Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 64 (2013), 3–4

Titel der Ausgabe 
Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 64 (2013), 3–4
Weiterer Titel 
Zur Geschichte des Historikerverbands

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monatlich

 

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Institution
Geschichte in Wissenschaft und Unterricht
Land
Deutschland
c/o
Prof. Dr. Michael Sauer Universität Göttingen Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte Didaktik der Geschichte Waldweg 26 37073 Göttingen Tel. 0551/39-13388 Fax 0551/39-13385
Von
Sauer, Michael

Editorial von Christoph Cornelißen

Die Geschichte der Geschichtswissenschaften spiegelt sich in ihren Institutionen, ohne darin aufzugehen. Der 1895 gegründete Verband der Historiker Deutschlands bietet hierfür ein anschauliches Beispiel, versuchte er doch seit seinen Anfängen, mittels periodischer Historikertage sowohl die Verständigung über professionelle methodische Standards als auch die kritische Diskussion historischer Fragen voranzutreiben. Darüber hinaus war es fortlaufend sein Ziel, dem Fach Geschichte an den Schulen und Universitäten des Landes einen hohen Stellenwert zu sichern.

Angesichts der Bedeutung des VDH muss es verwundern, dass dieser in Europa heute größte geisteswissenschaftliche Fachverband bislang keine umfassende kritische wissenschaftliche Würdigung erfahren hat. Obwohl der politische Umbruch seit 989/90 geradezu eine Welle der fachlichen Selbstreflexion auslöste, die unter anderem eine Neubewertung der deutschen Historiker im Nationalsozialismus nach sich zog, blieb der VDH von dieser Tendenz unberührt. Da eine solche Lage aus Sicht des VDH unbefriedigend war, betraute er im Jahr 2010 eine Arbeitsgruppe mit einer Gesamtdarstellung der Geschichte des deutschen Historikerverbandes. Die in diesem Themenheft versammelten Beiträge präsentieren die ersten Früchte methodischer und inhaltlicher Vorüberlegungen für eine Gesamtdarstellung.

Schon der breite thematische Rahmen gibt zu erkennen, dass es hierbei um weit mehr als eine eng verstandene Verbandsgeschichte geht. Im Grunde heben alle Beteiligten darauf ab, die Vorgänge im und um den VDH in die weitere Entwicklung der deutschen sowie internationalen Geschichtswissenschaft einzubetten. Zu diesem Zweck verdeutlicht Gabriele Lingelbach in vergleichender Perspektive, dass die verschiedenen Nationalverbände in unterschiedlichem Maße die Etablierung wissenschaftlicher Standards und die Professionalisierung vorantrieben, gelegentlich sogar eine methodische und thematische Engführung förderten. Darüber hinaus arbeitet Matthias Berg die dauerhaften Spannungen heraus, die sich seit der Gründung der Verbandes bis 1945 aus den Widersprüchen zwischen dem internationalen Selbstverständnis der Verantwortlichen im VDH auf der einen Seite und ihrem nationalistischen Engagement auf der anderen Seite ergaben. Dass der VDH jedoch ebenso gegenteilige Trends begünstigen konnte, verdeutlicht Olaf Blaschke in seinen Ausführungen über die krisenhaften 1970er Jahre. Damals öffnete der Verband die Historikertage für engagierte Debatten über die neue Sozialgeschichte, sah sich jedoch gleichzeitig in einem Abwehrkampf gegen krude Politisierungsversuche befangen.

Die Phase seit 1949 wird jedoch, worauf Martin Sabrow nachdrücklich hinweist, erst vor dem Hintergrund der anhaltenden deutsch-deutschen Systemkonkurrenz verständlich. Im Osten Deutschlands habe sich eine Wissenschaftskultur eigenen Typs herausgebildet, die nur über eine wechselseitige Wahrnehmungs- und Zuschreibungsgeschichte hinreichend erfasst werden könne. Christoph Cornelißen blendet anschließend zum Bochumer Historikertag aus dem Jahr 1990 über, der weder in personeller noch in inhaltlicher Hinsicht als 'Vereinigungs-Historikertag' gewertet werden könne. Die Leitlinie des Verbandes, zumindest in Teilen der ostdeutschen Geschichtswissenschaft eine Zukunft im vereinten Deutschland zu ermöglichen, wurde von der Vereinigungsdynamik fast völlig hinweggefegt.

Alle Beiträge dokumentieren, wie sehr sich die jeweilige Verbandspolitik in Abhängigkeit von den übergeordneten politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen bewegte. Gleichwohl darf darüber nicht, worauf Stefan Berger in seinem einleitenden Überblick aufmerksam macht, die Autonomie fachlichen Handelns übersehen werden. Dieses Spannungsverhältnis in internationaler Perspektive vertiefend auszuloten, bildet den Fokus der derzeit laufenden Arbeiten zur Geschichte des VDH.

