Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 73 (2022) 7/8

Titel der Ausgabe 
Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 73 (2022) 7/8
Weiterer Titel 
Seuchengeschichte

Erschienen

 

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Institution
Geschichte in Wissenschaft und Unterricht
Land
Deutschland
c/o
Prof. Dr. Michael Sauer Universität Göttingen Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte Didaktik der Geschichte Waldweg 26 37073 Göttingen Tel. 0551/39-13388 Fax 0551/39-13385
Von
Michael Sauer, Didaktik der Geschichte, Georg-August-Universität Göttingen

Obwohl in den vergangenen Jahrzehnten historische Abhandlungen zu den Themen Krankheit, Gesundheit und Tod wiederholt ein lebhaftes Interesse hervorgerufen haben, blieb die öffentliche Resonanz insgesamt beschränkt. Sicher, zur Geschichte der „Großen Pest“ im 14. Jahrhundert oder zur Verbreitung der Tuberkulose im 19. und 20. Jahrhundert liegen profunde Darstellungen vor. Bis heute vollzieht sich jedoch die Auseinandersetzung mit Seuchen beziehungsweise Massenkrankheiten weitgehend innerhalb der engen Grenzen spezialisierter Fachgemeinden. In Deutschland trägt dazu die seit langem verfestigte Sonderstellung der Institute zur Geschichte der Medizin bei, wohingegen die anglo-amerikanische Forschung eine enge Anbindung der Medizin an die Sozial- und Kulturgeschichte aufweist.

Im Gefolge der seit 2019 in Europa und anderen Weltregionen aufgekommenen Pandemie scheint sich die Lage in unserem Land zu wandeln, haben doch die Fragen nach dem „richtigen“ Umgang mit den neuen Herausforderungen neben den Epidemiologen die Vertreter:innen zahlreicher Wissenschaftsdisziplinen auf den Plan gerufen.

Das vorliegende Themenheft reagiert unmittelbar auf diese interdisziplinär angelegten Erkundungen, gleichzeitig bietet es einen profunden Überblick zur historischen Forschungslage zur Seuchengeschichte. In diesem Sinne betonen Malte Thießen und Andrea Wiegeshoff in ihrem Einleitungsbeitrag die Anschlussfähigkeit des hier vorgestellten Forschungszweigs nicht nur für die Global-, Medien- und Wissensgeschichte, sondern ebenfalls für Untersuchungen im Zeichen des „material turn“ oder der „animal studies“. Freilich heißt dies nicht, dass die Seuchengeschichte gleichsam Handlungsmuster als Lehren aus der Vergangenheit für die Gegenwart bereithält, wie Karl-Heinz Leven kritisch anmerkt. In seinem Überblick zur Pandemiegeschichte von der Antike bis zur Gegenwart fordert er stattdessen eine sorgfältige Dekonstruktion historischer, vor allem medial unterfütterter Vergleiche der aktuellen Vorgänge mit früheren Seuchen.

Die drei nachfolgenden Aufsätze verfolgen einerseits stärker spezialisierte Fragestellungen, andererseits bieten sie Ausblicke auf die gesundheitspolitischen Verflechtungen Europas mit anderen Weltregionen. So zeichnet Andrea Wiegeshoff nach, wie sich im Zeichen einer Pestwelle an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert die Grenzregime in den europäischen Imperien dieser Epoche änderten. Sie vermag zu zeigen, wie sehr bei den Grenzziehungen moralische und normierende Zuschreibungen darüber entschieden, welche Bevölkerungsgruppen als gesund oder krank eingeordnet wurden. Auch Sarah Ehlers wendet sich der kolonialen Medizingeschichte zu. In ihrem Beitrag zur „Schlafkrankheit“ in den Kolonien auf dem afrikanischen Kontinent arbeitet sie heraus, dass die Erweiterung tropenmedizinischen Wissens ein zutiefst koloniales Projekt des frühen 20. Jahrhunderts darstellte, denn letztlich unterfütterte die Seuchenbekämpfung Vorstellungen einer europäischen „Zivilisierungsmission“ mit medizinischen Argumenten. Im Anschluss daran lenkt Benjamin Brendel den Blick zurück auf die deutsche Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert. Anhand der Seuchenabwehr bei der Schädlingsbekämpfung in der Landwirtschaft demonstriert er, dass darüber eine Semantik begründet wurde, die über einen langen Zeitraum zur Beschreibung und Legitimation gesellschaftlicher Ordnungsvorstellungen und auch von Prozessen sozialer Exklusion diente.

Der Schlussbeitrag von Malte Thießen fragt sodann nach den generellen Potenzialen und Problemen einer Seuchengeschichte. Er verknüpft dies mit dem eindringlichen Appell zu einer erweiterten Gesellschaftsgeschichte von Pandemien. Die hier versammelten Beiträge bieten eine anschauliche Grundlage dafür, dass sein Ruf nach einer engen Verknüpfung von Zeit- und Medizingeschichte mehr als begründet erscheint.

