Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 66 (2015), 5–6

Titel der Ausgabe 
Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 66 (2015), 5–6
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Geschichte der Sklaverei

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monatlich

 

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Institution
Geschichte in Wissenschaft und Unterricht
Land
Deutschland
c/o
Prof. Dr. Michael Sauer Universität Göttingen Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte Didaktik der Geschichte Waldweg 26 37073 Göttingen Tel. 0551/39-13388 Fax 0551/39-13385
Von
Sauer, Michael

Editorial von Peter Burschel

Wer von Globalisierung spricht, spricht immer auch von Arbeit, die mit Gewalt erzwungen wird, von Diensten, die nicht freiwillig sind, von der Kapitalisierung menschlicher Körper. Und es fehlt nicht an Stimmen, die vor diesem Hintergrund nachdrücklich auch auf Sklaverei verweisen – so unterschiedlich sie definiert werden kann. Fest steht, dass die tägliche Erfahrung ökonomischer und sozialer Asymmetrien in einer vernetzten Weltgemeinschaft erheblich dazu beigetragen hat, dass seit geraumer Zeit einmal mehr darüber nachgedacht wird, wie die atlantische Sklavenwirtschaft und der "Aufstieg des Westens" aufeinander zu beziehen sind.

Auch die Beiträge des vorliegenden Heftes versuchen, Sklaverei als eine Wirtschaftsform in den Blick zu nehmen, deren historischer "Ort" noch zu bestimmen ist. Gleichzeitig aber lassen sie keinen Zweifel daran, dass eine solche Bestimmung nur dann gelingen kann, wenn Sklaverei epochen- und kulturspezifisch historisiert wird. Denn allein auf diese Weise können altbekannte Vorstellungen wie zum Beispiel die eines geraden, ja, folgerichtigen Weges von der "vormodernen Sklavenwirtschaft" zum "modernen Kapitalismus" adäquat dekonstruiert werden.

Am Anfang fragt Benjamin Steiner, welche Bedeutung bzw. welche "Nachhaltigkeit" die jüngere und jüngste Historiographie der atlantischen Sklavenwirtschaft zuschreibt. Obwohl er dabei immer wieder auch "nationale" Engführungen beobachtet, kann er doch eine deutliche Tendenz zur atlantischen bzw. zur globalen Erweiterung von Erinnerungs- und Geschichtsdiskursen ausmachen. Steiner begrüßt diese Tendenz nachdrücklich, weist aber auch auf das Problem der irritierenden Nähe globaler Perspektiven zur Relativierung tradierter "Täter-Opfer-Strukturen" hin. Andere methodische Akzente setzt Andrea Binsfeld, die vor dem Hintergrund der einschlägigen Kontroversen seit dem 19. Jahrhundert noch einmal quellen- und forschungsnah nach dem sozialen und ökonomischen Einfluss antiker Sklavenarbeit fragt. Indem sie versucht, ihre Frage konsequent zu historisieren, schafft sie Distanz zu "modernen" wirtschaftstheoretisch inspirierten Modellen, Distanz, die sie diskursiv zu nutzen weiß. Ihr Ergebnis: Sklaven waren zwar in allen antiken Wirtschaftsbereichen omnipräsent, doch würde es zu kurz greifen, die Bedeutung ihrer Arbeit nur quantitativ bemessen zu wollen. Denn zum einen ist in den Quellen ein ausgeprägtes Bewusstsein für Fragen der Effizienz und der Effizienzsteigerung von Sklaven zu fassen und damit für Fragen der Rentabilität im Vergleich zur Lohnarbeit; und zum anderen ergeben sich Rentabilitätsdiskurse immer wieder auch als Prestigediskurse zu erkennen.

