Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 69 (2018), 5–6

Titel der Ausgabe 
Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 69 (2018), 5–6
Weiterer Titel 
Selbstzeugnisse

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Institution
Geschichte in Wissenschaft und Unterricht
Land
Deutschland
c/o
Prof. Dr. Michael Sauer Universität Göttingen Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte Didaktik der Geschichte Waldweg 26 37073 Göttingen Tel. 0551/39-13388 Fax 0551/39-13385
Von
Sauer, Michael

Wohl kaum eine Quellengruppe hat seit den 1980er-Jahren in der deutschsprachigen historischen Forschung mehr Aufmerksamkeit gefunden hat als jene autobiographischen Texte, die inzwischen zumeist als Selbstzeugnisse bezeichnet werden. Fragt man nach den Hintergründen für diese Entwicklung, so muss vor allem die „anthropologische Wende“ in der Geschichtswissenschaft mit ihrem Interesse an den Wahrnehmungen, Erfahrungen und Deutungen historischer Subjekte genannt werden: einem Interesse, das insbesondere den „kleinen Leuten“ gilt, das nicht zuletzt die Geschlechterverhältnisse einbezieht und das in immer stärkerem Maße auch inter- und transkulturell motiviert ist. Das vorliegende Heft kann diese Entwicklung nicht im Einzelnen nachzeichnen, möchte aber an Beispielen vom 17. bis zum 20. Jahrhundert zeigen, was Selbstzeugnisforschung heute ausmacht – begrifflich, konzeptionell und methodisch.

Am Anfang unternimmt es Mareike Böth, die Briefe der Kurfürstentochter Elisabeth Charlotte („Liselotte“) von der Pfalz (1652 –1722) und die Tagebücher des Hamburger Juristen Ferdinand Beneke (1774 –1848) „praxeologisch“ zu lesen. Dazu hat sie vor dem Hintergrund praxistheoretischer Ansätze ein Analyseprogramm entwickelt, das auf Prozesse der „Subjektbildung“ zielt. Indem das Programm dazu anleitet, Handlungsweisen und Alltagspraktiken in ihrer jeweiligen Verkörperung zu rekonstruieren, bestimmt es Subjektivität als etwas, das im „Tun“ hervorgebracht wird. Einen deutlich anderen Ansatz verfolgt der Verfasser des zweiten Beitrags: Alexy Tikhomirov untersucht Briefe, in denen sich die Verfasserinnen und Verfasser an Partei- und Staatsautoritäten des frühen Sowjetsystems wandten und um Unterstützung für ihre Anliegen baten. Sein Ziel ist es, auf diese Weise etwas darüber zu erfahren, wie die Politik des „Social Engineering“ die Selbstthematisierung des vermeintlich „neuen Menschen“ steuerte oder auch veränderte, indem sie dessen Schreiben in die Prozesse der bolschewistischen Persönlichkeits-, Staats- und Gesellschaftsbildung einbezog. Eine besondere Rolle spielte dabei die Kategorie des „Vertrauens der Partei“, deren Moralisierungsformen während des Großen Terrors über Leben und Tod entscheiden konnten. Wieder andere Wege geht der dritte Beitrag: Klaus Latzel und Franka Maubach untersuchen einen Feldpostbriefwechsel, der seinesgleichen sucht und doch zugleich paradigmatisch genannt werden darf: etwa 350 Briefe, die eine Nachrichtenhelferin und ein Besatzungssoldat der deutschen Wehrmacht zwischen 1943 und 1945 austauschten. Der Tod des Soldaten verhinderte die geplante Verlobung. Der Briefwechsel erlaubt tiefe Einblicke in geschlechtsspezifische und soziale Aneignungsmuster der nationalsozialistischen Ideologie im Krieg und durch den Krieg. Gleichzeitig lässt er erkennen, wie der Krieg das tradierte (und ideologisierte) Ehemodell so dynamisierte, dass die „Kriegsbrautleute“ dazu gezwungen waren, es an ihre Situation und vermeinte gemeinsame Zukunft anzupassen. Ein Anhang versammelt Auszüge aus dem Briefwechsel. Der vierte Beitrag schließlich ist der digitalen Edition der Tagebücher des Fürsten Christian II. von Anhalt-Bernburg gewidmet, die zwischen 1621 und 1656 weitgehend eigenhändig in deutscher Sprache geführt wurden, insgesamt mehr als 17.400 Seiten in 23 Bänden. Arndt Schreiber führt am Beispiel dieser Edition in Theorie und Praxis digitalen Edierens ein. Seit 2013 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert, verweist das auf zwölf Jahre angelegte Kooperationsprojekt zwischen der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel und dem Lehrstuhl für Frühe Neuzeit an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau auch auf die aktuellen Möglichkeiten des Zusammenspiels von „Digital Humanities“ und historisch-kritischem Edieren von Selbstzeugnissen. Einblicke, die nicht zuletzt die Frage nach unserer eigenen Selbstthematisierung in einer zunehmend digitalen Welt aufwerfen.

