Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 73 (2022), 11/12

Titel der Ausgabe 
Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 73 (2022), 11/12
Weiterer Titel 
Europäisierung

Erschienen

 

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Institution
Geschichte in Wissenschaft und Unterricht
Land
Deutschland
c/o
Prof. Dr. Michael Sauer Universität Göttingen Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte Didaktik der Geschichte Waldweg 26 37073 Göttingen Tel. 0551/39-13388 Fax 0551/39-13385
Von
Michael Sauer, Didaktik der Geschichte, Georg-August-Universität Göttingen

Der Begriff der Europäisierung ist ausgesprochen vielschichtig. Oft wird er zur Bezeichnung von politischen Entscheidungen genutzt, die seit den 1950er-Jahren die Verwirklichung des „Projekts Europa“ zum Ziel hatten. In unterschiedlichen Wissenschaftsbereichen wird das Konzept jedoch inzwischen sowohl in zeitlicher als auch in thematischer Hinsicht durchaus breiter verstanden. So meint Europäisierung im Gefolge einer stärker transnational begründeten Perspektivierung sämtliche Prozesse, die den Austausch sowie die Verflechtung der Gesellschaften Europas befördert und darüber deren Angleichung in den verschiedensten Handlungsfeldern hervorgerufen haben. Das vorliegende Themenheft spiegelt diesen Forschungstrend erkennbar wider, indem es neben internationalen Transfers und Verflechtungen in der Politik der Europäisierung ebenfalls in den Bereichen Wirtschaft und technische Infrastrukturen sowie auf dem Feld der Religion auf den Grund geht.

In seinem Einleitungsbeitrag benennt Guido Thiemeyer mit dem Durchbruch des modernen Nationalstaats sowie der Industrialisierung im Rahmen einer kapitalistisch verfassten Wirtschaftsordnung die beiden grundlegenden Umbrüche, von denen entscheidende Impulse zur Europäisierung nicht nur in der Politik, sondern auch in den Bereichen Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur geleistet worden seien. Alle Verknüpfungen dieser Art könnten als der Versuch eingeordnet werden, die damit einhergehenden Transformationen regulativ miteinander zu verbinden. Gleichermaßen zeigen die Aufsätze von Christian Henrich-Franke zur „Europäisierung der Wirtschaft“ sowie von Veit Damm zur „Europäisierung der Technik“, wie sehr seit dem 19. Jahrhundert sowohl die Wirtschaftsordnungen als auch die Technologien zunehmend grenzübergreifende Kooperationen sowie Angleichungen nach sich zogen. Freilich waren die darüber freigesetzten Impulse für eine stärkere europäische Verflechtung durchaus nicht immer intendiert, sondern sie könnten ebenso als eine Folge von Standardisierungs- und Normierungsprozessen begriffen werden.

Zwei weitere Beiträge des Themenhefts widmen sich unterschiedlichen Handlungsfeldern der Politik. Während Paul Lukas Hähnel anhand politikwissenschaftlicher Europäisierungskonzepte der Frage nach den bis heute immer wieder konfliktreich verhandelten Wirkungszusammenhängen zwischen der nationalen und der europäischen Ebene auf der Ebene der Parlamente nachgeht, blickt Heike Wieters in ihrem Aufsatz zur „Europäisierung und Sozialpolitik“ zeitlich erneut weiter zurück. Schon seit dem 19. Jahrhundert sei, so lautet ihre Kernthese, eine Europäisierung nationaler sozialpolitischer Ideen, Institutionen und Praktiken deutlich zu erkennen.