Auch Michael Zeuske, der im Anschluss zur atlantischen Sklavenarbeit zurückkehrt, setzt eigene methodische Akzente, indem er die atlantische Sklaverei – und das heißt für ihn in besonderen Maße: Sklaverei im "Iberischen Atlantik" – als "Kapitalismus menschlicher Körper" versteht und damit als "Wirtschaftskultur", die zu akteurszentrierten historisch-anthropologischen Forschungen herausfordert und zwar gerade auch jenseits der definitorischen Schranken des römischen Rechts. Zeuske eröffnet damit konzeptionelle Spielräume, die weit über die atlantische Sklaverei hinausweisen, wie abschließend Isabell Heinemann vor Augen führt. Heinemann fragt nach dem Zusammenhang von "unfreier Arbeit" und "rassenpolitischer Kategorisierung" in den von Deutschland besetzten Gebieten Ost- und Südosteuropas während des Zweiten Weltkriegs und kommt zu dem Schluss, dass hier Ökonomie und Ideologie nicht einfach als Gegensätze zu verstehen sind, sondern im Gegenteil eine enge (und durchaus effiziente) Verbindung eingingen. Eine Verbindung, die als "Ökonomie der Ungleichheit" millionenfache Ausbeutung ermöglichte – und damit eine der Voraussetzungen für die deutschen Versuche war, Europa ethnisch neu zu ordnen.

Inhaltsverzeichnis

INHALT DER GWU 5–6/2015

ABSTRACTS (S. 242)

EDITORIAL (S. 244)

BEITRÄGE

Benjamin Steiner
Wohlstand dank Sklaverei? Die Bedeutung der atlantischen Sklavenökonomie in der gegenwärtigen Historiographie (S. 245)

Andrea Binsfeld
Sklaverei als Wirtschaftsform. Sklaven in der Antike – omnipräsent, aber auch rentabel? (S. 262)

Michael Zeuske
Atlantic Slavery und Wirtschaftskultur in welt- und globalhistorischer Perspektive (S. 280)

Isabel Heinemann
Ökonomie der Ungleichheit. Unfreie Arbeit und Rassenideologie in der ethnischen Neuordnung Europas, 1939-1945 (S. 302)

Anita Rieche
Antike Architektur in historischen Gegenwarten. Bauliche Rekonstruktion als Palimpsest (S. 323)

INFORMATIONEN NEUE MEDIEN

Alessandra Sorbello Staub
Abolitionismus und Sklaverei in Geschichte und Gegenwart (S. 341)

LITERATURBERICHT

Daniel Schönpflug
Geschichte Frankreichs in transnationaler Perspektive Teil II (S. 344)

NACHRICHTEN (S. 358 )

AUTORINNEN UND AUTOREN (S. 360)

ABSTRACTS DER GWU 5–6/2015

Benjamin Steiner
Wohlstand dank Sklaverei? Die Bedeutung der atlantischen Sklavenökonomie in der gegenwärtigen Historiographie
GWU 66, 2015, H. 5/6, S. 245 – 261

Der Beitrag fragt auf einer historiographiegeschichtlichen Ebene, welche Bedeutung die Geschichte der atlantischen Sklavenökonomie in Hinsicht auf die Herausbildung der westlichen Hegemonie hat. Denn nach dem Ende der Dominanz der großen materialistischen und liberalen Meistererzählungen scheint die Frage nach Verantwortung, Schuld und der Verteilung der Rollen von "Tätern" und "Opfern" in den jeweils nationalen Diskursen neuen Bewertungskategorien angepasst zu werden. Hierbei ist insbesondere die Tendenz der gegenwärtigen Historiographie hervorzuheben, die nationale Rahmung um eine atlantische oder sogar eine globale Dimension zu erweitern. Dass diese Erweiterung nicht unproblematisch ist, zeigt die Kritik an einem neu aufkommenden Relativismus, der in auffälliger Nachbarschaft zur globalen Perspektive mancher neuerer Publikationen steht.