Von Peter Burschel

Inhaltsverzeichnis

INHALT

Abstracts (S. 250)
Editorial (S. 252)

Beiträge

Mareike Böth
„Ich handele, also bin ich“
Selbstzeugnisse praxeologisch lesen (S. 253)

Alexey Tikhomirov
Das „Vertrauen der Partei“ verdienen,
rechtfertigen und wiederherstellen
Das sowjetische „Ich“ in Briefen an das
Regime im frühen Sowjetrussland (S. 271)

Klaus Latzel/Franka Maubach
„Kriegsbrautleute“
Zukunftssehnsüchte und Beziehungsrealitäten
eines nationalsozialistischen Paars im
Zweiten Weltkrieg (S. 294)

Arndt Schreiber
Theorie und Praxis der digitalen Edition
am Beispiel der Tagebücher des
Fürsten Christian II. von Anhalt-Bernburg
(1599 –1656) (S. 323)

Philipp Müller
Historische Anthropologie
Fragen und Konzepte zur Einführung (S. 334)

Informationen Neue Medien

Christian Plath
Selbstzeugnisse und Ego-Dokumente (S. 346)

Literaturbericht

Ulrich Müller
Archäologie, Teil I (S. 348)

Nachrichten (S. 366)

Autorinnen und Autoren (S. 268)

ABSTRACTS

Mareike Böth
„Ich handele, also bin ich“
Selbstzeugnisse praxeologisch lesen
GWU 69, 2018, H. 5/6, S. 253 – 270
Auf der Grundlage praxistheoretischer Ansätze entwickelt der Beitrag ein Programm zur theoretisch reflektierten Lektüre von Selbstzeugnissen und erprobt dieses exemplarisch an zwei bekannten frühneuzeitlichen Beispielen: den Briefen der Kurfürstentochter Liselotte von der Pfalz (1652 –1722) und den Tagebüchern des Hamburger Juristen Ferdinand Beneke (1774 –1848). Indem das Analyseprogramm dazu anleitet, nach der historischen Bedeutung von Alltagspraxis in ihrer aus Texten rekonstruierbaren Form zu fragen, eröffnet es eine Perspektive auf ein Subjekt, dessen soziale Sinnhaftigkeit sich nicht allein aus expliziten Selbstreflexionen, sondern aus alltäglichen körperbezogenen Handlungsweisen ergibt.

Alexy Tikhomirov
Das „Vertrauen der Partei“ verdienen,
rechtfertigen und wiederherstellen
Das sowjetische „Ich“ in Briefen an das
Regime im frühen Sowjetrussland
GWU 69, 2018, H. 5/6, S. 271 – 293
Im Zentrum des Beitrages steht die Analyse der Kategorie des „Vertrauens der Partei“ in der Etablierung der sowjetischen Subjektivitäten im frühen Sowjetrussland. Basierend auf den verschiedenen Typen von Bittschriften der BürgerInnen an die Partei- und Staatsautoritäten werden die Techniken des autobiographischen Schreibens in die Prozesse der bolschewistischen Persönlichkeits-, Staats- und Gesellschaftsbildung eingebettet. Der Autor zeigt, wie das „Vertrauen der Partei“ moralisiert und materialisiert, personifiziert und beglaubigt, visualisiert und geschlechtsspezifisch definiert wurde. Insbesondere während des Großen Terrors wurde es zum alltäglichen Kampfbegriff, um über das Leben und den Tod einer Person zu entscheiden.

Klaus Latzel/Franka Maubach
„Kriegsbrautleute“
Zukunftssehnsüchte und Beziehungsrealitäten
eines nationalsozialistischen
Paars im Zweiten Weltkrieg
GWU 69, 2018, H. 5/6, S. 294 – 322
Der Beitrag nimmt die Korrespondenz zwischen einer Nachrichtenhelferin und einem Besatzungssoldaten in den Blick: ein in seiner Art einzigartiges Konvolut von 350 Briefen, die das Liebespaar zwischen 1943 und 1945 tauschte. Es erlaubt tiefe Einblicke in soziale wie geschlechtsspezifische Aneignungsweisen der nationalsozialistischen Ideologie im Krieg und durch den Krieg. Gleichzeitig lässt es erkennen, wie der doppelte uniformierte Kriegseinsatz das tradierte Ehemodell in einer Weise herausforderte und dynamisierte, dass die „Kriegsbrautleute“ gezwungen waren, es auf dem Wege eines intensiven Briefgesprächs an ihre Situation und für ihre (vermeinte) gemeinsame Zukunft anzupassen.

Arndt Schreiber
Theorie und Praxis der digitalen Edition
am Beispiel der Tagebücher des Fürsten
Christian II. von Anhalt-Bernburg
(1599 –1656)
GWU 69, 2018, H. 5/6, S. 323 – 333
Mit den neuen Möglichkeiten der „Digital Humanities“ dürfte sich in Zukunft auch die Praxis der historisch-kritischen Herausgabe von Selbstzeugnissen grundlegend ändern. Dass dieser Prozess längst begonnen hat, zeigt nicht zuletzt das zwölfjährige DFG-Langzeitprojekt „Digitale Edition und Kommentierung der Tagebücher des Fürsten Christian II. von Anhalt-Bernburg (1599 –1656)“, das von der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel und dem Freiburger Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit von Ronald G. Asch seit November 2013 realisiert wird. Anhand dieses Beispiels die wichtigsten Neuerungen und Resultate des digitalen Edierens zu skizzieren, ist das Anliegen dieses Beitrages.

Philipp Müller
Historische Anthropologie
Fragen und Konzepte zur Einführung
GWU 69, 2018, H. 5/6, S. 334 – 345
Anhand von drei Fallstudien veranschaulicht der Beitrag den in den Geschichtswissenschaften entwickelten Ansatz der Historischen Anthropologie. Studien, die diesen Ansatz mit- und weiterentwickeln, sind nicht nur in thematischer Hinsicht vielfältig, sondern erweisen sich auch in methodischer Hinsicht als heterogen. Der Beitrag konzentriert sich daher auf zentrale Überlegungen der historischen Anthropologie: die auf die Akteure in der Geschichte ausgerichtete Perspektive, das Verfahren der dichten Beschreibung und den reflektierten Umgang mit dem Quellenmaterial.

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Bestandsnachweise 0016-9056