Inhaltsverzeichnis

INHALT DER GWU 3–4/2013

ABSTRACTS (S. 130)

EDITORIAL (S. 132)

BEITRÄGE

Stefan Berger
Geschichtswissenschaft und ihre Organisationsgeschichte (S. 133)

Gabriele Lingelbach
Funktion und Entwicklung von Historikerverbänden im internationalen Vergleich (S. 139)

Matthias Berg
„Eine grosse Fachvereinigung“? Überlegungen zu einer Geschichte des Verbandes Deutscher Historiker zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus (S. 153)

Olaf Blaschke
Der Verband im Umbruch? Herausforderungen und Konflikte um 1970 (S. 164)

Martin Sabrow
Der Kalte Krieg der deutsch-deutschen Geschichtswissenschaft 1949–1989 (S. 174)

Christoph Cornelißen
„Vereinigungs-Historikertag“ in Bochum? Zur Rolle des Verbandes der Historiker Deutschlands (VHD) in den Jahren 1989–1991 (S. 187)

Uwe Israel
Krisenbewältigung und Gemeinschaftsstiftung. St. Laurentiustag 955 (S. 203)

Annerose Menninger
Lies my Textbook told me. Christoph Columbus in Wissenschaft und Populärkultur (S. 221)

INFORMATIONEN NEUE MEDIEN

Gregor Horstkemper
Comité, Gesellschaft, Association (S. 238)

LITERATURBERICHT

Christian Jansen
Deutsche Geschichte 1806 – 1870 im europäischen Kontext, Teil II (S. 241)

NACHRICHTEN (S. 254)

AUTORINNEN UND AUTOREN (S. 256)

ABSTRACTS DER GWU 3–4/2013

Stefan Berger
Geschichtswissenschaft und ihre Organisationsgeschichte
GWU 64, 2013, H. 3/4, S. 133 – 138

Bei dem kurzen Kommentar zu den nachfolgenden Aufsätzen handelt es sich um eine revidierte Fassung meines Kommentars zu dem Panel auf dem Historikertag 2012, auf dem die hier versammelten Beiträge erstmals vorgestellt wurden. Er versucht, einige transnationale Bemerkungen zur Organisationsgeschichte des deutschen Historikerverbands zu verbinden mit jeweils spezifischen Ausführungen zu den jeweiligen Einzelbeiträgen. Die spezifsche Form des Konferenzkommentars wurde weitgehend beibehalten.

Gabriele Lingelbach
Funktion und Entwicklung von Historikerverbänden im internationalen Vergleich
GWU 64, 2013, H. 3/4, S. 139 –152

Historikerverbände wurden im 19. und 20. Jahrhundert in vielen Ländern gegründet. Der Beitrag analysiert, inwieweit sich Unterschiede hinsichtlich der von den einzelnen Verbänden wahrgenommenen Funktionen und Unterschiede hinsichtlich des Aktivitätsradius dieser Organisationen über das jeweilige institutionelle Umfeld, die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen oder auch den Professionalisierungsgrad der Historiker erklären lassen.

Matthias Berg
„Eine große Fachvereinigung“? Überlegungen zu einer Geschichte des Verbandes Deutscher Historiker zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus
GWU 64, 2013, H. 3/4, S. 153 –163

Der „Verband Deutscher Historiker“ wurde 1895 vornehmlich zur Veranstaltung der deutschen Historikertage begründet. Im Beitrag werden Überlegungen für eine Geschichte des Verbandes zwischen wilhelminischem Kaiserreich, Weimarer Republik und Nationalsozialismus skizziert, seine institutionelle Position in der deutschen und internationalen Geschichtswissenschaft beschrieben sowie die Grenzen seines Wirkens erwogen. Es wird gefragt, ob der Verband und in welchen seiner Funktionen als „Fachvereinigung“ der historischen Disziplin gelten konnte.

Olaf Blaschke
Der Verband im Umbruch? Herausforderungen und Konflikte um 1970
GWU 64, 2013, H. 3/4, S. 164 –173

Um 1970 befand sich das Fach Geschichte im Umbruch. Zunehmend etablierten sich Sozialhistoriker im Feld, aber zugleich erfuhr das Fach einen Relevanzverlust. Konnte der Verband der Historiker Deutschlands (VHD) das Fach aus der viel beschworenen Krise manövrieren? Der Verband war damals relativ stabil. Von größeren internen Umbrüchen blieb er verschont. Deshalb konnte er fachinternen und fachexternen Herausforderungen erfolgreich begegnen. Vor allem auf dem Feld der Bildungspolitik kämpfte er öffentlich und politisch gegen den Abbau des Faches Geschichte in Schule und Universität. Jetzt erwachte zum ersten Mal seit 1890 wieder der oppositionelle Kampfgeist, dem er seine Existenz im Wilhelminischen Kaiserreich verdankte.

