegenheit und unterstrich ihr national-imperiales Selbstverständnis mit der Forderung nach einer „deutschen Weltkultur“. Abschließend rekonstruiert Priska Gisler die Geschichte des sogenannten Löwendioramas im Naturhistorischen Museum Bern. Das Diorama zeigt die Dermoplastiken von zwei Löwinnen und zwei Löwen in einer menschenleeren Savannenlandschaft. Auf die Jagdsafari eines Schweizer Großwildjägers zu Beginn der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurückgehend, sind die präparierten Löwen seit der

Neueröffnung des Museums 1936 einer der Publikumsmagneten. Einsetzend mit der Herstellung des Dioramas, geht die Verfasserin auch auf die Berichte über die Safari selbst ein, die mit dem Tod des Jägers (durch den Angriff eines Löwen) endete, sodass ihr Beitrag auch auf das Feld „kolonialer Männlichkeit“ führt – und damit dazu beiträgt, den Anspruch des Heftes einer Entkolonisierung koloniales Wissens zu unterstreichen.

Inhaltsverzeichnis

Abstracts (S.474)
Editorial (S.476)
Beiträge

Alexandra Przyrembel
Koloniales Wissen in Europa
Konzepte, transnationale Netzwerke und Museen um 1900
(S.477)

Jakob Vogel/Pap N’Diaye
Marktlücke Kolonialwissenschaften
Der kolonialwissenschaftliche Unterricht an der Pariser Ecole libre de sciences politiques 1886–1940
(S.490)

Anne Kwaschik
Auf der Suche nach einer Wissenschaft von der Kolonisierung
Netzwerke kolonialer Wissensproduktion und disziplinäre Grenzziehungen im imperialen Zeitalter in Belgien
(S.501)

Arndt Neumann
„Deutsche Weltkultur“
Zur gemeinsamen Präsentation von kolonialen Objekten und „moderner“ Kunst im Folkwang-Museum nach 1912
(S.517)

Priska Gisler
„Von Horizont zu Horizont“
Das Löwendiorama im Naturhistorischen Museum Bern und seine koloniale Geschichte
(S.533)

Alina Ostrowski/Jorit Hopp/Benjamin Seebröker/Lukas Bartl/Markus Gerstmeier/Heiko Brendel/Simon Donig/Malte Rehbein
Arbeitsmigration in der süddeutschen NS-Kriegswirtschaft
Computergestützte Datenexploration mittels historischer Geoinformation und Netzwerkanalyse
(S.550)

INFORMATIONEN NEUE MEDIEN

Gregor Horstkemper
Koloniale Erbstücke in Europa
(S.571)

LITERATURBERICHT

Daniel Leese
China
(S.574)

NACHRICHTEN
(S.590)

AUTORINNEN UND AUTOREN
(S.592)

ABSTRACTS

Alexandra Przyrembel
Koloniales Wissen in Europa
Konzepte, transnationale Netzwerke und Museen um 1900
GWU 74, 2023, H. 9/10, S. 477–489
Der Aufsatz fasst die zentralen Forschungsstränge der wissenschafltichen Bezüge von Wissensgeschichte und Kolonialismus zusammen und plädiert dafür, den Begriff des ‚kolonialen Wissens‘ sowohl als analytische als auch empirische Kategorie zu nutzen. In einem ersten Schritt wird erörtert, dass um 1900 mit der Professionalisierung der Kolonialwissenschaften an europäischen Universitäten etwas ‚Neues‘ passierte. Neben einer Ausbildung von Kolonialbeamten profilierten sich akademische Disziplinen in dem Bereich der kolonialen Wissensproduktion. Ein zweiter Abschnitt zeigt, dass ‚koloniales Wissen‘ – und hier bleibt der Begriff durchaus diffus – an zentralen kulturellen Einrichtungen inszeniert und im Hinblick auf (westliche) Modernitätskonzepte neu gedeutet wurde. Ein drittes Kapitel schließlich wendet sich der Frage zu, in welcher Weise indigene ‚Intermediaries‘ die Produktion kolonialen Wissens zwischen Eigensinn und rassistischen Rahmenbedingungen gestalteten.

Jakob Vogel/Pap N‘Diaye
Marktlücke Kolinalwissenschaften
Der kolonialwissenschaftliche Unterricht an der Pariser Ecole libre de sciences politiques 1866–1940
GWU 74, 2023, H. 9/10, S. 490–500
Auch nach der Schließung der sogenannten „Section coloniale“ nach der Gründung der Ecole coloniale im Jahr 1893 setzte die Pariser Ecole libre des sciences politiques die kolonialwissenschaftliche Ausbildung ihrer Studenten fort. Der Unterricht lehnte sich eng an das auch in anderen Imperialmächten erprobte Konzept des „wissenschaftlichen Kolonialismus“ an, nutzte aber auch geschickt die „Marktlücken“ des staatlichen Ausbildungsmodells Frankreichs aus. Dabei stützte sich die Leitung der Ecole auf ihre engen Kontakte zur Kolonialbewegung sowie zur höheren Verwaltung des eigenen Landes, aber auch auf ihre internationalen Verbindungen zu Wissenschaft lern und Beamten anderer Kolonialmächte. Gleichzeitig nutzte sie die Schlupflöcher der französischen Kolonialverfassung, um ihren Absolventen trotz der beherrschenden Stellung der Ecole coloniale eine imperiale Karriere zu ermöglichen. Die sich im Laufe des 20. Jahrhunderts wandelnde Stellung des Kolonialreichs für Frankreich und die beginnende Dekolonialisierung zwangen die Ecole libre mehr als andere Institutionen, sich immer wieder an die veränderten Zeitumstände anzupassen. Das Beispiel unterstreicht damit die Notwendigkeit, die Ausbildung der Kolonialwissenschaften in Frankreich noch stärker als bisher in ihrer institutionellen Vielfalt wie auch im Kon text ihrer breiteren internationalen Vernet zungen zu betrachten.

