Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 69 (2018), 11–12

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Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 69 (2018), 11–12
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Institution
Geschichte in Wissenschaft und Unterricht
Land
Deutschland
c/o
Prof. Dr. Michael Sauer Universität Göttingen Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte Didaktik der Geschichte Waldweg 26 37073 Göttingen Tel. 0551/39-13388 Fax 0551/39-13385
Von
Sauer, Michael

EDITORIAL

Vor 15 Jahren ist die so genannte Klieme-Expertise „Zur Entwicklung nationaler Bildungsstandards“ erschienen. Sie hat die Marschroute für eine Kompetenzorientierung im deutschen Schulwesen vorgegeben. Der neue Ansatz wurde heftig diskutiert und kritisiert: Für die einen war er lediglich alter Wein in neuen Schläuchen, andere sahen darin das Ende deutscher Bildungstraditionen, wieder andere befürchteten eine Vernachlässigung elementarer Wissensvermittlung.

Die Fachdidaktiken haben auf die Kompetenz-Herausforderung auf mehreren Ebenen reagiert: Theoretisch-konzeptionell haben sie für ihr Fach Kompetenzmodelle entwickelt; sie haben sich um die empirische Überprüfung von Schüler- wie auch Lehrerkompetenzen bemüht; sie haben versucht, Kompetenzorientierung mit einschlägigen Konzepten und Materialien in die Schule hinein zu vermitteln. Von Fach zu Fach ist dies mit unterschiedlichen Akzentsetzungen und mit unterschiedlichem Ergebnis geschehen.

Im Vergleich mit anderen Disziplinen stellt sich die Situation in der Geschichtsdidaktik mit ihren verschiedenartigen Modellen eher disparat dar; dennoch gibt es erkennbar gemeinsame Grundpositionen und Zielsetzungen. In den letzten Jahren scheint nun die theoretische Diskussion etwas abgeflaut zu sein. Dies und das „Jubiläumsjahr“ sind ein geeigneter Anlass für den Versuch einer Bilanz aus pragmatischer Perspektive: Ist Kompetenzorientierung im Fach Geschichte angekommen? Haben Lehrkräfte heute andere Vorstellungen und Konzepte von Geschichtsunterricht als zuvor? Hat sich die Alltagspraxis des Geschichtsunterrichts verändert? Welche Kompetenzen erwerben Schülerinnen und Schüler tatsächlich? Alles in allem: Hat das neue Paradigma historisches Lernen in der Schule verbessert? Solche Fragen lassen sich in sehr unterschiedlicher Weise untersuchen und beantworten.

Hier geht es nicht um empirische Erhebungen und Befunde. Vielmehr kommen Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichen Bundesländern zu Wort, die einerseits mit der geschichtsdidaktischen Diskussion vertraut sind, andererseits aber auch die Praxis von Geschichtsunterricht aus eigener Wahrnehmung in einer gewissen Breite kennen. Ihre didaktische Sozialisation haben sie vor der „Kompetenzwende“ erfahren, auf dieser Folie nehmen sie die Veränderungen war. Die meisten von ihnen haben einschlägige Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen geführt, um so den eigenen Erfahrungsraum noch einmal zu erweitern.

Die Einschätzungen, zu denen sie gelangen, sind ambivalent. Franziska Conrad erkennt eine methodische Intensivierung der Unterrichtsarbeit, eine gezieltere Unterrichtsplanung und eine verbesserte Diagnostik, dagegen eine Vernachlässigung von Urteilsbildung, die aus einem zu pauschalen Einsatz kooperativer Unterrichtsmethoden resultiere. Eine Verbesserung der Aufgabenkultur konstatieren Christine Dzubiel und Benedikt Giesing; für problematisch halten sie einen zunehmenden Einfluss der Allgemeindidaktik, befördert durch das Praxissemester im Studium und das Referendariat. Wie diese beiden sieht auch Meike Hensel-Grobe deutliche Verbindungen zum Konzept der Problemorientierung. Sie mahnt eine differenziertere Modellierung von Lernarrangements an – von den Prä-Konzepten der Schülerinnen und Schüler bis hin zu Lern- und Diagnoseaufgaben. Ungeklärt sei das Verhältnis zwischen Wissen und Kompetenzen. Ein vernichtendes Urteil fällt bereits im Titel seines Beitrags Werner Heil. Er wirft der Geschichtsdidaktik ein falsches Verständnis von Kompetenzorientierung und eine mangelnde Ausrichtung auf schulischen Lernen vor; richtig verstandene Kompetenzorientierung könne aber sehr wohl das historische Denken von Schülerinnen und Schülern fördern. Uwe Lagatz schließlich beschreibt die Entwicklung eines neuen kompetenzorientierten Lehrplans und die für seine Implementierung notwendigen flankierenden Maßnahmen. Fortschritt mit Hindernissen – so könnte ein formelhaftes Gesamtfazit lauten.