Wie sehr wiederum auf dem Feld der Religion unterschiedliche Dynamiken einer Europäisierung wirksam waren und sind, ja sich zuweilen kreuzen, zeigt eindrucksvoll der abschließende Beitrag von Annette Schnabel auf. Ihre soziologische Perspektive auf das Dreiecksverhältnis von Religion, Europäisierung und Deutschland bringt sowohl die komplexen Strukturen der staatlichen Religions-Kirchen-Verhältnisse zum Vorschein als auch Veränderungen von Religiosität auf der sozialen und individuellen Ebene. Religionssoziologisch betrachtet bilde Europa keinen homogenen Raum, so dass weder das Narrativ eines völlig säkularisierten Raumes noch das eines christlich vereinigten Europas die Vielschichtigkeit der tatsächlichen Verhältnisse angemessen beschreibe.

Zu den Vorzügen des vorliegenden Themenheftes gehört neben der thematischen Breite der Blick zurück bis an den Anfang des 19. Jahrhunderts und damit auf eine Zeitspanne, die als die Inkubationsphase der Europäisierung begriffen werden kann.

Inhaltsverzeichnis

Abstracts

S. 594

Editorial

S. 596

Beiträge

Guido Thiemeyer
Die Longue Durée der Europäisierung
GWU 73, 2022, H. 11/12
S. 597–612
Der Beitrag stellt die These auf, dass die Europäisierung ein Prozess ist, der im frühen 19. Jahrhundert begann und bis heute andauert. Die Entstehung des modernen Nationalstaates und die Durchsetzung der Industrialisierung mit einem die politischen Grenzen überschreitenden kapitalistischen Wirtschaftssystem erforderten internationale Organisationen, die beide Prinzipien miteinander vereinbaren konnten. Dies gilt nicht nur für die politische Europäisierung, sondern auch für die Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur. Die Europäisierung wird daher fortdauern, so lange Europa politisch durch das Prinzip des Nationalstaates und wirtschaftlich durch den Kapitalismus organisiert bleibt.

Paul Lukas Hähnel
Europäisierung(en) des Deutschen Bundestags
GWU 73, 2022, H. 11/12
S. 613–627
Der Aufsatz skizziert anhand des politikwissenschaftlichen Europäisierungskonzepts die Transformation des Deutschen Bundestags durch die europäische Integration. Dafür wird der Begriff Europäisierung im Plural verwendet, um unterschiedliche Dimensionen der Europäisierung des Bundestags herauszustellen und spezifische Wirkungszusammenhänge zwischen der europäischen und nationalen Ebene zu beleuchten. Es wird gezeigt, dass der Bundestag trotz Sachzwängen erhebliches Beharrungsvermögen zeigte, bevor er anfing, auf die Herausforderungen, die mit der europäischen Integration verbunden waren, zu reagieren.

Christian Henrich-Franke
Europäisierung der Wirtschaft – das Beispiel der Wirtschaftsordnungen
GWU 73, 2022, H. 11/12
S. 628–641
In der historischen Forschung wird die Wirtschaft immer als ein Vorreiter bzw. als ein Paradebeispiel der Europäisierung behandelt. Dies liegt wohl auch daran, dass nach dem Zweiten Weltkrieg die Bemühungen um innereuropäische Zusammenarbeit in ganz erheblichem Maße im Bereich der Wirtschaft durch die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl und die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft angestoßen wurden. In diesem Beitrag wird wirtschaftliche Europäisierung sowohl als Konzept als auch am konkreten Beispiel von Wirtschaftsordnungen im 19. und 20. Jahrhundert diskutiert.