Andrea Binsfeld
Sklaverei als Wirtschaftsform. Sklaverei in der Antike – omnipräsent, aber auch rentabel?
GWU 66, 2015, H. 5/6, S. 262 – 279

Welche Rolle spielte die Sklavenarbeit für die antike Wirtschaft und Gesellschaft? Diese Frage wurde im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Historikern, Soziologen, Philosophen und Ökonomen engagiert diskutiert und im Begriff der "Sklavenhaltergesellschaften" konkretisiert. Wie groß der soziale und ökonomische Einfuss der Sklaverei war, zeigt ein Überblick über die antiken Quellen. Diese bezeugen nicht nur die Omnipräsenz von Sklaven in der antiken Ökonomie, sondern auch ein kritisches Bewusstsein, was die Rentabilität von Sklavenarbeit angeht. Der Bedarf an Arbeitskräften orientierte sich jedoch nicht allein an ökonomischen Kriterien, sondern auch an Fragen des Prestiges.

Michael Zeuske
Atlantic Slavery und Wirtschaftskultur in welt- und globalhistorischer Perspektive
GWU 66, 2015, H. 5/6, S. 280 – 301

Der Artikel defniert in einem ersten Teil Sklavereien in der Perspektive heutiger Globalgeschichte (und noch heute existierender Sklavereien). Damit ist es möglich, Sklavereien außerhalb des legalistischen Konzepts der Eigentumssklaverei in der Tradition des "römischen Rechts" zu analysieren, vor allem die Sklavereien in der Weltgeschichte vor, neben und nach der atlantischen Sklaverei (Atlantic slavery). Der Beitrag diskutiert Atlantic slavery in allen Dimensionen: "Sklavenproduktion" im Innern Afrikas, Sklaventransport und -handel auf dem Atlantik (middle passage) und Orte der Sklaverei in den Amerikas (Plantagen, Bergwerke, Haus- und Transportsklaverei). Ein Schwerpunkt der Analyse liegt auf dem Konzept "Kapital menschlicher Körper" als Basis der Entwicklung des Kapitalismus in der atlantischen Hemisphäre unter Einbeziehung Afrikas (Atlantisierung, Akkumulation).

Isabel Heinemann
Ökonomie der Ungleichheit. Unfreie Arbeit und Rassenideologie in der ethnischen Neuordnung Europas, 1939–1945
GWU 66, 2015, H. 5/6, S. 302 – 322

Anders als von der Forschung lange angenommen, standen Ökonomie und Ideologie weder in der NS-Umsiedlungspolitik noch im millionenfachen Einsatz von Zwangsarbeitern in direktem Widerspruch zu einander. So beruhten die Versuche der ethnischen Neuordnung (Ost)Europas unter deutscher Vorherrschaft auf einer "Ökonomie der Ungleichheit". Ohne die millionenfache Ausbeutung von Zwangsarbeitern wären sie nicht auch nur in Ansätzen realisierbar gewesen. Umgekehrt war die nach rassischen Kategorien gestaffelte Behandlung von Arbeitsdienstverpflichteten und Zwangsarbeitern ohne die rassenpolitische Hierarchisierung der Menschen innerhalb der NS-Besatzungspolitik nicht denkbar. Schließlich enthüllt erst der Blick auf die Behandlung der Bevölkerung vor Ort in den besetzten Gebieten – und weniger auf den massenhaften Arbeitseinsatz im Reich – das Ausmaß der Gewalt, welches eine vollständige ethnische Neuordnung entfesselt hätte.

Anita Rieche
Antike Architektur in historischen Gegenwarten. Bauliche Rekonstruktion als Palimpsest
GWU 66, 2015, H. 5/6, S. 323 – 340

Drei Nachbildungen antiker römischer Architektur – das Pompejanum in Aschaffenburg, die Saalburg und die Katakomben in Valkenburg – werden vorgestellt. Es wird gezeigt, wie neben dem römischen Inhalt in unterschiedlicher Weise Merkmale anderer Epochen und historischer Prozesse Teil der Darstellung wurden. Im Vergleich mit den wissenschaftlichen archäologischen Rekonstruktionen der jüngeren Zeit wird nach ihrer Wirkung und der Vermittlung an ein breites Publikum gefragt.

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