Von Michael Sauer

Inhaltsverzeichnis

INHALT

Abstracts (S. 602)
Editorial (S. 604)

Beiträge

Franziska Conrad
Qualitätssteigerung des Geschichtsunterrichts durch Kompetenzorientierung?
Versuch einer Bestandsaufnahme nach 15 Jahren (S. 605)

Christine Dzubiel/Benedikt Giesing
Viel Lärm um wenig? Kompetenzorientierung und Geschichtsunterricht aus Sicht von Praktiker*innen in NRW (S. 623)

Meike Hensel-Grobe
„Was interessieren mich die toten Leute“? Kompetenzorientierung und Geschichtsunterricht (S. 639)

Werner Heil
Ein hervorragendes Konzept scheitert an den Unzulänglichkeiten seiner Umsetzung Kompetenzorientierung im Rückblick nach
14 Jahren (S. 655)

Uwe Lagatz
Auf dem Weg zur historischen Kompetenz Erfahrungen aus Sachsen-Anhalt (S. 669)

Informationen Neue Medien

Christian Plath
Kompetenzorientierter Geschichtsunterricht – eine Bestandsaufnahme (S. 683)

Literaturbericht

Barbara Schlieben
Früh- und Hochmittelalter
Vier Forschungsfelder, eine Königsfamilie und eine Methode (S. 685)

Nachrichten (S. 706)

Autorinnen und Autoren (S. 708)

ABSTRACTS

Franziska Conrad
Qualitätssteigerung des Geschichtsunterrichts durch Kompetenzorientierung?
Versuch einer Bestandsaufnahme nach 15 Jahren
GWU 69, 2018, H. 11/12, S. 605 – 622
Eine erste Bilanz hinsichtlich der Auswirkungen der Kompetenzorientierung im Geschichtsunterricht fällt ambivalent aus: Kompetenzorientierung im Geschichtsunterricht hat einerseits dazu geführt, dass der Umgang mit Quellen und Darstellungen gezielt geübt wird. Auch wird der Unterricht stärker so geplant, dass die Schülerinnen und Schüler historisches Wissen anwenden, um Phänomene ihrer Gegenwart und Erscheinungsformen der Geschichtskultur und Geschichtspolitik zu verstehen und erklären. Außerdem nehmen Lehrkräfte den Lernstand der Schülerinnen und Schüler präziser in den Blick. Andererseits ist die Verbindung von Kompetenzen und Inhalten eine anspruchsvolle Aufgabe für Fachkonferenzen und einzelne Lehrkräfte, die nicht immer gelingt. Gerade im Referendariat dominieren gegenwärtig offene und kooperative Unterrichtsformen, bei denen Ergebnissicherung und Vertiefung und somit die Förderung von Urteilskompetenz zuweilen zu kurz kommen.

Christine Dzubiel/Benedikt Giesing
Viel Lärm um wenig?
Kompetenzorientierung und Geschichtsunterricht aus Sicht von Praktiker*innen in NRW
GWU 69, 2018, H. 11/12, S. 623 – 638
Von Seiten der Geschichtslehrkräfte wurde oft beklagt, dass für die Umstellung auf Kompetenzorientierung viel oder gar zu viel „unnötige Arbeit“ anfiel. Der vorliegende Beitrag sieht dies als Warnzeichen und nimmt es zum Anlass zu fragen, ob und inwiefern die Kompetenzorientierung den Geschichtsunterricht überhaupt verändert hat und ob sich der Aufwand gelohnt hat. Praktische Erfahrungen werden artikuliert und für die Handlungsfelder Lehrpläne, Zentralabitur, Lehrwerke und Referendariat unterschiedlich bilanziert.

Meike Hensel-Grobe
„Was interessieren mich die toten Leute“?
Kompetenzorientierung und Geschichtsunterricht
GWU 69, 2018, H. 11/12, S. 639 – 654
In diesem Beitrag wird diskutiert, welche Rolle die Kompetenzorientierung für die Praxis des Geschichtsunterrichts spielt oder noch spielen kann, um die großen Herausforderungen des Faches zu meistern. Dabei werden auch Erfahrungen von Lehrkräften einbezogen, um über Vor- und Nachteile sowie Desiderata in der Umsetzung und in der theoretischen Fundierung nachzudenken; konkret geht es um den kumulativen Kompetenzerwerb und die Gestaltung von Lernumgebungen und -aufgaben. Abschließend werden Perspektiven für die Weiterentwicklung einer Kompetenzorientierung im Fach Geschichte zur Diskussion gestellt. So wird beispielsweise die Einbettung in größere Zusammenhänge eines Lehr-Lern-Modells vorgeschlagen.

Werner Heil
Ein hervorragendes Konzept scheitert an den Unzulänglichkeiten seiner Umsetzung
Kompetenzorientierung im Rückblick nach 15 Jahren
GWU 69, 2018, H. 11/12, S. 655 – 668
Der Artikel gibt im ersten Kapitel eine kurze Bestandsaufnahme zur praktischen Umsetzung des Konzepts der Kompetenzorientierung. Im zweiten Kapitel werden Gründe dafür aufgeführt, warum die Entwicklung und die Umsetzung der Kompetenzorientierung nicht gelungen ist. Im dritten Kapitel werden kurze Überlegungen angestellt, was zu tun ist, um die nach wie vor bestehenden Missstände zu überwinden.

Uwe Lagatz
Auf dem Weg zur historischen Kopetenz Erfahrungen aus Sachsen-Anhalt
GWU 69, 2018, H. 11/12, S. 669 – 682
Der Beitrag behandelt die aktuellen Veränderungen der curricularen Vorgaben für den gymnasialen Geschichtsunterricht des Landes Sachsen-Anhalt mit Blick auf deren Genese und deren konzeptionelle Neuausrichtung. Skizziert werden zudem konkrete Herausforderungen und Erfahrungen, die mit der schulpraktischen Einführung des kompetenzorientierten Fachlehrplans einhergehen.

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Bestandsnachweise 0016-9056