Inhaltsverzeichnis

Abstracts
S. 362

Editorial
S. 364

Beiträge

Malte Thießen/Andrea Wiegeshoff
Seuchengeschichte in Wissenschaft und Unterricht. Neue Erkundungen auf einem alten Forschungsfeld
S. 365–371

Im Horizont der Coronakrise ist die Seuchengeschichte auch in Deutschland zu neuer Prominenz gelangt. Mehr als zwei Jahre seit Beginn der Pandemie ist es daher Zeit für eine Standortbestimmung: Was bietet die Geschichte von Epidemien und Pandemien als Forschungsthema und als Lerngegenstand für den Unterricht? Das vorliegende Themenheft möchte eine Zwischenbilanz ziehen und künftige Perspektiven aufzeigen. Entlang der Beiträge des Hefts stellt die Einleitung zentrale Ansätze der aktuellen Forschung vor und verbindet dies zugleich mit grundsätzlichen Überlegungen zur Relevanz der Seuchengeschichte in Wissenschaft und Unterricht. Sie argumentiert, dass Epidemien ein Schlüssel zum Verständnis gesellschaftlichen Wandels gerade auch im 19., 20. und 21. Jahrhundert sind.

Karl-Heinz Leven
A Sound of Thunder. Von Pest, Grippe und Corona
S. 372–386

Die Seuchengeschichte hat seit dem (ersten) Corona-Jahr 2020 sowohl in der Fachwelt als auch in der medialen Wahrnehmung große Aufmerksamkeit erlangt. Das öffentliche Interesse an der historischen Dimension ist vielschichtig. Zum einen geht es um Parallelen und Analogien zur heutigen Situation, zum anderen besteht der Wunsch, konkrete Handlungsmuster aus historischen Erfahrungen abzuleiten. Der Beitrag thematisiert die gegenwärtige mediale Präsenz der Seuchengeschichte und ihrer Versatzstücke. Hier ist zu fragen, welche Motive und Ziele mit den historischen Reminiszenzen verfolgt werden. In einer diachronen Betrachtung werden sodann Phänomene der Seuchenwahrnehmung und -bewältigung im Sinne von Kontinuitäten und Analogien bis in die gegenwärtige Pandemie-Krise verfolgt.

Andrea Wiegeshoff
Diseases know no borders? Über das Ringen um Grenzen in epidemischen Zeiten
S. 387–402

Was markiert Seuchen aus Sicht der Zeitgenoss:innen und in der historischen Rückschau? Der Beitrag argumentiert am Beispiel der dritten Pestpandemie um 1900, dass eine Spezifik dieser Krankheitsphänomene in der Missachtung von Grenzziehungen liegt. Der Umgang mit Epidemien und Pandemien war immer auch eine Auseinandersetzung mit der Konstruktion und Infragestellung verschiedener Grenzen – im räumlichen Sinne ebenso wie in zeitlicher, sozialer und biologischer Dimension. Das Ringen um derartige Grenzen bietet ein reichhaltiges Untersuchungsfeld für die „Seuchengeschichte“.

Sarah Ehlers
Koloniale Epidemien und globale Aufmerksamkeit. Perspektiven auf die Bekämpfung der Afrikanischen Schlafkrankheit
S. 403–416

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts forderten Epidemien der Schlafkrankheit (Afrikanische Trypanosomiasis) hunderttausende Opfer in den europäischen Kolonialgebieten in Afrika. Für die europäischen Mächte wurde die Bekämpfung der Seuche in den folgenden Jahrzehnten zu einem der wichtigsten medizinisch-administrativen Projekte in Afrika, das durch zahlreiche Presseartikel von der europäischen Öffentlichkeit begleitet wurde. Der Beitrag beschreibt, wie die koloniale Auseinandersetzung mit der Schlafkrankheit mit politischen und gesellschaftlichen Bestrebungen verflochten war und welche globalen Auswirkungen die kolonialen Epidemien hatten.

Benjamin Brendel
„Von Läusen und Menschen“. Das Sozialdrama entgrenzter Seuchen- und Schädlingsbekämpfung seit dem Kaiserreich
S. 417–430

Die Logiken der Seuchenbekämpfung waren in hohem Maße übertragbar. Dieser Beitrag fokussiert auf die Wirkungsmacht des Schädlingsdiskurses im Kontext der Seuchenbekämpfung. Insekten waren eine Projektionsfläche, um Andersartigkeit, moralische Verwerflichkeit und Feindseligkeit politisch und sozial zu konstruieren. Dies begünstigte seit dem Kaiserreich staatlich-autoritäre Strukturen, extreme Formen der Gewalt wie im Holocaust, die lange Kontinuität von Herrschaft vom Kaiserreich bis in die Bundesrepublik, soziale Exklusion und die Konstruktion politischer Gegensätzlichkeit im Ost-West-Konflikt.

Malte Thießen
Geschichte ohne Ende Corona und die jüngste Zeitgeschichte
S. 431–449

Zeitgeschichte ist bekanntlich, wenn es noch qualmt. Aber wie untersuchen wir Geschichte, die sogar noch brennt? Der Beitrag gibt Antworten auf diese Frage und stellt erste Befunde einer Geschichte der Coronapandemie 2020/21 vor. Dabei stehen zum einen methodische Überlegungen zur Historisierung der jüngsten Zeitgeschichte im Fokus. Zum anderen möchte der Beitrag einer Zeitgeschichte der Gesundheit neue Impulse verleihen. Die Geschichte der Coronapandemie ist damit auch ein Plädoyer für ein engeres Zusammengehen von Zeit- und Medizingeschichte.

Informationen Neue Medien

Alessandra Sorbello Staub
Virale Themen: von Pest, Cholera, Corona und andere Plagen
S. 450

Literaturbericht

Ulrich Lappenküper
Deutsches Kaiserreich 1871–1918 Teil II
S. 452

Nachrichten
S. 478

Autorinnen und Autoren
S. 480

ABSTRACTS

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Bestandsnachweise 0016-9056