Veit Damm
Europäisierung der Technik
Vernetzung Europas, Expertenaustausch und Technikentwicklung am Beispiel der Verkehrstechnologien 1850–2000
GWU 73, 2022, H. 11/12
S. 642–655
Technologien haben – neben politischen Initiativen und Maßnahmen der wirtschaftlichen Integration – seit dem 19. Jahrhundert wesentlich zum Austausch und der Annäherung der Völker Europas beigetragen. Der Aufsatz behandelt exemplarisch den Beitrag von Verkehrstechnologien für die Vernetzung Europas im Zeitraum 1850 bis 2000 von der Einführung der Eisenbahn bis zur Entwicklung digitaler Navigations- und Verkehrsinformationssysteme. Es wird gezeigt, dass die Ausbreitung neuer Verkehrstechnologien in Europa zumeist in einem Spannungsfeld nationaler Interessen und einem spezifisch technokratischen Internationalismus stand. Oft waren die von ihnen ausgehenden Impulse für die europäische Integration dabei nicht intendiert, wie etwa der Fall der Entstehung internationaler Eisenbahnverbindungen in Europa verdeutlicht. Der Beitrag zeigt weiter, dass der enge Austausch zwischen den europäischen Staaten, zum Beispiel im Rahmen internationaler technischer Expertenkommissionen, der durch den Ausbau von Verkehrstechnologien weiter beflügelt wurde, zu einer weitgehenden Angleichung der Technologienutzung im 20. Jahrhundert in Europa führte. Dabei spielten auch Initiativen zur grenzübergreifenden Normierung und Standardisierung verkehrstechnischer Systeme eine wichtige Rolle.

Heike Wieters
Europäisierung und Sozialpolitik
GWU 73, 2022, H. 11/12
S. 656–669
Sozialpolitik in Deutschland hat seit jeher eine europäische Dimension. Auch wenn der Nationalstaat eine zentrale Rolle für die Genese und Entwicklung von sozialpolitischen Institutionen und (Um-)Verteilungsmechanismen gespielt hat – und noch immer spielt –, lassen sich sozialpolitische Dynamiken und Trends nur verstehen, wenn grenzüberschreitende Ideen, transnationale (Experten-)Netzwerke und internationale Organisationen und Konventionen mit in den Blick genommen werden. Im folgenden Text wird daher die diskontinuierliche, aber klar erkennbare ‚Europäisierung‘ nationaler sozialpolitischer Ideen, Institutionen und Praktiken seit dem 19. Jahrhundert analysiert und in einen Zusammenhang mit der institutionellen und politischen Integration Europas gestellt.

Annette Schnabel
Welche Rolle spielt die Europäisierung im Feld der Religion für Deutschland?
GWU 73, 2022, H. 11/12
S. 670–685
Das Verhältnis von Europäisierung, Religion und Deutschland ist seit der Wiedervereinigung nicht einfacher geworden. Der Beitrag zeigt, dass sich auf den Ebenen des EU-Rechts, der Organisationen, der Mitgliedsstaaten und der Bürger:innen unterschiedliche Dynamiken beobachten lassen, die Europäisierung im Lichte von Religion weder als große Erzählung vom ‚christlich geprägten Abendland‘ noch vom ‚aufgeklärt säkularen Europa‘ plausibel erscheinen lassen. Vielmehr müssen für eine differenzierte Beobachtung der Europäisierungsdynamiken Religion und europäische Moderne differenziert in den Blick genommen werden. Dies gilt auch für die Rolle Deutschlands in der EU.

Thomas Adam
Die globale Faszination für Hitler
GWU 73, 2022, H. 11/12
S. 686–699
Dieser Aufsatz analysiert und kontextualisiert die Veränderungen in der Produktion von Hitler-Bildern in englischen und amerikanischen Romanen, Filmen und Serien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und in den ersten beiden Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts. Hierbei stehen drei Gruppen fiktionaler Darstellung im Mittelpunkt der Diskussion: (1) Romane und Filme, die zu erklären versuchten, wie aus dem Kind der brutale Diktator wurde, (2) Romane und Filme, die Hitler in seinen letzten Lebenstagen in seinem Bunker zeigten, und (3) Romane und Filme, in denen es um die Erkundung einer möglichen Zukunft des Nationalsozialismus ging.

Informationen neue Medien

Gregor Horstkemper
Schatztruhe Europeana – das Kulturerbe Europas im digitalen Raum
S. 700

Literaturbericht

Raimund Schulz / Uwe Walter
Altertum. Teil II
S. 703

Nachrichten

S. 715

Autor:innen

S. 720

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Bestandsnachweise 0016-9056