Martin Sabrow
Der Kalte Kriege der deutsch-deutschen Geschichtswissenschaft 1949–1989
GWU 64, 2013, H. 3/4, S. 174 – 186

Der Beitrag beleuchtet die Doppelexistenz der institutionalisierten Geschichtswissenschaft im geteilten Deutschland. Ausgehend von der methodischen Überlegung, mit welchem analytischen Modell sich diese deutsch-deutsche Parallelgeschichte am präzisesten fassen lässt, verfolgt der Artikel die dreißigjährige Konkurrenz zwischen dem Verband der Historiker Deutschlands im Westen und der Deutschen Historiker-Gesellschaft im Osten. Im Zentrum steht dabei die leitende Frage nach den sich wandelnden Modi und Praxen der fachlichen Selbstverständigung beider Verbände zwischen Abschottung und Annäherung, die als Grundlage einer typisierenden Phasenbildung dienen können.

Christoph Cornelißen
„Vereinigungs-Historikertag“ in Bochum? Zur Rolle des Verbandes der Historiker Deutschlands (VHD) in den Jahren 1989–1991
GWU 64, 2013, H. 3/4, S. 187 – 202

Als der Bochumer Historikertag im September 1990 stattfand, war bereits abzusehen, dass der ostdeutschen Geschichtswissenschaft sowohl in personeller als auch institutioneller Hinsicht ein grundlegender Umbau ins Haus stand. Hieraus ergaben sich zahlreiche Spannungen und Kontroversen, die auf dem Bochumer Historikertag vor allem auf einer Podiumsdiskussion zur Lage der Geschichtswissenschaft in der DDR zum Austrag kamen. Auf der Basis einer Auswertung der neu erschlossenen Akten des Verbandes der Deutschen Historiker zeichnet der Beitrag nach, wie sich die rapide ändernden politischen Rahmenbedingungen auf die Vorbereitung und Durchführung des Historikertages auswirkten. Weiterhin werden ausgewählte Probleme bei dem Aufeinanderprallen zweier Geschichtswissenschaften diskutiert, deren Sprache, methodische Grundierung und Forschungsinteressen eine Synthese zuletzt ausschlossen.

Uwe Israel
Krisenbewältigung und Gemeinschaftsstiftung. St. Laurentiustag 955
GWU 64, 2013, H. 3/4, S. 203 – 220

Die frühen Ottonen hatten sich der Herausforderung zu stellen, einen polyzentrischen Herrschaftsverband ohne rechtes Gemeinschaftsbewusstsein mit schwach ausgeprägten Strukturen und mangelnder Tradition gegen krisenhafte Auflösungstendenzen von außen und innen zu stabilisieren. Wie gelang es Otto dem Großen, die Kräfte des jungen Reiches in höchster Not gegen die hereinbrechenden Ungarn zu mobilisieren? Welche Rolle spielten das durch ihn gesteigerte Sakralkönigtum und die transzendente Überhöhung von Kampf und Sieg auf dem Lechfeld für eine fortdauernde Gemeinsinnsgenerierung in einer Zeit, in der Gesellschaft ohne Religion nicht zu denken ist?

Annerose Menninger
Lies my textbook told me. Christoph Kolumbus in Wissenschaft und Populärkultur
GWU 64, 2013, H. 3/4, S. 221 – 237

Vor 520 Jahren landete Kolumbus in der Karibik. Seitdem hat sich im öffentlichen Bewusstsein der westlichen Welt eine beispiellos verklärte Chiffre vom epochalen und tragischen Entdecker Amerikas etabliert. Das gilt bis heute, obwohl die Forschung seit den 1990er Jahren dieses Konstrukt mit Nachdruck demontiert. Der Beitrag erschließt seine Genese anhand von Schlüsselmedien der Populärkultur: Reiseliteratur, Denkmal, Historienmalerei, Roman, Lexikon, Spielfilm, World Wide Web, Werbung, Kinder- und Schulbuch. Zugleich wird Kolumbus im Rahmen einer Kurzbiografie kritisch beleuchtet und im Spiegel einschlägiger Quellen als Entdecker, Kolonisator und Eroberer analysiert.

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