Anne Kwaschik
Auf der Suche nach einer Wissenschaft von der Kolonisierung
Netzwerke kolonialer Wissensproduktion und disziplinäre Grenzziehungen im imperialen Zeitalter in Belgien
GWU 74, 2023, H. 9/10, S. 501–516
Belgien war für die Herausbildung und Internationalisierung kolonialwissenschaftlicher Debatten und Institutionen im imperialen Zeitalter ausschlaggebend und kommt doch in der Forschung zu Kolonialismus und kolonialem Wissen selten vor. Der vorliegende Artikel untersucht Netzwerke und Wissensfelder sozialer Wissensproduktion im imperialen Zeitalter und analysiert die disziplinären Aushandlungsprozesse innerhalb dieser Felder im Ausgang von der Person Edouard de Jonghes (1878–1959), der als erster Ethnologe Belgiens gilt. Ziel des Artikels ist es, die institutionelle und intellektuelle Nähe von Ethnologie, Soziologie, Ethnographie und Kolonialideologie zu zeigen, welche die Situation der Sozialwissenschaften in Belgien bis in die 1950er Jahre prägte.

Arndt Neumann
„Deutsche Weltkultur“
Zur gemeinsamen Präsentation von kolonialen Objekten und „moderner“ Kunst im Folkwang-Museum nach 1912
GWU 74, 2023, H. 9/10, S. 517–532
Kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs vollzog sich in der Präsentation von Objekten kolonialer Herkunft in deutschen Muse en ein tiefgreifender Umbruch. Neben die „Völkerkundemuseen“ traten nun die „modernen“ Kunstmuseen. So stellte das von dem Hagener Mäzen Karl Ernst Osthaus gegründete Folkwang-Museum nach 1912 afrikanische und ozeanische Skulpturen gemeinsam mit expressionistischen Gemälden zur Schau. Wie sich die bürgerlichen Befürworterinnen und Befürworter dieser
neuen Sammlungspräsentation im imperialen Zeitalter verorteten und welche Vorstellungen des Eigenen und des Fremden sie dabei entwarfen, steht im Mittelpunkt des Artikels.

Priska Gisler
„Von Horizont zu Horizont"
Das Löwendiorama im Naturhistorischen Museum Bern und seine koloniale Geschichte
GWU 74, 2023, H. 9/10, S. 533–549
Diorama Nr. 37 im Naturhistorischen Museum Bern zeigt eine Gruppe von Löwen in menschenleerer Landschaft. Die präparierten Tiere haben einen langen Weg hinter sich, der mit globaler Kolonial- und Berner Lokalgeschichte zu tun hat. Die Löwengruppe geht auf eine Jagdsafari vBernard und Vivienne von Wattenwyl nach Ostafrika zurück. Untersucht wird, auf welchen Vorlagen der Bau des Löwen-Dioramas beruhte und welches Wissen somit in das „koloniale Imaginäre“ der Schweiz eingeflossen ist. Nach einer Darstellung der Kolonial-Geschichte der Schweiz und einer Betrachtung der Materialien, die dem Präparator und dem Hintergrundmaler bei der Herstellung des Dioramas zur Verfügung gestanden haben, wird auf den Reisebericht Vivienne von Wattenwyls eingegangen, der ebenfalls zu den Erbauern der Dioramen gelangte. In drei Schritten werden die Beschreibungen und Einordnungen der gejagten Tiere, das Verhältnis des Jägers zu seinen Helfern, schliesslich das Bild des Helden analysiert und damit Sichtweisen auf geschlechtsspezifische Strukturen und soziale Hierarchisierungen freigelegt, die sowohl mittels Narrationen als auch Bildern und Dioramen das koloniale Imaginäre geprägt haben.

Alina Ostrowski/Jorit Hopp/Benjamin Seebröker/Lukas Bartl/Markus Gerstmeier/Heiko Brendel/Simon Donig/Malte Rehbein
Arbeitsmigration in der süddeutschen NS-Kriegswirtschaft
Computergestützte Datenexploration mittels historischer Geoinformation und Netzwerkanalyse
GWU 74, 2023, H. 9/10, S. 550–570
Arbeitsbücher, 1935 eingeführt, stellen eine noch wenig erforschte serielle Massenquelle für die Wirtschafts- und Sozialgeschichte der NS-Diktatur und des Zweiten Weltkriegs dar. Aus dem Rüstungsbetrieb der „Waldwerke GmbH Passau“ ist ein Bestand von ca. 200 Arbeitsbüchern überliefert, dessen Daten im Rahmen eines Studierendenprojekts modelliert, computergestützt erschlossen und explorativ analysiert wurden. Historische Geoinformation und Netzwerkanalyse können, geschichtswissenschaftlich kontextualisiert, bemerkenswerte Einblicke in die Arbeitsmigration im „Dritten Reich“ und die regionale Kriegswirtschaft geben.

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